Panorama

Spanische Gurken als EHEC-Träger entlarvt Verbraucher zunehmend verunsichert

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Spanische Gurken werden entsorgt. Wie der Erreger auf das Gemüse kam, muss noch geklärt werden.

(Foto: dapd)

Salatgurken aus Spanien werden als Träger der gefährlichen EHEC-Erreger identifiziert. Der Erreger gehört zu den seltenen Varianten und ist resistent gegen viele Antibiotika. Hunderte Menschen in Deutschland und anderen EU-Ländern sind bereits erkrankt. Die schnelle Ausbreitung der Bakterien verschreckt die Verbraucher. Um sicher zu gehen, streichen viele Großküchen und private Haushalte Gemüse und Obst vom Speiseplan.

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Bei der Pressekonferenz zur EHEC-Infektion in Münster.

(Foto: dpa)

Nach Tagen der Ungewissheit sind Forscher der Herkunft des gefährlichen EHEC-Erregers auf die Spur gekommen: Das Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt identifizierte spanische Salatgurken als Quelle des Bakteriums, der bei mehreren hundert Menschen in Deutschland schwere Durchfälle ausgelöst hat.  Mindestens zwei Menschen starben. Zudem gibt es nahezu 1000 Verdachtsfälle.

Die schnelle Ausbreitung des als HUSEC 41 identifizierten Erregers über ganz Deutschland und zahlreichen angrenzenden Ländern hat die Verbraucher massiv verunsichert. Vielerorts sind rohe Tomaten, Salate und Gurken aus den Gemüseabteilungen und Kühlschränken verschwunden. Zahlreiche Restaurants, Kantinen und Einrichtungen wie Krankenhäuser und Kindertagesstätten haben sie vorerst vom Speiseplan gestrichen. Auch der Autokonzern BMW bietet in seinen Kantinen vorerst keine frischen Tomaten, Blattsalate und Gurken mehr an.

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Viele Kantinen streichen rohes Gemüse aus dem Angebot.

(Foto: REUTERS)

Der Caterer Apetito, der bundesweit täglich 1,3 Millionen Menschen in Kindergärten, Schulen, Kantinen, Kliniken, Heimen und daheim mit Essen versorgt, geht sogar noch weiter. "Um das Risiko für unsere Tischgäste auszuschließen, verzichten wir gänzlich auf frische Salate, ungegartes Gemüse und auf Obst, das man nicht schälen kann, beispielsweise Erdbeeren", sagte eine Sprecherin. Damit sei man auf der sicheren Seite.

So verfahren auch die Mensen der Studentenwerke in Hamburg und Würzburg. Große Vorsicht lassen auch viele Einrichtungen walten, die Essen für Kinder anbieten.

Auch Supermärkte reagieren

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Gemüsehändler reagieren und nehmen spanische Produkte aus dem Sortiment.

(Foto: REUTERS)

Bei Kaiser's Tengelmann wurden indes "keine signifikanten Änderungen im Kaufverhalten der Verbraucher" festgestellt. Die Supermarkt-Kette habe alle Gurken aus Spanien - auch Bioprodukte - aus ihren Läden entfernt, "obwohl es bisher keinen Nachweis gibt, dass auch Bio-Gurken aus Spanien betroffen sind". Es handele sich lediglich um eine vorsorgliche Maßnahme. Auch die METRO GROUP entfernte ihre Gurken aus konventionellem und Bioanbau aus dem Sortiment. Alle weiteren Salatgurken bei Metro Cash & Carry, Real und Galeria Kaufhof stammen nach Angaben des Unternehmens nicht aus Spanien, sondern werden aus anderen Regionen bezogen. Vorsichtig äußert sich EDEKA: "Uns liegen nach aktuellem Kenntnisstand keinerlei Anhaltspunkte dafür vor, dass belastete Lebensmittel bei EDEKA angeboten wurden oder werden", heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Gleichwohl befänden sich keine spanischen Gurken mehr im Angebot. Ähnlich äußerten sich die Unternehmen der REWE Group.

Die Gesundheitsbehörden warnen jedoch vor Panikreaktionen. So sorgte die EHEC-Angst für lange Gesichter in einer Berliner Kita. Bei den "Friedenauer Strolchen" wurde ein seit Monaten vorbereitetes Sommerfest abgesagt. Im Fokus stand vor allem das Buffet, für das alle Eltern etwas mitbringen sollten – wie Kuchen, Obst und Würstchen.

Für Christian Böttcher, Sprecher des Bundesverbandes deutscher Lebensmittelhandel, ist der Fall der Berliner Kita durchaus nachvollziehbar, abgleich man andere Maßnahmen, als das Absagen des Festes hätte ergreifen können. Fakt sei aber, dass es derzeit keine genauen Angaben über den Ursprungsort des Erregers gebe. "Dass auf drei von vier Gurken aus Spanien der gefährliche EHEC-Erreger gefunden wurde, beweist noch gar nichts", sagte Böttcher im Gespräch mit n-tv.de. So durchlaufe eine Gurke aus Spanien zahlreiche Stationen, die möglicherweise auch eine Gurke aus Italien frequentiere. Jetzt auf spanische Gurken zu verzichten, sei nur eine erste Maßnahme, nichts weiter. Böttcher sieht keinen Sinn darin, komplett auf Obst und Gemüse zu verzichten – obgleich man "guten Gewissens" auch nicht zu deren Verzehr raten könne.   

HUSEC 41 als Übeltäter entlarvt

Zwei Instituten ist es nach eigenen Angaben zudem gelungen, den genauen Erregerstamm zu identifizieren. Demnach handelt es sich um einen EHEC-Typ "HUSEC 41", der in Deutschland bislang selten auftrat. Dies könne auch eine Erklärung für die hohe Quote an Komplikationen sein, sagte die Hamburger Gesundheitsministerin Cornelia Prüfer-Storcks. Die Zahl der am sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) und blutigem Durchfall erkrankten Menschen stieg nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) auf über 200. Mindestens zwei Menschen starben. Zudem gibt es nahezu 1000 Verdachtsfälle.

Von vier kontaminierten Gurken, die das Institut der Hansestadt untersucht hat, stammten drei von spanischen Produzenten, sagte Prüfer-Storcks. Bei der vierten Gurke sei die Herkunft noch unbekannt.

Kritik am RKI

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In einer Hamburger Bio-Gärtnerei. Freiland-Gurken gibt es in Deutschland noch nicht.

(Foto: dpa)

Wegen seiner frühzeitig herausgegebenen Warnung sieht sich jetzt das  Das Robert-Koch-Institut Kritik ausgesetzt. "Das RKI muss sich umgehend bei den deutschen Landwirten entschuldigen", forderte der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese in Brüssel. "Wer sich ein bisschen in dem Bereich der Lebensmittelproduktion auskennt, weiß, dass Menschen in Norddeutschland nicht nur Produkte essen, die in Norddeutschland angebaut wurden."

Am Mittwoch hatte das RKI wegen des EHEC-Ausbruchs vor dem Verzehr von rohen Tomaten, Salatgurken und Blattsalat besonders aus Norddeutschland gewarnt. Eine Studie habe ergeben, dass Patienten, die an der lebensbedrohlichen Darminfektion erkrankt seien, diese Gemüsesorten deutlich häufiger gegessen hätten als gesunde Vergleichspersonen. Die Warnung, vorsichtig mit Rohkost zu sein, blieb aktuell bestehen.

Schon zuvor hatte der Deutsche Bauernverband (DBV) erklärt, der Krankheitserreger sei nicht durch heimisches Gemüse in die Lebensmittelkette geraten. Derzeit würden noch keine im Freiland gezogenen Tomaten und Gurken geerntet, schon gar nicht in Norddeutschland.

Rote Blutkörperchen zerfallen

Die vom HUS Betroffenen leiden in der Regel unter akutem Nierenversagen, Blutarmut durch den Zerfall roter Blutkörperchen und einem Mangel an Blutplättchen. Ungewöhnlich ist die hohe Zahl schwerer Verläufe in einem kurzen Zeitraum. Anders als sonst sind dieses Mal kaum Kinder sondern überwiegend Frauen betroffen. 2010 wurden dem RKI 65 HUS-Fälle, darunter zwei Todesfälle, gemeldet. Besonders viele Fälle gibt es in Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Immer mehr Erkrankungen werden aber auch aus Süd- und Ostdeutschland gemeldet.

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Im Hessischen Landeslabor Kassel.

(Foto: dapd)

Wie das Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt meldete auch das vom RKI eingesetzte Institut für Hygiene am Universitätsklinikum Münster, der EHEC-Stamm sei identifiziert worden. Dieser sei bislang nicht auffällig in Deutschland oder weltweit in Erscheinung getreten, sagte Direktor Helge Karch. Penizilline oder bestimmte Breitband-Antibiotika seien nicht wirksam, sondern nur sogenannte Carbapeneme, die zu den Beta-Lactam-Antibiotika gehören. Laut RKI sollen EHEC-Infektionen aber nicht mit Antibiotika behandelt werden, da dadurch die Bakterienausscheidung verlängert und die Giftanreicherung stimuliert werden könnte.

Fast alle Bundesländer betroffen

Inzwischen sind mehr als 600 Fälle registriert, von denen aber noch nicht alle bestätigt sind - am Dienstag waren es noch etwa 460. Meldungen über bestätigte Infektionen oder Verdachtsfälle kommen mittlerweile aus 15 der 16 Bundesländer - nur Rheinland-Pfalz hat noch keinen Fall gemeldet. Der Schwerpunkt der Infektionen liegt in Norddeutschland. Am stärksten betroffen ist derzeit Hamburg. Für den Stadtstaat und Schleswig-Holstein meldeten die Behörden zusammen mehr als 400 Erkrankungen und Verdachtsfälle.

EHEC-Fälle auch in anderen Ländern der EU

Nach Angaben der EU-Kommission ist EHEC inzwischen auch in Großbritannien, den Niederlanden, Dänemark und Schweden aufgetreten. In diesen drei Ländern seien einige Personen infiziert, die sich zuvor in Deutschland aufgehalten hatten, sagte ein Sprecher der EU-Kommission in Brüssel. Sollten als Ursache der Infektion bestimmte Produkte ermittelt werden, würde in der EU das Frühwarnsystem für gefährliche Produkte, Rapex, aktiviert. Die Waren würden dann aus dem Handel genommen.

Quelle: ntv.de, dpa/AFP/rts

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