Ein Hauch von Heimat im WestenOssi-Stammtische beliebt
Sie treffen sich auf ein Lübzer Pils oder sächseln nach Herzenslust: Auch 20 Jahre nach der Wende sind "Ossi-Stammtische" in westdeutschen Metropolen beliebt.
Zwar wird gelegentlich mal der Thüringer Bratwurst nachgetrauert oder in DDR-Kindheitserinnerungen geschwelgt, über das Klischee vom heimwehkranken Exil-Ossi können die Stammtischler aber nur lachen. Nach Anfangsschwierigkeiten haben die meisten in Köln, Frankfurt am Main oder Stuttgart Wurzeln geschlagen. Das Mauerfall-Jubiläum wird mancherorts ausgiebig gefeiert.
Die Kulisse für das Kölner Treffen ist standesgemäß. Im Portal vor dem "Ossiladen", wo der Ost-Sandmann durchs Schaufenster lächelt, rücken regelmäßig bis zu hundert gebürtige Ostdeutsche auf Bierbänken zusammen. Dann stoßen der 16-jährige Mecklenburger und die 70 Jahre alte Thüringerin mit Ostbier an, während die "Dynamos von Köln" über das letzte Spiel ihres Heimatvereins Dynamo Dresden fachsimpeln.
"Ein Stück Nach-Hause-Kommen"
Andere schwärmen von den in der DDR beliebten Knusperflocken, nach denen sich der vor fünf Jahren gegründete "Knusperflockenstammtisch" benannt hat. Junge Leute, die die DDR oft nur noch aus Erzählungen kennen, fänden die Treffen "kultig", berichtet Gründer Sven Tkotz, der aus Sachsen stammt. "Für die Älteren ist es ein Stück Nach-Hause-Kommen."
Im Rhein-Main-Gebiet verabreden sich Ostdeutsche über die Seite www.ossi-stammtisch.org. Etwa 420 Mitglieder sind registriert, bis zu 20 machen bei Stammtisch oder Ausflügen mit. Zum harten Kern gehört der gebürtige Magdeburger Sebastian Röhl. Ihm erging es wie vielen der 1,7 Millionen Ostdeutschen, die nach Zahlen des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung seit dem Mauerfall in die alten Bundesländer gingen. Weil seine frühere Abteilung in Leipzig dicht machte, verlor der Versicherungskaufmann seinen Job und landete im Westen.
DDR nicht Dauerthema
Dass er in Frankfurt am Main schnell heimisch geworden sei, habe er auch dem "Ossi-Stammtisch" zu verdanken, erzählt der 32-Jährige. Zwar findet er nicht, dass ein Neuanfang im Westen grundsätzlich schwieriger ist als im Osten - aber an die Mentalität der Frankfurter musste er sich gewöhnen. "Die Ostdeutschen sind etwas offener, lassen einen eher an sich heran."
Auch Gabriele Wiesner fiel es anfangs schwer, in Fellbach bei Stuttgart Anschluss zu finden. "Das muss doch mehr Leuten so gehen", sagte sich die 41-jährige Brandenburgerin und trommelte Ostdeutsche zu einem Stammtisch zusammen. Inzwischen trifft sich die Truppe jeden ersten Freitag im Monat. Einmal im Jahr wird gezeltet.
Ewig gestrige DDR-Anhänger sucht man bei den Stammtischen in Köln, Frankfurt oder Fellbach vergebens. Die DDR ist zwar immer mal wieder Thema - die Demütigungen durch fanatischer Lehrer genauso wie schöne Erinnerungen an das Pionier-Ferienlager. Meist drehen sich die Gespräche aber um den Alltag im Westen: Job, Urlaub, Hobbies. Viele Teilnehmer des "Knusperflockenstammtischs" fühlten sich inzwischen auch als "Kölsche Junge und Mädcher", berichtet der 40-jährige Tkotz. Aus der Fremde sei ein Zuhause geworden.
Nur wenige kehren zurück
Es gebe in Westdeutschland keine "Community von frustrierten Ostdeutschen", sagt auch Steffen Kröhnert, Sozialwissenschaftler am Berlin-Institut. Die meisten hätten sich eingelebt, und nur wenige kehrten zurück - auch weil das Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West noch immer hoch sei.
Die Wende ist für viele junge Exil-Ossis Geschichte. "Das ist relativ weit weg", sagt etwa Sebastian Röhl. Dem etwas älteren Tkotz jagt hingegen allein der Gedanke an jene Tage 1989 Schauer über den Rücken. Und so will er feiern - beim diesjährigen "Jahresarbeitsendfest", das unter dem Motto "20 Jahre Mauerfall" steht. Tkotz fällt dazu ein Kölner Sprichwort ein: "Wat fott es, es fott!"