Panorama

Per Handy geortet Michalski in Gewahrsam

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Polizisten schlugen auf einer Landstraße zu.

Seine letzten Meter in Freiheit legt der Mörder Peter Paul Michalski auf einem silbernen Damenfahrrad zurück. Auf der tristen Bundesstraße 58 zwischen dem Ruhrgebiet und den Niederlanden erwartet ihn aber bereits ein Sondereinsatzkommando: Fünf Tage nach seinem Ausbruch aus der JVA Aachen wird Michalski festgenommen.

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Großes Medieninteresse für Michalskis "Fluchtfahrzeug".

(Foto: AP)

Der 46 Jahre alte Schwerverbrecher hat bei seiner Festnahme um 9.50 am Niederrhein keinen Widerstand geleistet. Er wurde auf freier Strecke von zwei Polizeiautos eingekeilt, aber dabei nicht in einen Graben abgedrängt. Daraufhin habe er sich sofort ergeben, auf den Boden gelegt und den Polizisten gesagt, wo seine Waffe war, teilte Polizeidirektor Dieter Klinger in Köln mit. Michalski habe sofort zugegeben, dass er der Gesuchte sei. Er war über Handy in dem Ort Schermbeck geortet worden. Es gab bei der Festnahme keine Verletzten.

Dank an die Bevölkerung

Der Kölner Polizeipräsident Klaus Steffenhagen dankte der Bevölkerung für ihre Mithilfe bei der Ergreifung der beiden vor fünf Tagen ausgebrochenen Verbrecher. Auch die Medien hätten sich gut verhalten, sagte Steffenhagen in Köln.

Beide Schwerverbrecher hinter Gittern

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Michalski war fünf Tage auf der Flucht.

(Foto: AP)

Damit sind nun beide Schwerverbrecher, die am Donnerstagabend aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aachen ausgebrochen waren, wieder in Haft. Der 50 Jahre alte Geiselgangster Michael Heckhoff war bereits am Sonntag in Mülheim an der Ruhr gefasst worden. Fast 1500 Beamte waren an der Suche nach den Ausbrechern beteiligt. Wohin Michalski mit dem Rad wollte, weiß die Polizei noch nicht. Die Entfernung von Mülheim nach Schermbeck habe er offenbar mit dem Fahrrad zurückgelegt, sagte Polizeidirektor Klinger.

Michalski und Heckhoff werden künftig in unterschiedlichen Gefängnissen untergebracht. "Ich halte es für ausgesprochen unwahrscheinlich, dass sich die beiden außer bei einer Hauptverhandlung noch mal wiedersehen werden", sagte der Aachener Oberstaatsanwalt Robert Deller. Gegen beide wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft Aachen am Montag Haftbefehl unter anderem wegen schwerer räuberischer Erpressung und Geiselnahme erlassen.

Heckhoff ist zurzeit im Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt Bochum untergebracht. Michalski befindet sich noch in Polizeigewahrsam und wird danach ebenfalls in einen Hochsicherheitstrakt verlegt.

"Die Direktorin hat mich voll schlecht behandelt"

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Heckhoff sitzt bereits in der JVA Bochum und "plaudert" nun über seine Flucht.

(Foto: AP)

Die "Bild"-Zeitung brachte unterdessen einen ausführlichen Bericht mit Einzelheiten des Ausbruchs und Zitaten des Ausbrechers Heckhoff. "Der verhaftete Geisel-Gangster Michael Heckhoff spricht in Bild", titelte die Zeitung. "Die Waffe haben wir im Knast von einem Mitarbeiter gekauft", sagte der Schwerverbrecher demnach. "Ich hab von einem Wärter den Schlüssel bekommen und auf den Kopierer gelegt." Nach dem Muster habe sein Komplize schließlich in der Schlosserei einen Schlüssel gemacht. "Den haben wir dann in einem günstigen Augenblick genutzt." Über sein Motiv für den Ausbruch sagte der 50-Jährige: "Die Direktorin hat mich voll schlecht behandelt und mir einfach den Ausgang gestrichen."

Die Kölner Polizei geht davon aus, "dass in dem Artikel Informationen verarbeitet sind, die unbefugt an die "Bild"- Zeitung gelangten". Ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt sei eingeleitet worden. Inwieweit die von "Bild" zitierten Äußerungen Heckhoffs den tatsächlichen Verlauf seiner Flucht wiedergeben, werde noch geprüft, sagte der Sprecher.

Fluchthelfer möglicherweise bestochen

Der 40 Jahre alte Gefängniswärter, gegen den als mutmaßlicher Fluchthelfer bereits Haftbefehl erging, wurde möglicherweise bestochen oder erpresst. Der Mann hatte zur Tatzeit laut NRW-Justizministerium nur vorübergehend an der Pforte ausgeholfen, während der regulär eingeteilte Pförtner eine Kontrollfahrt machte. "Möglicherweise ist er erpresst worden, möglicherweise ist er bestochen worden. Das wissen wir noch nicht", sagte die Leiterin der Justizvollzugsanstalt, Reina Blikslager, dem ZDF.

Sie nannte die Fluchthilfe eine "hoch kriminelle Handlung". Der Wärter soll die Schwerverbrecher auch mit zwei Pistolen versorgt haben. Bisher schweigt der beschuldigte Wärter angeblich beharrlich zu den Vorwürfen. Heckhoff und Michalski hatten in Aachen fünf schwere, verschlossene Türen der bisher als ausbruchsicher geltenden Haftanstalt mit einem Schlüssel geöffnet. Der Vorsitzende des Bundes der Justizvollzugsbediensteten, Klaus Jäkel, bezeichnete die Vorgänge in Aachen als "Super-Gau". Alle Sicherheitssysteme und -standards müssten nun überprüft werden. "Nach der Sache muss man überlegen, macht man alles richtig", sagte Jäkel.

Zum Zeitpunkt der Flucht waren nach Ministeriumsangaben in der JVA 42 Vollzugsbeamte im Dienst. Das seien zwei mehr als vorgeschrieben. Nach Gewerkschaftsangaben ist der Krankenstand in der JVA Aachen überdurchschnittlich hoch. Jeder Bedienstete schiebe 178 Überstunden vor sich her.

"Glückwunsch" und Kritik

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, bezeichnete den Polizeieinsatz zur Festnahme der beiden Schwerverbrecher als umsichtig und professionell. "Man kann die Kollegen nur beglückwünschen", sagte Freiberg. Jetzt gelte es nachzuarbeiten, was in der Justizvollzugsanstalt geschehen ist, damit sich ein solcher Ausbruch nicht wiederholen könne.

Unabhängig von dem Fahndungserfolg kritisierte Freiberg, dass der deutschen Polizei noch immer ein flächendeckender Digitalfunk fehle. "Das ist ein Trauerspiel sondergleichen", sagte er. Vor allem in der länderübergreifenden Zusammenarbeit stoße man immer wieder auf Schwierigkeiten, weil vieles nicht kompatibel sei. Deutschland habe als letztes Land in Europa keinen Digitalfunk. "Wir doktern seit über zehn Jahren daran herum. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 sollte alles stehen. Jetzt ist das Jahr 2012 anvisiert, und ich sage voraus, dieses Datum wird weitestgehend nicht zu halten sein."

Quelle: ntv.de, dpa/rts/AFP