Panorama

Schwuler Politiker als VorbildMilk vor 30 Jahren ermordet

26.11.2008, 15:17 Uhr

Vor dreißig Jahren - nur wenige Monate bevor er ermordet wurde - hielt der schwule Stadtpolitiker Harvey Milk in San Francisco seine berühmte "Hope"-Rede. Es war ein hoffnungsvoller Schlachtruf, sich zur Homosexualität offen zu bekennen und gegen Diskriminierung zu kämpfen.

Vor dreißig Jahren - nur wenige Monate bevor er ermordet wurde - hielt der schwule Stadtpolitiker Harvey Milk in San Francisco seine berühmte "Hope"-Rede. Es war ein hoffnungsvoller Schlachtruf, sich zur Homosexualität offen zu bekennen und gegen Diskriminierung zu kämpfen. "Unsichtbar, so bleiben wir in Vergessenheit - ein Mythos, Menschen ohne Eltern, ohne Geschwister, ohne heterosexuelle Freunde, ohne wichtige Berufe", rüttelte der 48-jährige Aktivist seine Zuhörer auf. Harvey hatte sich "geoutet", als er 1972 von New York nach San Francisco zog, als es in der kalifornischen Hippie-Hochburg noch gefährlich war, offen schwul zu sein.

Milk, der inoffizielle "Bürgermeister von Castro Street", wurde zum Anführer der Homosexuellenbewegung. Als erster offen schwuler Politiker kam er in den USA zu Amt und Würden. Er schaffte es 1977 - im dritten Anlauf - in den Rat von San Francisco gewählt zu werden. Doch nur ein knappes Jahr war dem charismatischen Bürgerrechtler diese Aufgabe vergönnt. Am 27. November 1978 wurde Milk im Rathaus von dem konservativen Ex-Polizisten Dan White, ebenfalls Stadtrat, erschossen. Auch der liberale Bürgermeister George Moscone, der sich für die Rechte Homosexueller eingesetzt hatte, fiel dem Attentäter zum Opfer.

Politische Errungenschaft Anti-Diskriminierungs-Debatte

Mit "Milk", dem ersten Spielfilm über das Leben, Sterben und die Bedeutung von Harvey Milk, hat Hollywood dem wegweisenden Politiker ein gebührendes Denkmal gesetzt. Der Streifen mit Sean Penn als Milk, unter der Regie von Gus Van Sant ("Good Will Hunting") läuft jetzt in den USA an. Der Zeitpunkt könnte nicht besser sein. "Milk" kommt zu einem Zeitpunkt in die Kinos, in dem die amerikanische Schwulenbewegung erneut im Aufbruch ist und gegen Diskriminierung mobil macht. "Es ist das Bild einer recht extremen Politik aus der Mitte der Bürger heraus", mit der Botschaft, "dass man es schaffen kann", sagt Van Sant über sein Porträt des Politikers, der es verstand, Zehntausende freiwillige Helfer für seinen Kampf zu gewinnen.

Im Sommer 1978 setzte sich Milk gegen ein von konservativ-religiösen Gruppen eingebrachtes Wahlreferendum zur Wehr, das vorsah, schwule Lehrer aus staatlichen Schulen in Kalifornien zu verbannen. "Proposition 6" schürte die Furcht der Bürger, homosexuelle Lehrer könnten ihre Schüler manipulieren oder gar belästigen. Es war Milks größte politische Errungenschaft, eine Anti-Diskriminierungs-Debatte in Gang zu setzen und die Wahl zu gewinnen.

Heftige Kontroverse

Ein ähnlicher Sieg war der Homosexuellen-Bewegung bei den jüngsten US-Wahlen am 4. November nicht beschieden. In Kalifornien sprach sich die Mehrheit der Wähler für "Proposition 8" und damit für ein neuerliches Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe aus, die in dem Westküstenstaat ein halbes Jahr lang gültig gewesen war. Der Oberste Gerichtshof hatte Schwulen und Lesben im Frühsommer grünes Licht zum Heiraten gaben, mehr als 18.000 Ehen wurden geschlossen.

Das Nein der Wähler zur Homo-Ehe in Kalifornien hat landesweit einen regelrechten Kulturkampf ausgelöst. Zehntausende Amerikaner gingen in den letzten Wochen bei Kundgebungen, Demonstrationen und Mahnwachen auf die Straße. Sie organisieren sich online, rufen täglich zu neuen Boykotten von Personen und Unternehmen auf, die gegen die gleichgeschlechtliche Ehe gestimmt hatten. Eine große Kinokette, deren Besitzer "Proposition 8" mit Spenden unterstützte, steht am Pranger. Niemand solle sich dort "Milk" anschauen, so der landesweite Aufruf der Aktivisten. Konservative Geldgeber, darunter viele Anhänger der Mormonenkirche und evangelikale Katholiken, werden im Internet geoutet und beschimpft.

Der Leiter des Filmfestivals in Los Angeles, ein Mormone, trat nach einem Bericht der "Los Angeles Times" von seinem Posten zurück. Richard Raddon hatte 1500 Dollar für die Initiative gespendet. Er sei zwar für Gleichberechtigung, aber er sei zugleich ein gläubiger Mormone, rechtfertigte der unter heftigen Beschuss geratene Festival-Manager seine Haltung. Raddons Rücktritt ist kein Einzelfall. Andere erhielten Drohbriefe und wütende Anrufe. Eine heftige Kontroverse - einerseits geht es um Redefreiheit, andererseits um Gleichberechtigung - spaltet Hollywood. "Dreamgirls"- Regisseur Bill Condon etwa geht die Verfolgung von Leuten mit "religiösem Überzeugungen" zu weit.

Quelle: Barbara Munker, dpa