Erdrutsch von NachterstedtVerlorene Paradiese
Einen Monat nach dem Erdrutsch von Nachterstedt ist in der kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt nichts mehr so, wie es einmal war. Die einen wollen nie mehr in ihre alte Heimat zurück, die anderen beziehen dieser Tage neue, sanierte Wohnungen. Doch mit der Ruhe des Alltags kommt auch das Nachdenken über das, was geschehen ist.
"Man kann nachts nicht schlafen", seufzt Ekkehard Schirrmeister aus Nachterstedt in Sachsen-Anhalt. "Man denkt immer wieder an das, was man verloren hat: Unser kleines Paradies, das sich als Hölle herausgestellt hat." Ein Monat ist vergangen, seit am 18. Juli gegen 4.40 Uhr gigantische Erdmassen am Concordia- Tagebausee zwei Häuser in die Tiefe rissen - mit drei schlafenden Bewohnern. Das Ehepaar Schirrmeister verlor seine schmucke Doppelhaushälfte, aber immerhin leben sie, weil sie zum Zeitpunkt der Katastrophe im Urlaub waren. Verarbeitet haben sie das schreckliche Geschehen indes ebenso wenig wie etwa 40 ihrer früheren Nachbarn, die ihre Häuser wegen der anhaltenden Gefahr neuer Rutsche nicht mehr betreten dürfen.
"Die Menschen sind etwas zur Ruhe gekommen, der erste Schock ist überwunden", schildert Bürgermeisterin Heidrun Meyer, die der Gemeinde Seeland vorsteht, zu der Nachterstedt gehört, die Situation. "Aber mit der Ruhe kommt das Nachdenken über die Frage "Was ist da eigentlich passiert?". Wir müssen jetzt schauen, dass sie nicht in ein Loch fallen, und dürfen sie in ihrem Schmerz weiter nicht alleinlassen." Das sieht auch Pfarrer Holger Holtz so, der auf die große bundesweite Anteilnahme und den Zusammenhalt in Nachterstedt verweist. "Es ist lebenswichtig für diese Menschen zu wissen, andere kümmern sich um uns und sind für mich da."
Ursache des Unglücks noch immer unklar
Für die Menschen ist nicht zuletzt die Gemeinde da. Inzwischen stehen für die meisten der eilig Evakuierten, die zwischenzeitlich bei Bekannten, Verwandten oder in Ferienunterkünften ein Dach über dem Kopf fanden, sanierte Wohnungen bereit. Einige sind schon eingezogen, andere tun das in Kürze. Nun überlegt der Ort sogar, Bauland für diejenigen auszuweisen, die ein neues Haus bauen wollen.
Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), die für die Flutung ostdeutscher Tagebauseen verantwortlich ist und die Ursache für die Katastrophe noch nicht gefunden hat, hatte eine möglichst unbürokratische Entschädigung der Menschen angekündigt. "Das ist auf dem Weg", sagt Sprecherin Karin Franke. Jeder Betroffene erhielt bereits unmittelbar nach dem Unglück eine Abschlagszahlung - für notwendige Neuanschaffungen von der Kaffeemaschine über Möbel bis hin zum Auto. "Die genaue Schadensermittlung ist noch nicht abgeschlossen", sagt Franke. Die in Medien kursierende Gesamtsumme von mindestens zehn Millionen Euro bestätigt sie nicht.
Wie werden die Spenden verteilt?
Eine Herausforderung für Bürgermeisterin Meyer, den Stadtrat und andere dürfte die Verteilung von Spenden an die Erdrutsch-Opfer sein. Mit immerhin 100.000 Euro ist ein Spendenkonto inzwischen gefüllt. "Wir wollen jetzt mit der Auszahlung beginnen", kündigt Meyer an. Auch viele Sachspenden gibt es für die Betroffenen, Möbelhäuser boten Gutscheine an, Hotels ein paar kostenfreie Ferientage.
Die Schirrmeisters indes wollen nicht mehr zurück nach Nachterstedt. Derzeit leben sie im Nachbarort in ihrem Wohnmobil, suchen eine hübsche Wohnung im Harz. "Der See, die Böschung - wir wollen es einfach nicht mehr sehen", sagt Ekkehard Schirrmeister, der selbst einst Bergbau-Ingenieur war. Ihr neues Paradies soll weit weg vom alten sein.