Umstrittener DichterJewtuschenko wird 75
Er gilt als der letzte Klassiker der Sowjetliteratur und ist in dieser Rolle nicht unumstritten: Jewgeni Jewtuschenko. Weder der Westen noch seine Heimat Russland nahmen dem Autor so bekannter Gedichte wie "Stalins Erben" den Dissidenten jemals so richtig ab.
Jewgeni Jewtuschenko liebt seine vor Pathos nur so strotzenden Gedichtrezitationen vor Massenpublikum. Als die Dichter-Legende, in der Sowjetunion der Nach-Stalin-Zeit und im Westen zu Ruhm gelangt, im Moskauer Olympia-Stadion 2007 eine Rock-Oper mit eigenen Versen reimte, jubelten die russischen Fans dem alten Mann mit der Schiebermütze zu. Doch dieser letzte Klassiker der Sowjetliteratur, wie ihn manche Kritiker nennen, ist nicht unumstritten. Am 18. Juli feiert Jewtuschenko seinen 75. Geburtstag.
Weder der Westen noch seine Heimat nahmen dem Autor so bekannter Gedichte wie "Station Sima", "Stalins Erben" und des russischen Bestseller-Romans "Stirb nicht vor deiner Zeit" den Dissidenten jemals so richtig ab. Zwar hat sich der in rund 70 Sprachen übersetzte Schriftsteller solidarisch gezeigt mit verfolgten Regimekritikern wie Alexander Solschenizyn. Jewtuschenko wurde auch selbst wegen seiner kritischen Haltung unter anderem aus dem berühmten Moskauer Gorki-Institut ausgeschlossen.
Vorwurf der Doppelzüngigkeit
Mit den Machthabern hat sich die Stimme der 1960er Generation allerdings nie überworfen und genoss etwa das Privileg, in den Westen reisen zu dürfen. Der Dissident und Literaturnobelpreisträger Josef Brodski warf seinem Kollegen offen Doppelzüngigkeit vor und trat aus Protest 1978 aus der Amerikanischen Akademie der Künste aus, als Jewtuschenko dort Ehrenmitglied wurde.
Jewtuschenko wurde 1933 - nach einigen anderen Angaben schon 1932 - in der sibirischen Eisenbahnsiedlung Sima (Winter) bei Irkutsk als Sohn eines Geologenehepaars geboren. Er debütierte ausgerechnet in einer Fußballzeitung. "Ein Poet in Russland ist mehr als ein Poet", lautete sein früh formuliertes Credo. Im Tonfall sowjetischer Propaganda lobte er manchmal in seinen Texten das werktätige Volk, Lenin und die kommunistische Partei.
Zum Weltruhm mit "Babij Jar"
Mit seinem Gedicht "Babij Jar" erlangte Jewtuschenko 1961 Weltruhm. Darin erwähnte er erstmals in der Sowjetunion den Massenmord an Kiewer Juden von 1941 und verband die Anklage gegen das deutsche Verbrechen mit dem Antisemitismus im eigenen Land. Jewtuschenko lebte ein Schriftstellerleben lang zwischen Anpassung und Opposition, protestierte etwa gegen den Einmarsch der Sowjetarmee in Prag 1968, nahm das Schreiben aber wieder zurück.
Den Höhepunkt erreichte sein politisches Engagement mit der vom ersten sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow eingeläuteten Tauwetter-Politik von Glasnost und Perestroika. Russland erlebte nun nicht nur den schreibenden, vor der Kamera schauspielernden und Regie führenden Jewtuschenko ("Stalins Begräbnis", 1990). Der Künstler trat erstmals auch als Abgeordneter auf. Ein Angebot von Präsident Boris Jelzin, Kulturminister zu werden, schlug er aber aus.
Auch aus Enttäuschung über die neue "Zensur des Kommerzes" ging er Anfang der 1990er Jahre an die Universität Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma. Literarisch wurde es ruhig um ihn. Seine Studenten beschrieben ihn 2005 in einem Internetforum als "urkomisch, exzentrisch und brillant", als Unterhaltungskünstler, der Menschen gern auf den Arm nehme und immer gute Noten gebe. Die Literaturkritik war gespalten.
Ehrenbürger in den USA und hochverehrt in Russland
Während die einen Jewtuschenko erzählerisches Können in bester Tradition russischer Realisten bescheinigen, schreiben ihm andere Populismus und Gefallsucht zu. Seine Biografie "Der Wolfspass" 2000 war auch der Versuch, sich zu rechtfertigen. In der Sowjetunion habe ein Dichter vor der tragischen Wahl gestanden: "Entweder er ging und druckte alles, was er wollte, im Westen (...), oder er blieb und schlängelte sich durch die Zensur wie durch einen Stacheldrahtzaun, in dem er Fetzen der eigenen Haut ließ."
Jewtuschenko trat auch als Fotograf mit eigenen Bildbänden und als Übersetzer in Erscheinung und erwarb sich Verdienste als Herausgeber verbotener und vergessener Dichter. Der viermal verheiratete Vater von fünf Söhnen ist heute Ehrenbürger mehrerer US-Städte und hochverehrt in seiner russischen Heimat. Sogar ein kleiner Planet wurde nach dem Poeten benannt: Er heißt 4234 Evtushenko und ist gute 247 Millionen Kilometer von der Erde entfernt.
Ulf Mauder, dpa