Katastrophe schwer vermittelbarSpenden für Japan fließen nur verhalten

Die Spendenbereitschaft der Bundesbürger ist wie immer vorhanden. Doch geben weitaus weniger Geld für Japan als vor einem Jahr noch für Haiti. Angesichts dessen, dass Japan eine hochentwickelte Industrienation ist, ist das Verantwortungsgefühl geringer.
Künstler der Staatsoper Berlin geben ein Benefizkonzert, Firmenbelegschaften sammeln Gelder, und Schüler verkaufen Kuchen für den guten Zweck: Auch mehr als drei Wochen nach der verheerenden Erdbeben- und Tsunamikatastrophe in Japan spenden immer noch viele Deutsche. Obwohl Japan selbst ein wohlhabendes Land ist, zeigen sich viele Bundesbürger großzügig. "Das Interesse ist da", sagt Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), das alljährlich einen Spenden-Almanach herausgibt. Insgesamt sei der Spendenfluss aber "nach wie vor verhalten".
Braucht ein so hochentwickeltes, reiches Land wie Japan überhaupt Spenden? Diese Frage haben sich vermutlich viele Deutsche in den vergangenen Wochen gestellt. Tatsächlich gebe es gegenüber armen Ländern wie Haiti, das 2010 von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde, generell "ein stärkeres Verantwortungsgefühl zu helfen", meint Achim Reinke von Caritas International. Zudem gehöre Japan beim Katastrophenschutz zu den weltweit am besten ausgerüsteten Ländern.
Fukushima überlagert Tsunami
Daher werben die Caritas und andere Hilfsorganisationen weniger offensiv für Spenden. Anders als etwa nach dem Beben in Haiti gebe es im Falle Japans weder eine Sonderkollekte der Kirche, noch seien die Spender direkt angeschrieben worden, sagt Reinke. Nicht zuletzt wird die humanitäre Katastrophe für zehntausende Japaner, die Angehörige und ihr Zuhause verloren haben und denen es oft am Nötigsten mangelt, zum großen Teil von den erschütternden Bildern des Atomunfalls im AKW Fukushima überlagert.
Inzwischen aber rücke die "Lage der einfachen Menschen" wieder mehr in den Vordergrund, heißt es bei den Hilfsorganisationen. Es habe sich gezeigt, dass auch eine Industrienation wie Japan mit einem ausgeklügelten Hilfesystem "mit solch einer Katastrophe überfordert ist", sagt die Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Svenja Koch. Beim DRK gingen bislang rund elf Millionen Euro an Spenden ein. Damit wird die Arbeit des Japanischen Roten Kreuzes unterstützt, das Menschen in den Notunterkünften versorgt und auch psychosoziale Hilfe leistet.
Ohne Zweckbindung spenden
Für den Fall, dass die Hilfsbereitschaft der Deutschen den Hilfebedarf der Japaner übersteigt, haben einige Organisationen vorgesorgt. So bitten unter anderem die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen und die Diakonie darum, nicht zweckgebunden für Japan zu spenden. Die Gelder könnten dann auch den Menschen in anderen Krisenregionen zugute kommen, die weniger im Licht der Öffentlichkeit stehen, aber ebenso dringend hilfebedürftig seien. "Angesichts der Katastrophe in Japan dürfen andere Krisen auf der Welt nicht ins Abseits geraten", heißt es bei der Diakonie.
Es komme durchaus vor, dass Hilfsorganisationen "in die Bredouille kommen", weil sie die explizit für ein Großereignis erhaltenen Spendengelder gar nicht sinnvoll ausgeben könnten, sagte Andreas Rickert von der gemeinnützigen Berliner Gesellschaft Phineo in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Grundsätzlich könne das Geld ohne Zweckbindung von den Organisationen "schneller und effektiver" verwendet werden.
Langfristige Hilfe genauso wichtig
Caritas-Sprecher Reinke geht allerdings nicht davon aus, dass Geld übrig bleiben wird. Bei der Organisation sind inzwischen fast 3,4 Millionen Euro Japan-Spenden zusammengekommen, die an die Partnerorganisationen vor Ort gehen. Es gebe "jede Menge Bedarf" beim Wiederaufbau von Sozialeinrichtungen für alte, kranke und obdachlose Menschen oder von Kindergärten, berichtet Reinke.
DRK-Sprecherin Koch verweist darauf, dass Japan nach der Soforthilfe auch langfristig Hilfe brauchen werde. Die psychosoziale Betreuung der Überlebenden und der Helfer werde wahrscheinlich noch Monate oder Jahre nötig sein. Nach den ersten Wochen, in denen es vor allem ums Überleben geht, würden sich Einsamkeit, Verzweiflung und Trauma bemerkbar machen. Auch für die Vorsorge werde Geld gebraucht. Denn "nach dem Erdbeben ist vor dem Erdbeben", sagt Koch.