Schwere Vorwürfe im Winnenden-ProzessVater machte Amoklauf möglich

Angesichts des Amoklaufs von Lörrach fordern die Hinterbliebenen der Bluttat von Winnenden vor anderthalb Jahren, Waffen aus Privathäusern zu verbannen. Nichts spreche dagegen "Waffen zentral und gut gesichert aufzubewahren". Im Prozess wird der Vater von Tim K. beschuldigt, die Tatwaffe unverschlossen aufbewahrt zu haben.
Schwere Vorwürfe gegen den Vater des jugendlichen Täters hat eine Nebenklägerin im Stuttgarter Prozess um den Amoklauf von Winnenden erhoben. "Sie verschwenden doch keinen einzigen Gedanken an uns. Sie schwelgen doch lieber in Selbstmitleid", sagte Tatjana Hahn, Schwester einer beim Amoklauf im März 2009 getöteten Schülerin, vor dem Landgericht. Die 19-Jährige reagierte in ihrer emotionalen Erklärung auf das Schweigen des 51 Jahre alten Unternehmers beim Prozessauftakt vergangene Woche.
Der Vater des Amokläufers wird beschuldigt, die Tatwaffe im unverschlossenen Schlafzimmerschrank aufbewahrt und damit gegen das Waffengesetz verstoßen zu haben. Sein 17 Jahre alter Sohn hatte mit der Pistole am 11. März 2009 in Winnenden und Wendlingen fünfzehn Menschen und sich selbst getötet. Die Hinterbliebenen hoffen auch auf eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung.
Kein Wort des Bedauerns
Der Angeklagte hatte sich mit keinem persönlichen Wort des Bedauerns an die Hinterbliebenen gewendet. "Wir erwarteten keine Entschuldigung direkt nach der Tat. Aber ein oder zwei Monate später wäre es einfach aus Respekt den Opfern gegenüber angebracht gewesen, sich bei uns für ihr Fehlverhalten zu entschuldigen", betonte Hahn. "Fakt ist, hätten Sie ihre Waffe ordnungsgemäß aufbewahrt, wäre ein Massenmord in dieser Größe nicht möglich gewesen. Dieser Amoklauf hat nicht nur die Opfer selbst getötet, sondern in einer gewissen Form die ganzen Familien."
Waffen gehören nicht in Privathäuser
"Man muss die Waffen aus den Privathaushalten verbannen", sagte Hardy Schober, Mitbegründer des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, am Rande des Prozesses. Schober hatte damals seine Tochter verloren. "Die Amokläuferin in Lörrach war eine Sportschützin und war aus dem Schützenverein ausgetreten. Warum musste sie die Waffen nicht abgeben? Zumal sie psychisch labil war." Nichts spreche dagegen "Waffen zentral und gut gesichert aufzubewahren."
Täter völlig emotionslos
Am zweiten Verhandlungstag schilderte ein ermittelnder Beamter der Polizeidirektion Waiblingen minuziös den Ablauf des Massakers: "Tim K. schoss gezielt auf Personen, aber nicht gezielt auf Schülerinnen und Schüler", erklärte Kriminaloberkommissar Thomas Neumann. Tim K. habe mit starrem und emotionslosem Gesichtsausdruck geschossen. Dies gehe aus den Befragungen der Schüler hervor. Hinterbliebenen der getöteten Schüler kamen im Gerichtssaal die Tränen. Der Vater einer ermordeten Schülerin verließ den Saal.
Bis zum 11. Januar 2011 sind noch 25 Verhandlungstage angesetzt. Mehr als 40 Nebenkläger und 19 Nebenklägervertreter sind zugelassen. Neben den wichtigsten ermittelnden Polizeibeamten sind Rechtsmediziner, die Mutter des Täters und seine Schwester als Zeugen geladen.