Panorama

"Standort Waldstadt" Verfassungsgericht zieht in Kaserne

Der Starfighter auf dem Rasen kurz hinter der Schranke kommt natürlich weg. Ebenso die Tafel am Eingang: Statt "General-Kammhuber-Kaserne" wird dort bald "Bundesverfassungsgericht -Waldstadt" stehen.

Kaserne.jpgDenn die höchsten deutschen Richter ziehen für ein paar Jahre in einen Übergangsstandort am Karlsruher Stadtrand - das angestammte Gerichtsgebäude wird bis 2014 komplett saniert. Das neue Domizil soll tunlichst von militaristischer Symbolik befreit sein. Vor allem den Kasernennamen wird das Gericht wohl möglichst rasch tilgen; schon jetzt spricht man lieber diskret vom "Standort Waldstadt". Denn Josef Kammhuber, hochrangiger Luftwaffenoffizier der Nazis und später Luftwaffeninspekteur der Bundeswehr, eignet sich nicht einmal für eine Kaserne als Namenspatron, findet der Militärhistoriker Wolfram Wette. 1923 beim Putsch Hitlers in München hatte er sich geweigert, gegen dessen Kolonnen auszurücken.

Was die Räume angeht, ist die früher von Luftwaffenoffizieren genutzte Kaserne der ideale Ausweichstandort. Zwei der 1958 errichteten Gebäude stehen für die Richter und ihre Mitarbeiter zur Verfügung, und in einem Kino- und Schulungssaal wird der neue Sitzungssaal eingerichtet. Mit seinen raumhohen Fensterflächen an den Seiten ist er - wenn man das schmucklose Linoleum und die holzgerippte Rückwand ausblendet - dem aktuellen Verhandlungssaal gar nicht so unähnlich. Richterbank, Teppichboden, Pressetribüne, allzu große Umbauten sind nicht erforderlich. Und ein Platz für den Bundesadler ist auch vorgesehen.

Südzimmer kriegen Neulinge

Bundesverfassungsgericht.jpgBereits Ende des Jahres soll mit den ersten Arbeiten am neuen Standort begonnen werden, für das zweite Quartal 2011 ist der Umzug der Richter mit insgesamt rund 100 Bediensteten geplant. 2014 soll die Sanierung abgeschlossen sein - mit rund 24 Millionen Euro eine kostspielige Angelegenheit. Das liegt auch daran, dass die Richter ihr Domizil nicht einfach nach Gutdünken neu gestalten dürfen. Denn das Gericht residiert in einem denkmalgeschützten, von Paul Baumgarten in den 60er Jahren gebauten Ensemble, das den Anspruch einer demokratischen Verfassungsgerichtsbarkeit symbolisieren sollte - Transparenz und Offenheit als Kontrast zu den ehrfurchtgebietenden Justizpalästen der Kaiserzeit.

Eine Transparenz, die vor allem im heißen Karlsruher Sommer ihren Preis hat: In den nicht klimatisierten Richterzimmern herrscht mitunter brütende Hitze, manchmal flieht der Präsident ins gekühlte Beratungszimmer. Deshalb ziehen die Richter, sobald einer ausscheidet, möglichst auf die Nordseite - die Südzimmer kriegen die Neulinge. Und das ist nur eines von vielen Defiziten. Auch das Dach ist undicht, "es gab Zeiten, da habe ich am Wochenende hier Wasser geschöpft", sagt Verwaltungsdirektorin Elke Barnstedt.

Ökologisches Vorzeigeprojekt

Sitzungssaal.jpgAm Ende könnte das Gerichtsgebäude sogar zum ökologischen Vorzeigeprojekt werden. Bei den Fenstern hat man sich - auch im Interesse des Denkmalschutzes - für eine sehr hochwertige Wärmeschutzverglasung entschieden; draußen werden "intelligente" Jalousien angebracht. Auf den Dächern werden, sorgfältig verborgen, Solaranlagen installiert. Und statt einer klassischen Klimaanlage wird ein energiesparendes System eingebaut, das die Nachtkühle speichert und tagsüber wieder abgibt.

In der Übergangszeit wird das Gericht einen Spagat vollführen: Während die 16 Richter samt Vorzimmern, wissenschaftlichen Mitarbeitern, Pressestelle und EDV umziehen, bleiben Bibliothek und die ohnehin im angrenzenden Schloss untergebrachte Verwaltung zurück. Ein Shuttlebus soll auf der mehr als drei Kilometer langen Strecke im Dauerbetrieb unterwegs sein.

Quelle: n-tv.de, Wolfgang Janisch, dpa