Panorama

Drei Tote bei KraftwerksunfallStaatsanwaltschaft ermittelt

26.10.2007, 08:19 Uhr

Auf der Baustelle eines Braunkohlekraftwerks hatten sich gestern Abend bei Montagearbeiten Teile eines Stahlgerüsts gelöst. Diese stürzten aus mehr als 100 Metern Höhe zu Boden.

Nach dem Tod von drei Monteuren bei den Bauarbeiten für das neue RWE-Braunkohlekraftwerk in Neurath hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufgenommen. Über 50 Ermittlungsbeamte der nordrhein-westfälischen Polizei sowie Spezialkräfte des Landeskriminalamtes fahnden nach der Ursache des Unglücks.

Der Mönchengladbacher Oberstaatsanwalt Peter Aldenhoff sagte, es werde von den Ergebnissen der Ermittlungen und den Erkenntnissen der inzwischen eingeschalteten Gutachter abhängen, ob gegen bestimmte Personen Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet würden. Die Ursache des Unglücks sei aber noch völlig unklar.

"Es ist uns im Moment unerklärlich", so Klaus-Dieter Rennert von der Hitachi-Gruppe, die an den Bauarbeiten beteiligt ist. Vier mögliche Ursachen werden derzeit geprüft: Materialprobleme, Fertigungsprobleme, Fehler in der konstruktiven Auslegung oder menschliches Versagen.

Bei dem schweren Unglück auf einer der größten Baustellen Europas kamen nach Angaben der Behörden allerdings weniger Menschen ums Leben als zunächst befürchtet. Die mehr als 450 Tonnen schwere Stahlkonstruktion habe drei und nicht wie ursprünglich angenommen fünf Arbeiter mit in den Tod gerissen, berichtete der Einsatzleiter der Polizei, Dieter Höhbusch. In der Hektik der Rettungsarbeiten seien zwei der Toten doppelt gezählt worden. Sechs Personen wurden bei dem Unfall schwer verletzt. Doch schwebte am Freitag keiner von ihnen mehr in Lebensgefahr. Meldungen über einen Vermissten hätten sich nicht bestätigt.

Herzinfarkt bei Rettung

Bei den Toten handelt es sich laut Polizei um zwei slowakische Staatsangehörige im Alter von 32 und 35 Jahren sowie einen 25-jährigen Tschechen. Auch die fünf verletzten Monteure stammten aus diesen Ländern. Darüber hinaus erlitt ein deutscher Sanitäter bei den Rettungsarbeiten einen Herzinfarkt.

Der Unfall hatte sich am Donnerstag kurz nach 16 Uhr auf der Baustelle des neuen RWE-Braunkohlenkraftwerks Grevenbroich-Neurath ereignet. Als ein über 100 Tonnen schweres Stahlteil mit einem Spezialkran am Gerüst des Kraftwerkskessels befestigt werden sollte, brach aus noch ungeklärter Ursache die gesamte Unterkonstruktion ab.

Es droht Absturz

Geborgen werden konnten die Leichen aber bis zum Freitagnachmittag noch nicht. Denn nach wie vor drohten weitere Stahlteile auf die Unglücksstelle herabzustürzen. Eine der Leichen hing weithin sichtbar in 140 Meter Höhe im Baustellengerüst. Die Sicherungsleine des Monteurs hatte sich an einem Stahlträger verfangen. Eine weitere Leiche liege in 70 Meter Höhe, berichtete die Polizei. Der dritte Tote sei unter den Trümmern am Boden begraben.

Die Inbetriebnahme des Braunkohlekraftwerks, das auf der Baustelle entsteht, werde sich nun "sicherlich verzögern", sagte Johannes Lambertz, Vorstandsmitglied des Kraftwerksbetreibers RWE Power. RWE-Mitarbeiter Eberhard Uhlig betonte: "Wir sind mehr als betroffen über dieses Unglück, was so nicht hätte passieren dürfen." Zur Schadenshöhe sind noch keine Angaben bekannt.

Prestigeobjekt von RWE

- Das Braunkohlekraftwerk gehört mit einer Investitionssumme von rund 2,2 Milliarden Euro zu den Prestigeobjekten von RWE. Die zwei Blöcke mit einer Gesamtleistung von mehr als 2.200 Megawatt sollen nach etwa vierjähriger Bauzeit spätestens 2010 in Betrieb gehen.

- Mit dem Kraftwerk wirbt RWE für mehr Klimaschutz bei den von Umweltschützern wegen des Kohlendioxidausstoßes kritisierten Kohlekraftwerken. Der Versorger will nach Fertigstellung alte Anlagen vom Netz nehmen. Im Vergleich zu den alten Blöcken soll das neue Kraftwerk jährlich rund sechs Millionen Tonnen weniger Kohlendioxid ausstoßen.

- Die Baustelle ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in der Region. Bis zu 4.000 Menschen sollen hier beschäftigt sein. Einen großen Teil der Aufträge hat RWE an Firmen aus Nordrhein-Westfalen vergeben. Die Leittechnik soll von Siemens gebaut werden.