Panorama

Fünf Jahre nach dem Inzest-Fall von Amstetten "Monolithisch in Verbrechens-Landschaft"

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Ende eines "perfekten Doppellebens": Fritzl auf dem Weg zur Verhandlung.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Anschläge des 11. September, Anders Breiviks Massenmord und der Inzest-Fall um Josef Fritzl haben laut der Psychologin Heidi Kastner eines gemeinsam: Sie haben sich tief ins kollektive Gedächtnis der Menschen eingebrannt. Nun jährt sich die Entdeckung des Kellerverlieses, in dem Fritzl seine eigene Tochter 24 Jahre lang einsperrte und sieben Kinder mit ihr zeugte, zum fünften Mal.

18 Jahre war Elisabeth Fritzl alt, als sie von ihrem eigenen Vater Josef betäubt und in ein Kellerverlies gesteckt wurde. 24 Jahre lang hielt der Österreicher sie gefangen, verging sich tausendfach an ihr. Die Sache flog erst auf, als eines der sieben Kinder, das Fritzl mit seiner Tochter gezeugt hatte, schwer krank wurde und am 19. April 2008 ins Krankenhaus musste. Die Ärzte wurden misstrauisch, begannen eine Suche nach der Mutter des kranken Kindes. Eine Woche später griff die Polizei schließlich den damals 73-jährigen Fritzl auf und fand das Kellerverlies, in dem Elisabeth und drei ihrer Kinder hausten.

Nach und nach kamen immer mehr grausame Details ans Licht: Fritzl hatte 1984 behauptet, seine Tochter habe sich einer Sekte angeschlossen und im Laufe der Jahre drei Kinder auf der Türschwelle des Hauses der Fritzls abgelegt. In Wahrheit entschied Fritzl selbst, welches seiner Inzest-Kinder im "Licht" und welches im "Schatten" aufwachsen sollte. Entscheidend dafür sei gewesen, ob die Kleinen "Schreikinder" waren, wie Fritzl später aussagt.

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Die Autorin des aufsehenerregenden Gutachtens über den Inzest-Vergewaltiger: Heidi Kastner

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Für Aufsehen sorgte ein erschreckendes, 130 Seiten starkes Psychogramm des Vergewaltigers. Er habe es nur gut gemeint und seine Tochter vor schädlichen Einflüssen und Drogen schützen wollen, gab Fritzl dort einerseits zu Protokoll. Andererseit scheint sich das "Monster von Amstetten" seiner Schuld sehr wohl bewusst gewesen zu sein, ein Satz blieb im Gedächtnis hängen: "Ich bin zum Vergewaltigen geboren." Insgesamt 27 Stunden redete die Autorin des Gutachtens mit Fritzl, Heidi Kastner tauchte tief in dessen Psyche ein. Im Gespräch mit n-tv.de erinnert sich Kastner an ein Verbrechen, das seinesgleichen sucht.

n-tv.de: Fünf Jahre ist es her, dass der Fall Fritzl ans Tageslicht kam. Wie präsent sind die Ereignisse in Ihrem Kopf noch?

Heidi Kastner: Es ist sicher ein Fall, der von seiner Dimension her so einmalig war, dass er immer wieder erwähnt werden wird. Von daher kommt er natürlich immer wieder mal zur Sprache – aber es ist nicht so, dass es mich jeden Tag beschäftigt.

In langen Gesprächen sind Sie tief in Fritzls Psyche eingetaucht, haben schließlich ein viel beachetetes, 130 Seiten starkes Gutachten über ihn verfasst. Beschäftigt Sie der Fall auch heute noch beruflich?

Überhaupt nicht. Der große Segen in der Gutachterei ist ja, dass man nach Abschluss der Hauptverhandlung diese Fälle abschließen kann. Es sammeln sich im Lauf der Jahre doch einige Fälle an. Da ist es unmöglich, nachzuverfolgen, wie es mit wem weitergeht. Das ist auch beim Herrn Fritzl nicht anders.

Als Gerichtsgutachterin haben Sie also schon lange mit dem Fall abgeschlossen, in den Medien ist er aber immer wieder in aller Munde. Warum stößt die Causa Fritzl Ihrer Meinung nach immer noch auf so viel Interesse?

Der Fall hat damals sicher wegen seiner Einmaligkeit so ein weltumspannendes Interesse hervorgerufen. Wobei Einmaligkeit weniger die Art der Tatbegehung als die Dauer selbiger meint. Von daher steht der Fall immer noch ziemlich monolithisch in der Landschaft des Verbrechens herum. Kaum jemand hat es  - jedenfalls soweit bekannt – geschafft, über so lange Zeit ein derart perfektes Doppelleben zu führen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum er immer wieder auftaucht. So ähnlich wird das vielleicht auch mit dem Fall Breivik und anderen großen Straftaten unserer Zeit sein. Wir reden auch heute noch, obwohl es schon viel länger her ist, von den Twin Towers. Singuläre Verbrechen haben eben offenbar ein ganz eigenes Faszinosum.

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Im Keller dieses Hauses hielt Josef Fritzl seine eigene Tochter 24 Jahre lang gefangen, zeugte sieben Kinder mit ihr.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Sie sprechen von der Dauer der Tatbegehung als herausstellendes Merkmal des Falls Fritzl. Wie muss ein Mensch ticken, der seine eigene Tochter 24 Jahre lang im Keller einkerkert, sie tausendfach vergewaltigt, sieben Kinder mit ihr zeugt und an der Oberfläche trotzdem ein spießbürgerliches Leben führen kann?

Was er wahrscheinlich sehr gut und besser als viele andere konnte, war, mit buchhalterischer Präzision das eine vom anderen zu trennen. Eine gewisse Zwanghaftigkeit und eine gewisse Genauigkeit gehören sicher dazu. Man kann das zwar alles positiv und negativ konnotieren, aber Gründlichkeit und Genauigkeit hilft natürlich dabei, vor anderen etwas zu verbergen.

Sie haben einmal gesagt, dass sich Fritzl während ihrer Gespräche zunehmend gefragt hat, ob er überhaupt wisse, was Liebe sei. Haben Sie während dieser Analyse irgendeinen Prozess bei ihm feststellen können? Wurde er sich vielleicht sogar seiner Schuld bewusst?

Schuldbewusstsein kann man auf mehreren Ebenen haben: Auf einer rein faktischen, dass man ein Verbrechen begangen hat und schuldig ist. Das hat man in der Regel leicht, weil einem die gesellschaftlichen Normen - außer man ist minderbegabt - in den meisten Fällen bekannt sind. Auf dieser Ebene war das Schuldbewusstsein bei Fritzl in vollem Umfang vorhanden. Der andere Aspekt, den wir im eigentlichen Sinne unter Reue verstehen, wäre, die emotionale Dimension des eigenen Fehlverhaltens zu erforschen. Zu erforschen, was man dem Opfer wirklich für ein Leid zugefügt hat und diese Qualität der Empathie zu entwickeln. Und dafür braucht es Empfindungsfähigkeit und Einfühlungsvermögen, das nicht jeder aufbringt – auf der Ebene war es auch beim Herrn Fritzl nicht so gut bestellt.

Im Laufe der Ermittlungen und vor allem nach Ihrem Gutachten kamen auch immer mehr Details über Fritzls Vergangenheit, insbesondere seine schwere Kindheit, ans Licht. Die Mutter verabscheute ihn, blieb oft tagelang weg, schlug ihn. Das Erlebte gab Fritzl dann in noch brutalerer Weise an seine Tochter und später seine mit ihr gezeugten Kinder weiter. Ist das ein Teufelskreis oder hätte es für Fritzl auch andere Wege gegeben?

Es gibt viele, die Kindheiten durchleben, die man ihnen nicht wünscht, und die trotzdem anderen nichts antun. Selbst Opfer von Gewalt geworden zu sein heißt nicht, dass man in seiner späteren Biografie andere zu Opfern macht. Das ist keine Wenn-dann-Kausalität. Wir wissen aber, dass das, was man erlebt hat, das eigene Verhalten wesentlich prägen kann. Da gehören noch viele andere Faktoren dazu, dass man in destruktiver Form umsetzt, was einem selbst an Schlechtem widerfahren ist. Wie dann derjenige mit den Erfahrungen umgeht, bleibt aber immer in der Verantwortung des Betroffenen. Von daher ist Fritzl ganz klar Schuldfähigkeit zuzuschreiben.

Seine Tochter und die drei von ihm gezeugten Kinder, die für so lange Zeit im Keller hausen mussten, hatten mit Sicherheit noch einmal eine deutlich schlimmere Kindheit als Fritzl selbst. Wie kann man verhindern, dass sich die Opfer-Täter-Spirale weiterdreht – oder steht das am Ende gar nicht zu befürchten?

Konkret auf die Betroffenen bezogen kann ich das nicht sagen, die kenne ich nicht persönlich. Aber es gibt natürlich immer die Möglichkeit, sich selbst zu reflektieren, das ist keine zwingende Spirale. Und ich glaube nicht, dass bei jedem, der Opfer eines Verbrechens geworden ist, zu befürchten ist, dass er andere zu Opfern eines Verbrechens macht. Wenn mir etwas angetan wurde, muss ich mich nicht zwingend an der Welt rächen.

Mit Heidi Kastner sprach Julian Vetten

Quelle: ntv.de