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Aufgaben gibt es für alle: Die Bewohnerin Yasmin hilft bei der Gestaltung der Innenräume.
Aufgaben gibt es für alle: Die Bewohnerin Yasmin hilft bei der Gestaltung der Innenräume.(Foto: dpa)
Donnerstag, 22. Juli 2010

Pilotprojekt "Haus der Arbeit": Kranke entdecken ihren Selbstwert

Sie waren die Extremfälle in der Psychiatrie. Geistig behindert und süchtig. Viele verweigerten die üblichen Therapien. Erst durch die Arbeit an einer Bauruine blühen sie auf.

Eckardt Goldbach macht den Abwasch und bringt mal den Müll raus. Ansonsten schläft er viel und puzzelt. Der 66-Jährige ist schon 36 Jahren in der Psychiatrie und Alkoholiker. Seit Januar blüht Eckardt auf, in dem „Haus der Arbeit“ wie er es nennt. In dem zweistöckigen Fachwerkhaus in Sehnde bei Hannover werkeln 45 psychisch kranke Menschen, die zudem alkohol- oder drogenabhängig waren oder noch immer sind. „Es ist für Leute, die was auf dem Kasten haben“, sagt er stolz. Und täglich beweisen das die Bewohner des Klinikums Wahrendorff beim Umbau des renovierungsbedürftigen Hauses.

„Wir nutzen die handwerklichen Fähigkeiten der Bewohner und stimmen alle Umbaupläne mit ihnen ab“, erläutert Susan Wegner, die das nach Klinikumsangaben bundesweit einzigartige Projekt koordiniert. Ziel sei es, den ehemaligen „Problemfällen“ zur Selbstständigkeit zu verhelfen und mit einer Tagesstruktur Alternativen zur Sucht zu geben.

Herkömmliche Therapieformen scheitern

Steffen konstruiert einen Holzrahmen für das sanierungsbedürftige "Streetworker Haus" in Sehnde auf dem Klinikumgelände Wahrendorf.
Steffen konstruiert einen Holzrahmen für das sanierungsbedürftige "Streetworker Haus" in Sehnde auf dem Klinikumgelände Wahrendorf.(Foto: dpa)

Mit schwerem Werkzeug schlagen sie Wände ein, ziehen neue Mauern im Innenbereich hoch, senken Decken ab, tapezieren, streichen und legen Laminat. „Es macht mir viel Spaß. Ich bin gern unter Menschen. Hier ist es besser als auf der Station“, sagt Frank Müller. Der 41-Jährige ist gelernter Schlosser und war dreieinhalb Jahre auf der geschlossenen Station, hatte täglich ein bis zwei Stunden Ausgang. „Herr Müller hat immer versucht abzuhauen, um sich Tabletten zu besorgen“, erzählt Heilerziehungspfleger Dieter Heger. Jetzt schnitzt Frank filigrane Figuren für das Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel im Freizeitzimmer.

„Wir wollten nicht hinnehmen, dass wir manche Patienten mit unseren zahlreichen Therapiemöglichkeiten nicht erreichen konnten“, erklärt der Geschäftsführer des Klinikums Wahrendorff, Alfred Jeske. Nach eigenen Angaben ist das Klinikum mit derzeit 960 Patienten Europas größte psychiatrische Einrichtung in privater Trägerschaft. Als der Vorschlag der Mitarbeiter kam, das etwas heruntergekommene ehemalige Wärterhaus der Klinik an einer Landstraße im Sehndener Ortsteil Ilten in die Therapiemaßnahmen einzubinden, habe er sofort zugestimmt. Zu Beginn des Jahres starteten die Umbauarbeiten. Die Sorgenkinder der Klinik bekommen ihre Medikamente und gehen voller Elan zur Arbeit, wie sie es selbst nennen.

Freude am Leben kehrt zurück

Innerhalb eines halben Jahres haben die geistig und seelisch Behinderten die Ruine in ein kleines Schmuckstück verwandelt. Küche, Badezimmer, Computerraum, Musikzimmer und Entspannungsraum - alles haben sie in Eigenleistung und mit Möbelspenden geschafft. Zwischen 8.00 und 16.30 Uhr wird gearbeitet. „Jeder macht so lange und so viel er kann“, sagt Sozialpsychiaterin Tanja Sievers.

Hinterm Haus wachsen im selbstangelegten Beet Rosen und Tomaten. Hans Dieter Swierkusz kümmert sich liebevoll um die Pflanzen, düngt, schneidet und gießt sie. „Nur ich trinke zu wenig“, sagt der 69-Jährige. Als alle am Tisch lachen, weil er Alkoholiker ist, strahlt er auch. Die Stimmung ist ausgelassen. Freude am Leben hatten sie zuvor nicht allzu häufig.

Haus der Zukunft?

Die Bewohner leben auf: Patrik ist begeistert von der Arbeit mit Hammer und Meißel.
Die Bewohner leben auf: Patrik ist begeistert von der Arbeit mit Hammer und Meißel.(Foto: dpa)

„Wir wollen es uns hier gemütlich machen, aufeinander aufpassen“, sagt Steffen Herfurth. Der 26-Jährige ist gelernter Zimmermann und darf daher als einziger an die elektrischen Sägen. Ein Privileg, dass ihm sichtbar gut tut. „Ich zeige den anderen gerne wie gemessen und gesägt wird.“

Immer auf den Fersen der beiden Betreuer ist Patrik. Der 19-Jährige ist der heimlicher Liebling im „Haus der Arbeit“. Mit vier Jahren kam er ins Heim, trank schon früh Unmengen an Alkohol und rauchte Haschisch. Seine Mutter und sein Bruder starben beide an Drogen. „Er hatte keine Kindheit. Er ist mein Sorgenkind, weil er noch so jung ist“, sagt Dieter Heger. Der junge Mann weicht ihm nicht von der Seite. „Ich lerne alles von ihm. Ich habe den Putz von den Wänden abgeschlagen und Mörtel angerührt“, erklärt Patrik. Was aus dem „Haus der Arbeit“ wird, ist noch unklar. Nur die Arbeiter sind sich einig. „Wir wollen hier wohnen“, sagen sie einstimmig.

Eckardt Goldbach hat sich inzwischen in sein Reich zurückgezogen. In der ersten Etage liegt er gerne auf dem goldumrandeten Sofa aus den 60er Jahren. Und wenn er wieder Kraft hat, wartet schon der nächste Müllsack oder eins der beiden unvollendeten Puzzel, die auf dem Glastisch liegen.

Quelle: n-tv.de

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