Panorama

Gemaltes Fenster ins MittelalterNimwegen zeigt Buch-Sensation

12.10.2009, 16:06 Uhr

Das "Stundenbuch der Katharina von Kleve", illustriert von einem ungekannten Meister, gewährt Einblicke in das Leben vor mehr als einem halben Jahrtausend.

Sorgsam rührt der Heilige Joseph den Brei fürs Baby, im Kamin knistert ein behagliches Feuer. Säuberlich sind die Zinnteller auf dem Küchenbord gestapelt. Die Gottesmutter, niederländisch blond, reicht dem Christuskind liebevoll ihre Brust. Die anrührende Szene einer mehr häuslichen als heiligen Familie gehört zu den schönsten Illustrationen, die ein unbekannter Meister für das "Stundenbuch der Katharina von Kleve", Herzogin von Geldern (1417-1476), vor mehr als einem halben Jahrtausend geschaffen hat. Zu besichtigen ist das 700-Seiten-Wunderwerk, eines der bedeutendsten Beispiele spätmittelalterlicher Buchmalerei im nördlichen Europa, bis zum 3. Januar 2010 im Museum Het Valkhof der niederländischen Stadt Nimwegen.

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Eine Illustration aus dem 700-Seiten-Wunderwerk. (Foto: dpa)

Nur wenige Schritte vom Ausstellungssaal entfernt hatte die vom kunstsinnigen Hof Burgunds mit Liebe zu Musik, Malerei und Literatur "infizierte" Katharina als Tochter des Hochadels Jahre ihres Burg-Lebens zugebracht. Das ungewöhnlich reich illustrierte "Stundenbuch" mit seinen nach Klostervorbild genau festgelegten Gebeten war um 1440 von einem heute unbekannten Meister für sie gemalt worden.

Mit seinen beinahe lupenscharf feinen, wirklichkeitsnahen Darstellungen des Alltags, der individuellen Menschenschilderung und Sicherheit in der Wiedergabe der Perspektive zählt der Buchmaler für Experten längst zu den großen Künstlern seiner Epoche. Nach dem wirklichen Namen des "Meisters der Katharina von Kleve", der wohl die scharfen Augen eines Luchses und die neugierige Weltsicht eines frühen Wissenschaftlers gehabt haben muss, fahndet die Kunstwissenschaft allerdings bis heute erfolglos.

Blattgold, Pupur und Edelstein-Blau

Erstmals ist der Stolz der New Yorker Morgan Library nun zur Restaurierung in seine Einzelseiten zerlegt worden und präsentiert sich in Nimwegen mit 100 Miniaturen in sanft schimmerndem Blattgold, tiefem Purpur oder sattem Edelstein-Blau als atemraubende Bilderfolge. Bibelszenen oder Heiligenbilder geben Auskunft über die frommen Heilsvorstellungen der Zeit, ein glühender Höllenschlund schildert in ur-surrealistischer Manier die Qualen der Verdammten. Aber auch damalige Sitten und Gebräuche werden zum Motiv: Da brutzeln Hühner am Spieß, geht ein Fischer mit seinen Gerätschaften auf Fang, humpeln Krüppel im schmutzigen Kleid der Armut durchs Bild, während Katharina selbst in Hermelin und Haube auf einer der Miniaturen das Idealbild der betenden Adligen darstellt.

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Eine häuslich anmutende Szene der heiligen Familie. (Foto: dpa)

Kinder, eines der Lieblingsmotive des Künstlers, erscheinen mal als Bücher büffelnde Bürgersöhne oder aber als junge Bettler, denen christliche Nächstenliebe verpflichtet ist. Reich gezierte Randleisten bilden wie ein frühes naturkundliches Lexikon Blüten, Muscheln, Fische oder Schmetterlinge ab. Sicher gehörte der Buchmaler zu den Mitbegründern einer die Jahrhunderte überdauernden, der Wiedergabe von Wirklichkeit verpflichteten Malerei in den Niederlanden, wo man bis heute gern kaufmännisch-realistisch denkt.

"Umfassendes Bild des damaligen Lebens"

"Kein Künstler zeigt uns mehr von der Welt des Spätmittelalters, gibt uns ein umfassenderes Bild des damaligen Lebens", urteilt Kleves Museumschef Guido de Werd: Der Meister war in einem Netzwerk mit weltberühmten Kollegen wie Jan van Eyck oder Rogier van der Weyden "ein Künstler auf der Höhe seiner Zeit". Ob Katharina, die auch in manche politische Intrige ihrer Zeit verstrickt war, ihr unermesslich kostbares Gebetbuch sehr hoch in Ehren gehalten hat oder ob sie vielleicht doch nicht eine ganz so fleißige Beterin war, ist nicht überliefert: Jedenfalls hat ihr "Stundenbuch" in bestem Zustand die Jahrhunderte überdauert.

Quelle: Gerd Korinthenberg, dpa