Panorama

Versöhnungsfest Jom KippurJeder feiert auf seine Art

08.10.2008, 14:45 Uhr

Der heiligste der jüdischen Feiertage, Jom Kippur, wird weltweit von 13 Millionen Juden begangen. Bisweilen werden nicht-religiöse Juden über die Feiertage zu Gläubigen. Andere hingegen fliehen in den Urlaub.

Das Versöhnungsfest Jom Kippur ist der heiligste der jüdischen Feiertage, doch nicht alle der weltweit mehr als 13 Millionen Juden begehen ihn. Bisweilen werden nicht-religiöse Juden aber über die Feiertage zu Gläubigen. Andere fahren in den Urlaub ins Ausland, um möglichst wenig von dem Feiertag mitzubekommen. Es geht um Reue und Versöhnung und die Erlösung von Sünden. Deswegen ist ein zentraler Spruch während der Feiertage: "Leg Dich bloß nicht mit Gott an!"

Jom Kippur wird jährlich an einem anderen Tag gefeiert. Nach jüdischer Zeitrechnung fällt der Gedenktag immer auf den zehnten Tag nach dem jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana. Bei Sonnenuntergang des letzten der "Zehn Tage der Reue" beginnt Jom Kippur. Schon während der Tage davor rezitieren religiöse Juden die sogenannten Selichot (Bußgebete). Am Abend des Jom Kippur gibt es ein besonders beliebtes Ritual unter Gläubigen, die "Kaparot". Ein Huhn wird unter den Schulterblättern gepackt und dreimal um den Kopf gehoben. Damit sollen symbolisch die eigenen Sünden auf das Huhn übertragen werden. Danach fastet die Mehrheit der Juden 25 Stunden lang - selbst Wasser darf nicht getrunken werden.

Manche Israelis machen jedoch in einer Art von Gegenbewegung bewusst nicht mit: Sie schlemmen statt zu fasten. So sieht man in Tel Aviv bisweilen Grüppchen, die am Strand demonstrativ Campingtische mit Wein und Essen aufgebaut haben und gemütlich beisammensitzen. "Ich will zwar nicht provozieren, aber gegen ein Picknick mit Freunden im Freien an Jom Kippur habe ich nichts", sagt die 26 Jahre alte Magdalena Goldin aus Tel Aviv.

Die Mehrheit der eher weltlich ausgerichteten Israelis entscheidet sich jedoch für einen Mittelweg. Manche gehen mit ihren Kindern in die Synagoge zum Kol Nidre ("Alle Gelübde") Gebet, doch ebenso wie Hunderttausende andere zieht es sie abends zu Fuss, mit Fahrrädern und Rollerblades auf die autofreien Straßen. Nur einige werden einen Tag lang zu neuerweckten Gläubigen, um sich von ihren Sünden zu befreien.

Viele decken sich noch vor dem Feiertag mit Videos ein, um sich das Fasten zu erleichtern. Auch der Großeinkauf für das große Schlemmen danach im Kreise der Familie wird vorher erledigt, denn an Jom Kippur bleiben Geschäfte wie Restaurants und Bars geschlossen.

Eine friedliche Stimmung

"Ich gehe nicht in die Synagoge oder bete, aber ich gehe abends raus und genieße die Atmosphäre des Jom-Kippur-Feiertages. Das ist toll. Nur einmal im Jahr kann man mitten auf den Straßen quer durch die Stadt gehen. Es ist eine sehr friedliche Stimmung, und alle bemühen sich, nett zueinander zu sein", sagt der 27-jährige Juval Sofer aus Tel Aviv.

Die Stimmung wird jedoch durch die Erinnerung an den Jom-Kippur- Krieg gedämpft. Der Schrecken des militärischen Angriffs am 6. Oktober 1973 durch Ägypten und Syrien sitzt bis heute tief in der israelischen Volksseele. Damals wurden so viele israelische Soldaten wie in keinem Krieg zuvor getötet: 2500 starben, 7000 wurden verwundet. An Jom Kippur 1973 herrschte Endzeitstimmung.

Fest der gemischten Gefühle

So ist Jom Kippur auch heute ein Fest der gemischten Gefühle. Die Angst vor den eigenen Sünden und die Suche nach Harmonie im Umgang mit anderen spielen dabei eine Rolle. Außerdem spielten die Radiosender bis kurz vor Beginn des Feiertages Nachrichten aus der Zeit des Kriegs von 1973. Dramatische Live-Mitschnitte von den damaligen Aufrufen zur Mobilisierung erinnern Israelis heute daran, dass sie sich auch am Fest der Reue und Versöhnung nicht allzu sicher fühlen können.

Quelle: Philipp Holtmann, dpa