Panorama

Hautnah mit Elefanten & Co. Ranger-Ausbildung in Afrika

Jenseits eines Rundwegs ums Zeltlager beginnt der Busch - und der ist ohne fachkundige Begleitung Gefahrenzone. Warum? Die Spuren von Leoparden, Hyänen oder Löwen sprechen eine deutliche Sprache - und das Lager ist immerhin nicht eingezäunt! Hier lebt man eben nicht in Sichtweite zur, sondern in und mit der Natur - von Orten wie diesem wissen die meisten Pauschalurlauber kaum etwas.

Uhren sind im Camp tabu. Hier gilt "afrikanische Zeit" - und die bestimmt der Stand der Sonne. Statt des Weckers dröhnt morgens die Trommel. Mit schweren Wanderstiefeln an den Füßen kommen die Teilnehmer aus den Zelten. Die gleichen auf ihren Holzstelzen mit Reetdach eigentlich eher Chalets - nur eben mit Tuchbespannung.

Programmpunkt Spurenlesen

Die tägliche Wanderung durch den Busch beginnt wegen der Sommerhitze noch vor Sonnenaufgang. Die Gruppe besteht aus abenteuerlustigen Touristen, bewaffnet mit Fernglas und Fotoapparat, Schreibstift und Notizblock. Naturführer Bruce dagegen nimmt zum Schutz seiner Gäste stets eine großkalibrige Büchse mit. Spurenlesen steht heute auf dem Programm. Und die Identifizierung der zahlreichen Vogel- und Pflanzenarten, die den Busch bevölkern. Sie sind so bunt und faszinierend wie ihre Namen kompliziert.

Erste Lektion: Der Sicherheitsdrill. Bruce lässt seine Studenten jeden Morgen aufs Neue herunterbeten: "Stets hintereinanderlaufen, stets hinter der Schussrichtung der Gewehre bleiben, stets die Anordnungen befolgen, beim Laufen leise sein und Fragen später stellen." Und, ganz wichtig: "Was immer passieren mag: Bloß nicht rennen!", hämmert Bruce seinen Busch-Zöglingen ein. Denn Fluchtreflexe lösen bei wilden Tieren Jagdinstinkte aus - und im Zweifelfall sind die eh schneller als der Mensch!

Es ist noch früh am Morgen, aber überall im Busch zirpt, gurrt und trällert es bereits. Trampelpfade durchschneiden das Gras wie Autobahnen. Auf einer Astgabel sonnt sich ein einsamer Bateleur-Adler - ein halbes Dutzend Kamera-Objektive richtet sich auf ihn. Mit spektakulärer Prachtentfaltung ist die Sonne über der Savanne aufgegangen. Wenige Stunden später knallt sie unbarmherzig. Schweiß klebt auf der Haut. Impalas jagen über eine Lichtung, Zebras grasen unter Schirmakazien - stundenlang könnte man dem Spektakel zuschauen.

Faustgroße Spinnen lauern träge in ihren Netzen auf Beute. Vorsichtig dirigiert Bruce seine Gruppe um die kleinen Kunstwerke herum. Er macht auf kleine unscheinbare Hinweise aufmerksam, an denen die Gruppe achtlos vorbeigelaufen ist. Beeindruckt erfährt sie, dass kurz vor ihnen an genau dieser Stelle Elefanten, Hyänen und Paviane gelaufen sind. "Wildkatzen haben in der Regel runde Zehenabdrücke, Hyänen oder Wildhunde dagegen in Nierenform", erklärt Bruce. Und verblüfft mit der Information, dass ein anderer Abdruck von der rechten Hinterpfote eines jungen Leoparden-Weibchens stammt.

Prototyp eines Naturburschen

Mit seinen Shorts, dem breitkrempigen Hut, dem gepflegten Vollbart und dem Patronengürtel wirkt er ein wenig wie der Prototyp eines Naturburschen. Vor einigen Jahren ist er mal von Kapstadt nach Kairo gelaufen - quer durch Afrika in 22 Monaten. Sein Beruf ist für ihn zugleich eine Art ganz persönlicher Lebensstil. Bruce ist kein Mann, der sein Herz auf der Zunge trägt. Er erwartet Aufmerksamkeit, spricht mit leiser Stimme. Immer wieder lässt er den Blick wachsam über die Lichtung im Fieberbaum-Wald schweifen.

"Wir wollen keine gefährlichen Situationen, sondern Begegnungen mit gefährlichen Tieren ermöglichen", erklärt er am Abend den Studenten sein Dogma. Dennoch ist es stets auch ein Flirt mit dem Risiko. Was passiert wäre, wenn die Büffel angegriffen hätten, will jemand wissen. Immerhin zählen sie zu den Big 5 - den fünf Tierarten, auf die die Jagd am gefährlichsten ist. Schon Ernest Hemingway hatte sie als extrem gefährliche Tiere beschrieben. "Wenn die ganze Herde losstürmt, dann wird man auf einmal sehr religiös", lautet die lakonische Antwort. Doch Bruce weiß, wovon er spricht.

Gegen den Wind anpirschen

Der Südafrikaner ist stolz darauf, dass er in 16 Jahren Berufserfahrung nur einmal auf ein Tier hat schießen müssen. Der ehrenamtliche Direktor des Berufsverbands FGASA will Konfrontationen mit wilden Tieren vermeiden. Wie, das bringt er seinen Schützlingen bei. Stets gegen den Wind anpirschen, den Tieren genügend Abstand und Fluchtwege gewähren, nie rennen, stets vorausschauend handeln. Uschi aus Tespe (bei Hamburg) macht im Laufen eifrig Notizen. Immerhin gibt es am Ende des Kurses auch noch einen Test fürs Abschluss-Zertifikat zu bestehen.

Ihr Mann Jens - ein weltgewandter Manager - und sie sind schon alte Hasen: Beide haben im Süden des Nationalparks schon mal einen anderen Ranger-Kurs von EcoTraining besucht, erklärt sie bei der Vorstellung am Abend. Bei flackerndem Lichterschein werden Biografien ausgetauscht. Da ist der 65-jährige Donald, ein südafrikanischer Farmer und passionierter Ornithologe. Er teilt die Leidenschaft für die Vogelwelt mit Bill, einem fast gleichaltrigen Ex-Manager aus Johannesburg. Oder das junge Akademiker-Pärchen Laura und Christiano. Sie lieben die Natur. Die beiden Mailänder Agro-Ökonomen waren in Kenia schon auf Wanderschaft mit den Massai.

Tieren "auf der selben Ebene" begegnen

Khumo dagegen ist mit ihren 21 Jahren das Nesthäkchen der Truppe. Die Fotoreporterin aus Südafrika ist mit Ausnahme des Koch- und Reinigungstrupps das einzige schwarze Gesicht im Camp. Sie wurde von ihrem Natur-Magazin zur Berichterstattung geschickt und ist mit ihrem erfrischenden Selbstbewusstsein gut in die Gruppe integriert.

Die meisten sind wie Jens im Internet oder im Fernsehen auf EcoTraining gestoßen. Er wollte nicht nur im Auto sitzen und an Tieren entlangfahren. "Ich will den Tieren auf derselben Ebene begegnen", meint seine Frau. Beim klassischen Sundowner - dem Getränk zum Sonnenuntergang - verrät Jens oberhalb der spektakulären Lennar- Schlucht noch einen anderen Grund: "Durch den Kursus komme ich in die schönsten Ecken des Parks, die normalerweise unzugänglich sind - und obendrein lerne ich noch etwas über die Natur."

Zwei Welten treffen aufeinander

In der Tat ist die etwa 24.000 Quadratkilometer große Makuleke- Konzession weitgehend tabu für die meisten Touristen. Das Gebiet wurde dem Makuleke-Stamm nach dessen Vertreibung in den 60er Jahren erst Jahrzehnte später wieder zurückgegeben. Da war es bereits Teil des Krüger-Nationalparks. Mit Hilfe der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) wurde daher für die Eigentümer ein Konzept ausgearbeitet, das einen vorsichtigen Umwelttourismus begünstigt. Zwei Luxuslodges und EcoTraining dürfen nun das Gebiet unter strengen Auflagen kommerziell nutzen.

Die EcoQuest-Gruppe begegnet den elegant gekleideten Gästen der Luxuslodges bei der abendlichen Pirschfahrt mit dem Geländewagen am Fluss. Zwei Welten treffen aufeinander. Hier die Lodge-Gäste im auffällig weißen Dinner-Outfit, dort die lässig gekleidete Safaritruppe im bereits leicht schmuddeligen Khaki-Look. Für sie steht das Naturerlebnis weit vor dem Luxus. Und sie liegt damit voll im Trend. Theresa Bay-Müller von der Deutschland-Zentrale des Fremdenverkehrsamtes SA Tourism bestätigt, dass Südafrika-Urlaub mit Öko- oder Sozialkomponente zunehmend gefragt sind.

"Immer mehr Reisende wünschen sich authentische Erlebnisse und direkte Kontakte mit der Bevölkerung und der Kultur des Landes. Viele Anbieter in Südafrika ermöglichen das und leisten gleichzeitig einen wertvollen Beitrag für den Erhalt des kulturellen Erbes und der unberührten Natur", sagt sie. Nur die wenigsten Touristen haben allerdings die Zeit, die monatlichen Field Guide-Kurse mit staatlich anerkanntem Abschluss zu absolvieren. Bruce, der sich über seinen Verband für eine Anhebung und Harmonisierung der Ausbildungs- Standards einsetzt, hält den Beruf finanziell eh für kaum attraktiv.

Eine Frage des Lebensstils

"Bei einem Anfangsverdienst von knapp 3000 Rand (300 Euro) ist es wohl eher eine Frage des Lebensstils", meint er. Insgesamt wird die Zahl der Field Guides in Südafrika auf um die 30.000 geschätzt. Viele von ihnen schlagen sich ohne Sozialversicherung oder medizinische Versorgung mit Saison-Jobs auf Lodges durch.

Die gleiche Zahl soll nun im Schnelldurchgang ausgebildet werden, um die erwarteten Scharen der WM-Touristen durch den Busch zu schleusen. Bruce sieht das mit Unbehagen. "Es gibt jetzt schon mehr Angebot als Nachfrage auf dem Markt. Was soll daher mit den Leuten nach 2010 geschehen?", fragt er sich. Auch die Ausbildung im Hauruck- Verfahren widerstrebt ihm. Er ist sicher: "Der durchschnittliche Tourist ist heute viel informierter als früher - der erwartet einfach mehr an Qualität. Auch und gerade im Busch!"

Von Ralf E. Krüger, dpa

Quelle: n-tv.de

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