Afrika an der SeineSchwarzes Leben in Paris
Wie viele Schwarzafrikaner und Franzosen afrikanischer Herkunft in Paris leben, weiß niemand. Bei den Volkszählungen wurde bislang bewusst auf Fragen nach der Abstammung verzichtet. Die Lebenswelt der Schwarzen in Paris ist geprägt von kultureller Vielfalt und Rassismus.
Es duftet nach gebratenen Maiskolben, in einem Schaufenster kringeln sich künstliche Haarsträhnen und am Marktstand nebenan gibt es Maniokwurzeln und grüne Kochbananen. Die Pariser Metrostation Chateau Rouge ist etwa 20 Minuten von der Kathedrale Notre Dame entfernt, doch die kurze Fahrt ist wie ein Interkontinentalflug vom Herzen Europas mitten nach Afrika. Dicke Mamas mit Steppjacken über buntgemusterten Kleidern kaufen auf dem afrikanischsten aller Pariser Märkte für ihre Familien ein. Beim Metzger gibt es vier Hühner für 11,95 Euro. Eine Frau verkauft daumendicke Insektenlarven aus einer Plastiktüte. "Sie schmecken gut, wenn man sie in der Pfanne brät", sagt sie, "die haben viel Protein."
Im Gemischtwarenladen "Togo Exotique" gibt es Erdnüsse in alten Pastis-Flaschen, Palmwein und togolesisches Bier der Marke Flag. An der Kasse hängt eine Anzeige für ein Haus am Meer in der togolesischen Hauptstadt Lom. "AfroChic" bietet Wachsbatik-Stoffe in allen Farben, nebenan verkauft eine hübsche Kongolesin Raubkopien der beliebtesten afrikanischen Musikgruppen. Auf einem Bildschirm laufen Tanzvideos, die Tänzer zucken kokett mit dem Unterleib.
Die französische Condoleezza Rice
Der Perückenhändler hat gerade eine Lieferung aus China bekommen. "Das ist gute Qualität", sagt der Mann, der aus Ouagadougou stammt und schon seit Jahrzehnten in Paris lebt. "Aber echtes Haar können sich viele nicht leisten." Er stapelt die Packungen mit den etwa einen halben Meter langen schwarzen Strähnen in einer Ecke des winzigen Ladens, in dem es auch Shampoos der Marke "Dark & Lovely", Zopfgummis in allen Farben und Kämme mit dem Stiel nach oben gibt, mit dem sich gut Zöpfchenfrisuren machen lassen. Die chinesischen Strähnen kosten 30 Euro pro Packung. Die meisten Perückenköpfe, die im Laden stehen, haben eine helle Hautfarbe.
Wie viele Schwarzafrikaner und Franzosen afrikanischer Herkunft in Paris leben, weiß niemand. Bei den Volkszählungen wurde bislang bewusst auf Fragen nach der Abstammung verzichtet. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hat erstmals eine Schwarze als Staatssekretärin in die Regierung geholt. Die 30 Jahre alte Rama Yade stammt aus einer wohlhabenden senegalesischen Familie. Ihr Vater war Diplomat und Berater des Präsidenten. Sarkozy stellt sie gerne als "die französische Condoleezza Rice" vor, während Kritiker in ihr die schwarze Quotenfrau sehen, die ihre Karriere eher ihrem hübschen Gesicht als ihrer Kompetenz zu verdanken hat.
Gratis-Zeitschrift für afrikanische Kultur
Ayoko Mensah weiß nicht recht, was sie von der schwarzen Juniorministerin halten soll. "Ich habe mich gefreut, als sie in die Regierung kam. Aber wenn sie keinen Erfolg hat, weil sie vielleicht zu unerfahren ist, werden sich alle Kritiker bestätigt fühlen", meint die Chefredakteurin der Zeitschrift Afriscope. Seit vergangenem Sommer gibt es in Paris die erste Gratis-Zeitschrift für afrikanische Kultur. "Die etablierten Medien vernachlässigen die Kreativität der afrikanischen Künstler in Paris", meint Ayoko. "Wir wollen einem möglichst großen Publikum berichten, was sich in der Kulturszene der afrikanischen Diaspora tut."
Die 40-Jährige hat einen togoischen Vater und eine französische Mutter. Sie ist in Paris geboren und aufgewachsen und fährt regelmäßig zur Familie ihres Vaters nach Togo. "Ich fühle mich als Mittlerin zwischen Frankreich und Afrika", sagt sie. Die winzige Redaktion befindet sich auf zwei Etagen in einem Hinterhaus im 19. Arrondissement, dort wo Paris besonders international ist. Gegenüber liegt eine muslimische Metzgerei, ein paar Schritte weiter ein asiatischer Imbiss. An der unscheinbaren Tür klebt das Logo von Afriscope. Auf einer Kochplatte steht eine Espressokanne, der Boden ist von Kabelgewirr bedeckt.
Ayoko gehört zu denen, die es geschafft haben, sich in der Pariser Welt einen Platz zu erobern. "Es gibt immer noch eine Glasdecke, die Schwarze kaum durchstoßen", sagt sie. Es gebe noch immer viel zu wenige schwarze Rechtsanwälte, Ärzte oder Fernsehmoderatoren. "Und weil es kaum Vorbilder gibt, trauen sich auch nur wenige Jugendliche eine solche Karriere zu", sagt sie.
Bedingungen des Familiennachzugs verschärft
Die afrikanische Gemeinschaft in Paris sei keineswegs homogen, meint Ayoko. "Schwarze in Paris finden sich eher nach Nationalitäten oder nach sozialen Schichten zusammen, aber von einer "afrikanischen Solidarität" kann kaum die Rede sein", sagt sie. "Diejenigen, die etabliert sind, kümmern sich kaum um Neuankömmlinge, die sich ohne Papiere durchschlagen und von der Ausweisung bedroht sind. Wir müssen uns selbst so anstrengen, unseren Platz zu finden. Es ist kein böser Wille, sondern eher Gleichgültigkeit", fügt sie hinzu.
Unter den schätzungsweise 200.000 bis 400.000 "Illegalen" in Frankreich sind viele Schwarze. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hatte schon während des Wahlkampfs angekündigt, verstärkt gegen Ausländer ohne Aufenthaltsberechtigung vorzugehen und die Einwanderung einzuschränken. Das hatte ihm viele Stimmen aus der Stammwählerschaft des rechtsextremen Jean-Marie Le Pen eingebracht. Kurz nach Amtsantritt gründete er ein eigenes Ministerium für Einwanderung und nationale Identität und besetzte es mit seinem engen Vertrauten Brice Hortefeux. Dieser legte fest, dass bis Ende des Jahres 250.000 Ausländer ohne Papiere abgeschoben werden sollen.
Das französische Parlament hat kürzlich die fünfte Gesetzesänderung zur Einwanderung innerhalb von vier Jahren verabschiedet. Das jüngste Gesetz verschärft die Bedingungen des Familiennachzugs. Angehörige von Einwanderern in Frankreich müssen künftig in einer Prüfung "Kenntnisse der französischen Sprache und der Werte der Republik" nachweisen.
Mit Gentests Verwandtschaft belegen
Aufsehen erregte die Gesetzesänderung vor allem, weil Angehörige von Einwanderern mit zweifelhaften Papieren ihre Verwandtschaft künftig mit Gentests belegen sollen. Ein "zusätzliches Recht", meint Hortefeux. "Eine Frechheit", findet Ayoko. Eine Familie bestehe ja nicht nur aufgrund von Blutsverwandtschaft. Letztlich diene das Gesetz dazu, die Zahl der nachziehenden Angehörigen zu verringern.
Während Ayoko und ihre Kollegen an der nächsten Ausgabe ihrer Zeitschrift arbeiten, hat mitten im Pariser Zentrum eine Gruppe afrikanischer Frauen ein Zeltlager aufgeschlagen. Die 38 Jahre alte Kumba stammt aus Mauretanien. Sie schläft seit mehreren Tagen zusammen mit ihren fünf Kindern in einem der roten Zelte gegenüber dem mächtigen Gebäude der Pariser Börse. "Wir sind hier, um gegen das Wohnungsproblem zu protestieren", sagt sie.
Kumba zählt nicht zu den Obdachlosen, sondern zu den "mal logs", den "schlecht Untergebrachten". "Ich arbeite, und meine Papiere sind in Ordnung, aber es ist unmöglich für Schwarze, in Paris eine Wohnung zu mieten", sagt sie. "Am Telefon sind die Vermieter noch freundlich, aber wenn ich zum Besichtigen komme, heißt es immer: "Tut mir Leid, die Wohnung ist schon vergeben"", erzählt sie. Als sie aus Nouakchott nach Paris kam, hat ihre Schwester sie samt Kindern aufgenommen. Doch dann kamen noch mehr Verwandte aus Mauretanien, und Kumba musste umziehen.
Rassismus im Alltag
"Ich habe noch nie eine eigene Wohnung gehabt, sondern war immer nur bei anderen", sagt sie. Zuletzt lebte sie mit ihren fünf Kindern in zwei Zimmern zur Untermiete bei einem Bekannten. "Ich arbeite als Putzfrau und zahle jeden Monat 600 Euro Miete", sagt Kumba. "Aber mit schwarzer Haut habe ich Paris nur Probleme." Nach ein paar Tagen löste die französische Polizei das Zeltlager auf, drei Frauen wurden bei der Aktion in den frühen Morgenstunden leicht verletzt. Kumba und die anderen Frauen blieben auch ohne Zelte an ihrem Platz, standen tagsüber mit dem Rücken an die Hauswand gelehnt und wickelten sich nachts auf dem Gehweg in Decken. "Wir wollen auf unser Problem aufmerksam machen", sagt Kumba.
Viele "blacks", wie sich Schwarze in Frankreich nennen, kennen Beispiele für Rassismus im Alltag - eine Bedienung beim Bäcker, die alle Kunden mit "bonjour, madame", "bonjour, monsieur" begrüßt und für eine schwarze Kundin nur ein knappes "was darf's sein?" übrig hat; Fahrkartenkontrolleure in der Metro, die es besonders auf Schwarze abgesehen haben; stapelweise Bewerbungsschreiben, die unbeachtet bleiben.
Frankreich hat wegen seiner Kolonialvergangenheit ein besonderes Verhältnis zu Afrika. In ehemaligen Kolonien wie Senegal, Mali, Elfenbeinküste, Tschad oder Kongo-Brazzaville leben noch immer viele Franzosen. Die Ex-Kolonien sind einerseits gute Absatzmärkte - in Supermärkten in Dakar oder Abidjan gibt es selbstverständlich Pernod, Perrier-Mineralwasser und President-Camembert. Viele französische Firmen sind am Aufbau der Infrastruktur und am Abbau der Rohstoffe in Afrika beteiligt.
Zusammengehörigkeitsgefühl steigern
Sarkozy ist wenige Monate nach seinem Amtsantritt nach Afrika gereist. Seine "programmatische Rede", die er in Dakar an "die afrikanische Jugend" gerichtet hat, hat wegen des paternalistischen Tonfalls viele Schwarze in Frankreich empört. "Der afrikanische Mensch ist noch nicht in die Geschichte eingetreten", sagte Sarkozy. "In einer Welt, die von der Natur bestimmt ist, bleibt der Mensch unbeweglich in einer unveränderlichen, festgelegten Ordnung. Der Mensch erobert nicht die Zukunft. Das Problem Afrikas - erlauben Sie einem Freund Afrikas diese Bemerkung - ist die Herausforderung, (...) seine eigene Zukunft in die Hand zu nehmen."
"Was für eine peinliche Rede", meint Ayoko. Diese Rede hätte auch in der Kolonialzeit gehalten werden können, fügt sie hinzu. Aber sie blickt auch kritisch auf ihr eigenes Umfeld: "Wenn die afrikanische Diaspora in Frankreich eine stärkere Stimme hätte, dann hätte es einen viel größeren Aufschrei gegeben." Dafür, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl wächst und Frankreich auf seine kulturelle Vielfalt stolz sein kann, dafür will sie sich mit ihrer Zeitschrift einsetzen.
Von Ulrike Koltermann, dpa