Panorama

Amok-Gefahr war nicht akutScharfe Kritik an der Polizei

22.11.2007, 12:26 Uhr

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter kritisiert, dass bei dem Gespräch mit dem 17-jährigen Schüler nicht speziell geschulte Experten eingesetzt wurden.

Im Fall des Amok-Alarms an einem Kölner Gymnasium und dem Selbstmord eines Schülers sind weitere Vorwürfe gegen die Polizeiführung laut geworden. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) kritisierte im Westdeutschen Rundfunk eine "katastrophale" Informationspolitik und überforderte Polizeibeamte. Das gesamte Einsatzkonzept müsse überprüft werden, verlangte der Vorsitzende Klaus Jansen.

BDK-Sprecher Bernd Carstensen sagte, es hätten speziell geschulte Experten der Polizei bei dem Gespräch mit dem 17-jährigen Schüler eingesetzt werden müssen. Dieser hatte sich nach dem Gespräch mit zwei Polizeibeamten am Freitag das Leben genommen. Laut Polizei hatten er und ein 18 Jahre alter Mitschüler einen Amoklauf geplant.

Amok-Plan war bereits aufgegeben worden

Wenn es Hinweise auf einen Amok-Plan gebe und es sich bei dem Verdächtigen noch dazu um einen Schüler handele, müsse die Polizeiführung vom ersten Gespräch an Spezialisten einsetzen, sagte Carstensen. Dies sei in Köln versäumt worden. Zudem sei bei der ersten Pressekonferenz der Polizei am vergangenen Sonntag ein akutes Gefahren-Szenario beschrieben worden, das aber offenbar gar nicht bestanden habe, kritisierte Carstensen. Laut Kölner Staatsanwaltschaft hatten die beiden Gymnasiasten ihre ursprünglichen Amok-Pläne bereits vor einigen Wochen aufgegeben.

Der frühere Kölner Leitende Polizeidirektor Winrich Granitzka sprach in der "Kölnischen Rundschau" von einer "merkwürdigen" und "scheibchenweisen" Informationspolitik der Polizei. Der 17-Jährige hätte Granitzka zufolge nach Hause begleitet und sein Zimmer durchsucht werden müssen. Der Schüler hatte Bilder von einem Amoklauf in den USA ins Internet gestellt und dazu positive Bemerkungen gemacht. Die Schulleitung hatte zunächst selbst mit dem Gymnasiasten gesprochen und dann die Polizei hinzugezogen.

Gewerkschaft attackiert "ahnungslosen Funktionär"

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) verteidigte dagegen am Donnerstag ausdrücklich das Vorgehen der Kölner Polizei. Die Schutzpolizei und die zuständigen Kriminalbeamten in Köln hätten "hervorragend" zusammengearbeitet, betonte der Bundesvorsitzende Rainer Wendt. "Die Einsatzkräfte brauchen jetzt Rückendeckung der Politik und nicht dummdreiste Bemerkungen eines ahnungslosen Funktionärs", erklärte Wendt mit Blick auf die Kritik des BDK-Chefs. Das Konzept der Polizei in Nordrhein-Westfalen zur Bewältigung von Amoklagen an Schulen und Universitäten sei "professionell und erfolgreich".

Neben der Staatsanwaltschaft prüfen derzeit auch Nordrhein-Westfalens Innenminister Ingo Wolf (FDP) und NRW-Schulministerin Barbara Sommer (CDU) die Umstände, unter denen der verdächtige Jugendliche das Schulgebäude nach dem Gespräch mit der Polizei verlassen hatte. Dazu liegen widersprüchliche Angaben der Schule und der Kölner Polizei vor.