Panorama

"Ustin" hat Russland verlassenPutins Tiger wildert im falschen Revier

27.11.2014, 12:17 Uhr
imageVon Marcel Grzanna, Shanghai
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Sibirische Tiger sind vom Aussterben bedroht - chinesische Ziegen (noch) nicht. (Foto: AP)

Ein Tiger, dem Russlands Präsident einst die Freiheit schenkte, tötet in China Ziegen. Chinesische Blogger sind sauer auf ihre Behörden. "Wenn Putin denen einen Haufen Kot überreicht, hüten sie den auch."

Wladimir Putin buhlt um chinesische Sympathien, wo es nur geht. Seit der Westen Russland mit Sanktionen belegt hat, ist die Volksrepublik China überlebenswichtiger Partner des Kremls geworden. Die Genossen in Peking haben Moskau vertraglich zugesichert, über Jahre hinaus Rohstoffe aus Russland zu beziehen. Das verschafft den vom Westen isolierten Russen wichtige Devisen. Chinesische Banken vergeben zudem Kredite über die Staatsgrenze an russische Partner, um die Liquidität des dortigen Finanzsektors zu gewährleisten. Verstimmungen in diesem Verhältnis sind aus Putins Sicht in diesen Zeiten völlig fehl am Platz.

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Um Tiger kümmert Putin sich mit Vorliebe: Hier ein Bild von 2008. (Foto: REUTERS)

Angesichts der wachsenden Abhängigkeit der Russen sorgt eine Reihe von gewaltsamen Todesfällen unter chinesischen Ziegen jetzt für einen Hauch von Ironie. Die Ziegen wurden nämlich Opfer eines sibirischen Tigers namens Ustin, der im Grenzgebiet sein Unwesen treibt und hilflose Nutztiere reißt. Für die sibirische Herkunft des Tigers kann Putin nichts, aber ausgerechnet der russische Präsident war es, der Ustin an der Seite zweier Artgenossen vor einigen Monaten die Freiheit schenkte.

In der Nacht zum Montag drang Ustin auf den Hof des Bauern Guo Yulin in der nordostchinesischen Provinz Heilongjiang ein. Er tötete zwei Ziegen, drei weitere gelten laut Nachrichtenagentur Xinhua als vermisst. Motiviert durch den gelungenen Feldzug sah sich der Tiger ermutigt, am nächsten Tag zum Tatort zurückzukehren. Diesmal machte er noch fettere Beute: Am Dienstagmorgen zählte Bauer Guo 13 tote Ziegen. "Sie lagen überall tot im Stall herum", sagte er chinesischen Journalisten.

Im Internet reagierten Nutzer zum Teil empört. "Wenn ich über die Armut der Bauern in der Region nachdenke, macht mich das wütend", schrieb ein Mann mit dem Namen Peng aus Shanghai unter die Tiger-Meldung auf der Nachrichtenseite Weibo.com. Jemand anders kommentierte spitzfindig: "China liefert gutes Essen für Putins Tiger, der immer fetter wird."

Zehn Kilo Fleisch pro Tag

Die Tiere waren Teil eine Gruppe Jungtiere, die vor zwei Jahren von russischen Experten gerettet und fortan in einer Aufzuchtstation für sibirische Tiger auf die Rückkehr in die Freiheit vorbereitet wurden. Im Mai dieses Jahres war es soweit: Drei von fünf Exemplaren konnten entlassen werden. Tierfreund Putin, der auch schon einmal einem Walross die Flosse schüttelte, übernahm unter Anleitung der Experten die Federführung.

Im Oktober dann meldeten chinesische Medien, dass zwei Tiger entgegen des Plans die Grenze nach China überschritten hätten. Vermutlich auf der Suche nach Nahrung waren sie durch den Grenzfluss Amur geschwommen und in der Volksrepublik gestrandet. Die Tiere sind zwar mit einem Datenmelder ausgestattet, der ihre Spur rückverfolgen lässt. Der Überwachung durch chinesische Behörden entzogen sie sich jedoch erfolgreich.

Der Versuch, die Tiere zurückzuholen, scheiterte. Kameras und Infrarottechnik sollten dabei helfen, den genauen Standort der Tiere auszumachen. Erfolglos. Die Beamten waren sogar bereit, ahnungslose Rinder im Revier der Raubkatzen als leichte Beute auszusetzen, um zu verhindern, dass die Tiger wahllose Opfer, womöglich Menschen, anfallen. Ein ausgewachsener sibirischer Tiger benötigt immerhin bis zu zehn Kilogramm Fleisch am Tag.

"Sie würden selbst Putins Kot hüten"

Bauer Guo soll jetzt eine Entschädigung erhalten. Man hat der Familie auch den Tipp gegeben, die Farm samt Ställen besser zu befestigen. Eine Tötung des Tigers wollen die Behörden jedoch vermeiden. Sibirische Tiger sind vom Aussterben bedroht. Es gibt auf der Welt nur noch geschätzte 500 Exemplare, die in Freiheit leben, wenige Dutzend davon in der Volksrepublik China.

Die Entscheidung, das Tier leben zu lassen, macht den Behörden jetzt einen Haufen Ärger und ruft auch Kritik hervor. Der Blogger Yang Niuhu goss seinen Ärger über die Beamten aus: "Ich bin sicher, wenn Putin denen einen Haufen Kot überreicht, werden sie den auch hüten." Ein anderer stellt zynisch die Frage, ob es nötig sei, "die Streicheltiere von ausländischen Regierungschefs großzuziehen."

Wissenschaftler auf beiden Seiten sind indes begeistert. Die geglückte Ziegenjagd beweise, das Ustin in einer körperlich glänzenden Verfassung sei und erhöhe die Chance, dass er langfristig alleine überleben könne. Um die seltenen Raubkatzen vor dem Ende ihrer irdischen Existenz zu bewahren, betreiben sowohl Russen als auch Chinesen viel Aufwand. Ihnen gelingt zwar die Zucht. Aber nur wenige Tiere sind in der Lage, in freier Wildbahn zu jagen und zu überleben. Manche fürchten sich sogar vor den lebenden Hühnern, die ihnen in die Gehege geworfen werden, um ihren Jagdinstinkt zu aktivieren.

Für Putin ist Ustins Raubzug ein zweischneidiges Schwert. Dass ausgerechnet sein Tiger die Zähne fletscht und sich durchschlägt, kann die Staatspropaganda sozusagen ausschlachten. Aber dass es chinesische Ziegen sind, dürfte dem Regierungschef die Freude etwas verderben.

Quelle: ntv.de