Panorama

In die Anonymität abtauchenObdachlos in Frankfurt

21.04.2009, 09:47 Uhr

254.000 Menschen sind in Deutschland obdachlos. Davon leben rund 18.000 auf der Straße. Soziale Projekte versuchen, die Menschen unterzubringen. Doch viele wollen nicht.

Starr blickt der Mann mit dem unrasierten Gesicht in die Luft, nippt an seinem Kaffee. Obdachlosigkeit, das habe er lange nur im Fernsehen gesehen, erzählt der 48-Jährige. Vor sechs Wochen kam er nach Frankfurt, doch der zugesagte Job als Elektriker sowie Dienstwohnung und Geld waren plötzlich weg. Heute wird er sich wie die letzten Nächte mit seinem Schlafsack in die U- Bahnstation Hauptwache legen. Dort - so sagt er - werde er wenigstens nicht ausgefragt: "Die gehen meine persönlichen Daten nichts an", murmelt er. Manchmal telefoniert er mit Verwandten in Nürnberg - seine Obdachlosigkeit verschweigt er ihnen dann.

1800 Menschen leben nach Angaben des Sozialdezernats in Frankfurt ohne festen Wohnsitz, das heißt ohne Mietvertrag. Sie gelten auch dann als obdachlos, wenn sie in einem Wohnheim oder betreuten Wohngemeinschaften unterkommen. Auf der Straße lebten davon rund 300 Menschen, schätzt Werner Leonardi vom Diakoniezentrum Weser 5. Viele strandeten in Frankfurt mit der Hoffnung, anonym in der Großstadt unterzutauchen, leichter Wohn- und Arbeitsplatz zu finden.

18.000 Menschen leben auf der Straße

"Das ist schon immer so gewesen, dass es in der Großstadt eine größere Zahl von Wohnungslosen gibt", sagt Werena Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe (BAGW). Die letzten Statistiken der BAGW aus dem Jahr 2006 gehen von 254.000 Obdachlosen in Deutschland aus, 18.000 davon lebten auf der Straße. Seit Ende der 90er sei der Anteil der unter 25-Jährigen auf 11 Prozent und der Frauenanteil auf 25 Prozent gestiegen. In vielen Städten habe man vermehrt auch Zuwanderer - gerade aus Osteuropa.

So geht es auch Willi. Nach 17 Jahren auf der Straße landete er vor dem letzten Weihnachtsfest in der Bankenmetropole. Sein Leben war anders abgelaufen als geplant. Als junger Mann heiratete er seine Sandkasten-Liebe, zeugte zwei Kinder, baute ein Häuschen. Er war gut ausgebildet einer aus der Mittelschicht. Dann starb seine Frau an Krebs und nichts war mehr wie zuvor. Von der Frankfurter Bahnhofsmission bekam er ein Bett im Diakoniezentrum zugeteilt, denn er will weg vom "Platte-Machen". "Es gibt zu viel Gewalt auf der Straße", sagt der 54-Jährige, der selbst mehrmals wegen schwerer Körperverletzung hinter Gitter musste.

"Für diese Menschen sind wir oft erste Anlaufstelle", sagt Esther Stüve, Leiterin der Frankfurter Bahnhofsmission. Hier werden Wohnungslose an den Kältebus oder Übernachtungsstätten vermittelt. Mit einem Faltblatt ausgestattet könne man alle wichtigen Einrichtungen zu Fuß erreichen.

Ein solches schnelles Bett bietet die Übernachtungsstätte Ostpark. Journalist Günter Wallraff nannte sie jüngst eine der verrufeneren Unterkünfte in Deutschland. 180 Menschen können in den 55 Containern übernachten. In Zweibetträumen macht sich auf 13 Quadratmetern - zwischen metallenem Stockbett, Tisch und Stühlen - ein säuerlicher Geruch breit.

Unpünktlich und unmotiviert

"Die Arbeit hier läuft nicht immer rund", berichtet Sozialarbeiterin Elfi Ilgmann-Weiß aus dem Ostpark. "Die Leute wären nicht hier, wenn sie nicht schon irgendwelche Probleme hätten, wie etwa Unzuverlässigkeit." Klienten kämen oft nicht zu vereinbarten Terminen, seien schwer zu erreichen und zu motivieren. "Nicht für jeden ist die eigene Wohnung die Lösung", sagt die seit zwanzig Jahren tätige Sozialarbeiterin. Für Menschen mit Angst vor Einsamkeit oder psychischen Problemen böten sich dann alternative Wohnformen an - etwa betreute Wohnheime oder auch der Ostpark. Hier könne man eben nachts einfach mal los schreien, ohne dass sich Nachbarn beschwerten.

Manche Obdachlose bleiben auch bei Eis und Schnee lieber draußen. Dann stoßen die Sozialarbeiter beim "Willen des Einzelnen" an ihre Grenzen. Man müsse akzeptieren, dass manche Menschen die Hilfe nicht annehmen könnten, sagt Streetworker Johannes Heuser.

Julia Kilian, dpa