Ein Dorf im Ausnahmezustand"Nase gestrichen voll"
Im Fall Madeleine McCann sind Dichtung und Wahrheit längst kaum noch voneinander zu unterscheiden. Niemand spürt das mehr als die Nachbarn der Familie.
Eigentlich ist Percy Hartshorn ein Gemütsmensch. Doch wenn es um das bekannteste verschwundene Mädchen der Welt geht, verliert der Gemeindevorsteher des Heimatdorfes von Madeleine leicht die Geduld: "Ständig halten uns fremde Leute Kameras ins Gesicht, andauernd werden wir mit Fragen belästigt." Seit Madeleines Eltern Kate und Gerry McCann nach Rothley zurückgekehrt sind, lernt das gutbürgerliche Dorf in Mittelengland kennen, was schon der kleine portugiesische Badeort Praia da Luz erfahren musste - eine Belagerung durch Reporter und Schaulustige.
"Man kommt nicht mehr zur Ruhe, schon morgens um drei Uhr werfen die Fernsehleute ihre Satellitenmaschinen an", klagt Joan Widdowson. Sie gehört zu den Anwohnern von Cross Green, dem zentralen Platz der 3000-Seelen-Gemeinde. Seit Madeleine vor viereinhalb Monaten aus der Ferienwohnung ihrer Eltern in der Algarve verschwand, leuchtet auf dem Cross Green als Zeichen der Hoffnung eine Kerze. Doch sie wird verdeckt von den dauerparkenden Übertragungswagen der TV-Stationen.
Parkplätze blockiert
"Respektieren Sie das Anrecht der Einwohner von Rothley auf Parkplätze", steht gleich gegenüber auf einer Tafel am Pub "The Royal Oak". Eine vergebliche Bitte. Selbst auf Rasenflächen haben Reporter und Sensationstouristen ihre Autos abgestellt. Vor dem Haus des Ärzteehepaares McCann halten Polizisten rund um die Uhr Fotografen und Kameraleute wenigstens auf ein paar Meter Abstand. Sobald ein Fenster geöffnet wird oder gar eine Tür, klicken die Kameraverschlüsse.
"Die Medien sollten sie endlich in Ruhe lassen", sagt Joyce Wathan, die in der Nachbarschaft lebt. "Ihre zwei anderen Kinder, die Zwillinge Sean und Amelie, verstehen doch den ganzen Rummel nicht." Doch der Madeleine-Rummel hat sich längst verselbstständigt. Dafür allein die Medien verantwortlich zu machen, wäre wohl zu simpel. "Kaum etwas fasziniert die britische Öffentlichkeit so sehr wie ein anstößiger Kriminalfall, besonders wenn es um ein wunderschönes Kind geht", kommentierte das seriöse Magazin "The Economist".
Chatroom-Detektive
Der McCann-Fall ist zu einer Reality-Krimiserie mit täglich neuen Episoden geworden. Hunderttausende dichten sie in Internetblogs und Chatrooms weiter, ersinnen immer neue Theorien, die nicht selten Eingang in die professionellen Medien finden. Wochen bevor portugiesische Zeitungen berichteten, die Polizei glaube, Kate McCann habe ihre Tochter mit einer versehentlichen Schlafmittel-Überdosis getötet, war dies eine populäre Chatroom-These.
In einem noch nie dagewesenen Ausmaß, konstatierte die "Sunday Times", seien durch das von Sensationsgier und Kommerz getriebene Zusammenspiel von Internet und Medien "bei der McCann-Story die Grenzen zwischen Nachricht und Gerücht verwischt worden". Real existierende Orte wie Praia da Luz oder Rothley sind nur die Kulissen für den öffentlichen Voyeurismus.
Mitgefühl gibt es noch, aber
Dass die McCanns daran nicht unschuldig sind, hört man in Madeleines Heimatdorf immer wieder - wenn auch meist nur hinter vorgehaltener Hand. Schließlich hätten sie selbst die Mediengeister gerufen, die Rothley nun nicht verlassen wollen. Nur noch ein Fünftel der Briten glaubt zudem nach einer neuen Umfrage, dass Madeleines Eltern wirklich völlig unschuldig sind. "Wir in Rothley haben immer noch Mitgefühl mit der Familie", sagt Joan Widdowson. "Aber zugleich haben wir die Nase gestrichen voll."