Warum starb Reeva Steenkamp?Oscar Pistorius - Freiheit oder 25 Jahre

War Reeva Steenkamps Tod ein eiskalter Mord oder nur ein schrecklicher Irrtum? Genau weiß das nur der Mann, der geschossen hat: Oscar Pistorius. Doch zu welchem Schluss ist Richterin Thokozile Masipa gekommen?
Gut fünf Monate lang hat das Gericht in Pretoria verhandelt, um eine Antwort auf die Frage zu finden, ob der frühere Sprintstar Oscar Pistorius seine Freundin Reeva Steenkamp versehentlich oder mit voller Absicht tötete. Dass Pistorius Steenkamp erschoss, ist unstrittig, er hat es selbst zugegeben. Doch warum er es tat, weiß nur er allein.
Richterin Thokozile Masipa musste vor dem Urteilsspruch für sich zahlreiche Fragen beantworten, um zu einem Urteil zu kommen. Fast fünf Wochen Zeit hat sie sich dafür genommen, die vorgebrachten Argumente und Beweise abzuwägen. Die Prozessbeobachter sind sich jedoch einig, dass ein Großteil des vor Gericht Gehörten eher gegen den Sportler spricht.
Streit oder nicht?
Da ist zum einen die Frage, wie der Abend vor der Tat zwischen dem Paar verlief. Pistorius hat immer wieder betont, er und seine Freundin hätten einen harmonischen Abend des Valentinstages miteinander verbracht und seien zwischen 21 und 22 Uhr zu Bett gegangen. Doch Nachbarn haben ausgesagt, sie hätten das Paar streiten hören. Damit ließe sich auch erklären, dass Steenkamp um kurz nach drei Uhr nachts vollständig angezogen war und ihr Handy dabeihatte, als sie in der Toilette starb. Sie könnte nach einem Streit die Absicht gehabt haben, das Haus zu verlassen.
Pistorius hat ausgesagt, er habe ein Geräusch gehört, einen Einbrecher im Haus vermutet, seine Pistole genommen und sei zum Bad gegangen. Dass Steenkamp nicht neben ihm lag, habe er nicht bemerkt. Aber ist ihm wirklich entgangen, dass seine Freundin die Person im Bad war? Die 29-Jährige wurde stehend hinter der verschlossenen Tür von den Schüssen getroffen. Für Staatsanwalt Gerrie Nel war das ein eindeutiges Indiz dafür, dass Pistorius und Steenkamp miteinander sprachen, als der "Blade Runner" abdrückte. Er wurde nicht müde, seine Tathypothese zu erläutern. Die lautet schlicht: Pistorius tötete seine Freundin in einem Wutanfall nach einem Streit.
Eine Nachbarin sagte aus, sie habe die Schreie einer Frau und dann Knallgeräusche gehört. Pistorius' Verteidiger Barry Roux erklärte das damit, dass Pistorius unter Stress wie eine Frau schreie und die Schläge eines Kricketschlägers wie Schüsse klingen können. Masipa wird nicht zuletzt einschätzen müssen, wie plausibel derartige Erklärungen sind.
Voll schuldfähig
Am Ende könnte für Pistorius entscheidend sein, was Masipa menschlich von ihm hält. Sieht sie ihn als gewalttätigen und verantwortungslosen Mann oder als jemanden, der ängstlich und nicht zuletzt aufgrund seiner Behinderung psychisch labil ist? Die Staatsanwaltschaft versuchte im Prozess den Eindruck zu erwecken, Pistorius sei krankhaft eifersüchtig und neige zu unkontrollierten Handlungen. Samantha Taylor, eine frühere Freundin des Sprintstars, berichtete vor Gericht, ihr Ex sei anfällig für Wutanfälle gewesen. Steenkamp schrieb in einer WhatsApp-Nachricht an Pistorius, sie habe manchmal Angst vor ihm. Doch die meisten der Nachrichten auf Pistorius' Handy waren liebevoll und zärtlich.
Jedoch ist Pistorius nicht nur wegen Mordes angeklagt, sondern auch wegen des fahrlässigen Gebrauchs von Waffen und des Besitzes von illegaler Munition. Anfang 2013 habe Pistorius in einem Restaurant einen Schuss abgefeuert - und anschließend einen Freund gebeten, die Schuld auf sich zu nehmen, sagte der befreundete Boxer Kevin Lerena aus. Bei einer anderen Gelegenheit hatte Pistorius durch das Sonnendach eines fahrenden Autos geschossen. Aber würde er deshalb auch kaltblütig einen Menschen töten?
Die Verteidigung unternahm mehrere Erklärungsversuche für die Tat. Zunächst hieß es, Pistorius habe auf einen von ihm in der Toilette vermuteten Einbrecher gefeuert, später, die Schüsse hätten sich "versehentlich" gelöst. Schließlich wurde daraus die These, dass eine Angststörung bei Pistorius zu der reflexhaften, wenn auch überzogenen Reaktion geführt habe. Die Experten-Gutachten nach der 30-tägigen psychiatrischen Begutachtung von Pistorius stuften ihn jedoch als voll schuldfähig ein und verneinten eine Angststörung.
Freispruch oder 25 Jahre?
Trotzdem macht die Bewertung des Tatverlaufs für Pistorius den entscheidenden Unterschied: Bei fahrlässiger Tötung könnte er mit einer Bewährungsstrafe davonkommen. Im Falle eines Mord-Schuldspruchs drohen ihm 25 Jahre Haft. Dass der einstige Prothesensprinter tatsächlich so viele Jahre seines Lebens hinter Gittern verbringen muss, erscheint dennoch derzeit als nicht sehr wahrscheinlich. Südafrikanische Juristen gehen von acht bis zwölf Jahren aus. Das Strafmaß wird jedoch zunächst nicht verkündet. Richterin Masipa wird lediglich feststellen, ob sie die Tat als vorsätzlichen Mord, nicht vorsätzlichen Mord oder fahrlässige Tötung einstuft. Zwei Stunden sind für die Verlesung des Urteils angesetzt.
Wie der Prozess auch immer ausgeht, der 27-jährige Ausnahmeathlet steht vor den Trümmern seiner Karriere. Seine aktive Läuferkarriere hat er beendet, wichtige Sponsorenverträge verloren. Das Image des Vorzeigesportlers von Weltruhm ist dem Bild eines Mannes gewichen, der die Trennung seiner Eltern und den Tod der Mutter nicht verkraftet hat, der dazu neigt, aufbrausend und aggressiv zu reagieren, wenn es nicht nach seinem Willen geht.
Trotz der tränenreichen Auftritte vor Gericht fehlte es dem Angeklagten in den Augen vieler Südafrikaner an Demut und Einsicht, was er am Valentinstag 2013 getan hat. Immer wieder wurde Pistorius von Staatsanwalt Nel mit Details des Todes von Steenkamp konfrontiert, häufig musste sich der Angeklagte übergeben oder brach schluchzend zusammen. Doch angesichts anderer Bilder, die Pistorius beim Paddeln in Mosambik oder gut gelaunt im Restaurant zeigten, wirken die emotionalen Auftritte seltsam inszeniert. Als lebe Pistorius in zwei Realitäten.
Die eine Welt ist die des erfolgreichen Leichtathleten, mit viel Geld, schnellen Autos und schönen Frauen. Bei den Bildern der anderen Welt gibt es naturgemäß große Differenzen zwischen Anklage und Verteidigung. Die Staatsanwaltschaft beschreibt den anderen Oscar Pistorius als egoistischen Lügner, besessen von Waffen, der nicht bereit sei, die Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. Die Verteidigung sieht hingegen den extrem verwundbaren Menschen mit schwerer Behinderung, der aus Angst die tödlichen Schüsse abgab. Womöglich steckt in der Mischung aus beiden Beschreibungen die Antwort auf die Frage, warum Steenkamp zu Tode kam.