Panorama

Radioaktivität aus Japan Strahlung wird weltweit steigen

Ständig entweicht Radioaktivität aus den zerstörten Reaktoren im japanischen Fukushima. Greenpeace-Teams messen in der Region die Strahlung und werfen der japanischen Regierung Untätigkeit vor. Sie könne "nicht so tun, als gehe das Leben einfach weiter". Strahlen-Experte Lengfelder sieht auch die Gefahr für Europa noch nicht gebannt.

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Vor einem Evakuierungszentrum in Fukushima wird eine Dreijährige auf Strahlung untersucht.

(Foto: AP)

Die Gefahr einer radioaktiven Belastung durch den Super-Gau in Japan ist nach Ansicht des Münchner Strahlenmediziners Prof. Edmund Lengfelder auch für Deutschland und Europa bisher nicht gebannt. "Der Umstand, dass die Radioaktivität immer noch ungebremst in die Atmosphäre entlassen wird - was nach Aussage der japanischen Regierung noch Monate andauern wird - heißt: Die Radioaktivität nimmt ständig zu", sagte Lengfelder. "Wie viel davon bei uns ankommt, hängt von der Meteorologie ab."

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) betonte dagegen auf Anfrage, in Deutschland seien keine Gesundheitsgefahren wegen radioaktiver Stoffe aus Japan zu befürchten. Auch die Umweltorganisation Greenpeace fürchtet jedoch eine weltweit steigende Strahlenbelastung infolge der Atomkatastrophe. Der Plan des Kraftwerkbetreibers Tepco zur Bekämpfung des Unfalls in den kommenden neun Monaten beruhe auf unbekannten Grundlagen, erklärte der Greenpeace-Experte Christoph von Lieven.

"Unseriöse Annahmen"

Es werde voraussichtlich etwa drei Monate dauern, durch das Schließen von Lecks das Austreten von Radioaktivität aus der Anlage im Nordosten des Landes zu verringern, hatte Tepco-Chef Tsunehisa Katsumata gesagt. Danach werde es wohl noch weitere drei bis sechs Monate dauern, "bis wir die radioaktiven Lecks auf ein sehr geringes Maß zurückfahren können", indem die Temperatur in den Reaktoren und in den Abklingbecken für gebrauchte Brennstäbe gesenkt werde.

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Blick über die Stadt Futaba in der Präfektur Fukushima.

(Foto: AP)

"Was Tepco hier sagt, ist einfach unseriös", sagte von Lieven. "Das einzige, was im Moment klar ist, ist, dass weiter Radioaktivität austritt." "Wir sind uns nicht sicher, ob wir damit nicht noch Jahre zu tun haben. Und das ist ein weltweites Problem. Wir werden weltweit eine erhöhte Strahlenbelastung haben", sagte der Umweltschützer. Die sogenannte Hintergrundstrahlung werde weltweit weiter steigen. Auch manche Lebensmittel seien belastet. Das Ausmaß dieser Entwicklung sei noch nicht abzuschätzen, fügte von Lieven hinzu.

Lengfelder, der nach Tschernobyl die Gesellschaft für Strahlenschutz und das Münchner Otto Hug Strahleninstitut gründete, sagte, bisher seien die Messwerte hierzulande normal. "Wegen der weiter andauernden Freisetzung in die Atmosphäre muss man wirklich sehr sorgfältig beobachten, wann die Radioaktivität bei uns ansteigt." Das Trinkwasser sei hingegen in Deutschland nicht in Gefahr.

Greenpeace misst vor Ort

In der Atomruine Fukushima und der Katastrophenregion werden indes immer mehr Details über die Höhe der Strahlung bekannt. Die Unglücksgegend ist nach Greenpeace-Messungen deutlich radioaktiv belastet. Innerhalb der zerstörten Reaktoren maßen ferngesteuerte Roboter am Sonntag stark erhöhte Strahlenwerte. Große Mengen an radioaktiv verseuchtem Wasser erschwerten die Arbeiten in der Atomruine.

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Ein Dosimeter misst die Strahlung an einer Grundschule in Kawamata in der Präfektur Fukushima.

(Foto: dpa)

In der Stadt Fukushima, rund 60 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt, seien noch bis zu vier Mikrosievert pro Stunde gemessen worden, sagte Greenpeace-Experte Thomas Breuer in Hamburg. Die Bevölkerung bekomme dort in 14 Tagen die höchste vertretbare künstliche Strahlendosis für ein Jahr ab.

In der Stadt Koriyama sei diese Dosis in 42 Tagen erreicht. Die höchste Strahlenbelastung maß das Team nach Breuers Angaben in zwei Dörfern der Region mit 7 bis 48 Mikrosievert pro Stunde. Dort erhielten die Bewohner im Schnitt bereits in zwei Tagen die Jahresdosis. "Das sind dramatische Zahlen", sagte Breuer. Auf sandigen oder erdigen Böden, etwa auf Spielplätzen, ist die Belastung besonders hoch, weil sich radioaktive Partikel darin gut verfangen. "Die Menschen in Fukushima City und in Koriyama müssen Langzeitfolgen befürchten, Kinder sind besonders gefährdet", sagte Breuer.

"Dramatische Zahlen"

Greenpeace sieht eine zusätzliche Belastung von 1000 Mikrosievert (1 Millisievert) im Jahr als höchste vertretbare Dosis an. Dieser Wert liegt in etwa bei der Hälfte der durchschnittlichen natürlichen Strahlenbelastung in Deutschland. Es müsse über weitere Evakuierungen nachgedacht werden ebenso über Maßnahmen gegen den radioaktiven Staub. Spielplätze und Kindergarten sollten vielerorts geschlossen werden.

Anders als 1986 rund um Tschernobyl gebe es bei Fukushima außerdem keine Kontrollen des Verkehrs, kritisierte Breuer. Obwohl mitten durch das Gebiet eine stark befahrene Fernroute führe, gebe es keine Radioaktivitätsmessungen an den Fahrzeugen. Auch die Bauern würden mit dem Strahlenproblem allein gelassen. Sie erhielten keine Informationen darüber, was sie mit ihren Feldfrüchten machen und wie sie mit dem kontaminierten Land in Zukunft umgehen sollten.

Greenpeace untersuchte auch 16 Gemüse- und 8 Bodenproben in der Region. In Feldgemüse seien Werte von 8000 bis 150 000 Becquerel pro Kilogramm festgestellt worden - der Grenzwert etwa für Jod-131 liege bei 2000 Becquerel pro Kilogramm. Welche radioaktiven Stoffe in dem Gemüse waren, sei mit der mitgenommenen Technik nicht zu messen gewesen.

Roboter im Einsatz

In den kritischen Reaktoren 1 und 3 von Fukushima maßen ferngesteuerte Roboter am Sonntag erhöhte Strahlenwerte, wie das japanische Fernsehen NHK unter Berufung auf Tepco auf seiner Internetseite meldete. Danach wurden im Reaktor 1 Werte von 10 bis 49 Millisievert pro Stunde gemessen, in Reaktor 3 waren es demnach 28 bis 57 Millisievert pro Stunde. 57 Millisievert pro Stunde sind nach Angaben des Betreibers Tepco fast 6000 Mal höher als im Normalbetrieb des Reaktors. Die Verstrahlung verzögere die Arbeiten, erklärte Tepco.

In Reaktor 2 stieg in einem Schacht weiter die Menge an verstrahltem Wasser. Zunächst war es weniger geworden, nachdem mehrere hundert Tonnen abgelassen worden waren. Doch dann stieg es am Montag wieder um etwa neun Zentimeter, wie das japanische Fernsehen NHK auf seiner Internetseite berichtete. Die Einsatzkräfte hofften, das Wasser aus dem Schacht schon bald in einen Auffangbehälter abpumpen zu können.

Quelle: n-tv.de, AFP/dpa

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