Panorama

Wem gehört der "Canal Grande"?Verwirrung in Venedig

08.02.2011, 09:33 Uhr

Der "Canal grande" liegt in Venedig und "gehört" deswegen auch der Lagunenstadt, oder? Was dem arglosen Touristen offensichtlich und nur logisch scheint, sorgt in Italien jetzt für Kopfzerbrechen.

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Boote bei einer historischen Regatta ... (Foto: REUTERS)

Wem gehört der "Canal Grande" von Venedig? Die weltberühmte Lagunenstadt kämpft mit Rom um ihre längste Wasserstraße. So musste der Verkehrsbeauftragte der "Serenissima", Ugo Bergamo, jetzt entdecken, dass die Zuständigkeit für den knapp vier Kilometer langen Kanal seit kurzem in Rom liegt. "Das ist die Kirsche auf der rom-zentrischen Torte", ist Bergamos erste Reaktion. "Ich möchte mal wissen, wie Rom sich aus der Ferne um einen Kanal kümmern will, der heute zu den meistbesuchten der Welt gehört", lautet sein Zweifel. Was ist passiert?

Schuld an dem Zuständigkeits-Schlamassel ist ein Minister dessen Aufgabe eigentlich darin besteht, die Flut der italienischen Gesetze zu vereinfachen. Nur ist dem "Ministro per la Semplificazione", Roberto Calderoli, bei seinen Streichungen "überflüssiger" Gesetze ein Dekret unter den Rotstift gekommen, mit dem im Jahr 1904 Venedig die Zuständigkeit für seinen prächtigsten und größten Kanal zugesprochen worden war. Und mit dem "Decreto 523/1904" ist auch der prächtige Kanal, von den Venezianern liebevoll auch "El canalazzo" genannt, wieder unter die Ägide Roms gefallen.

Schlechter Scherz?

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... auf dem Canal Grande in Venedig (Archivbild vom 5. September 2010). (Foto: dpa)

Das Ganze mutet an wie ein schlechter Scherz: Ausgerechnet Calderoli, dessen Partei "Lega Nord" sich seit Jahren erbittert für eine größere Unabhängigkeit von Rom schlägt, soll eine solche Entscheidung getroffen haben. Das erste Mal, dass ihm bei seinen "Vereinfachungen" ein Fehler unterläuft, wäre es allerdings auch nicht. Ganze 79 italienische Gemeinden - von Aprilia über Sabaudia bis hin zu den Tremiti-Inseln - deren Eigenständigkeit unter dem faschistischen Diktator Benito Mussolini (1883-1945) per Dekret festgelegt wurde, fielen seinen Gesetzeskürzungen zum Opfer. Ihre Existenz musste erst durch eine Korrektur der "Vereinfachungen" wiederhergestellt werden.

Der Bürgermeister der Lagunenstadt dringt nun auf eine baldige Lösung. "Es handelt sich um ein reales Problem, das wir angehen müssen", erklärt Giorgio Orsoni. Er bleibt allerdings optimistisch. "Am Ende, da bin ich mir sicher, wird alles in unseren Händen bleiben." Tatsächlich hat der "Vereinfachungs-Minister" bereits beruhigend reagiert. Der Alarm sei unbegründet. Der "Canalazzo" fiele "außer Frage" weiterhin unter die Kompetenz der Lagunenstadt.

Warum einfach, wenn es kompliziert geht

Wer Recht hat, ist unklar. Venedigs Verkehrsassessor beharrt darauf, mit eigenen Augen gesehen zu haben, dass das Kanal-Dekret gestrichen wurde. Im Laufe der Woche soll geklärt werden, wer über den berühmten Kanal in Zukunft bestimmen darf.

"Dahinter kann keine politische Absicht stecken. So ein Gesetz ist schnell mal eliminiert", erklärt sich der ehemalige Bürgermeister von Venedig und Philosoph, Massimo Cacciari, den Vorfall. Andere wissen aus italienischer Erfahrung, dass auch etwas anderes gelten mag: Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. So oder so sind dies nicht die ersten Schwierigkeiten, die der "Canal grande" durchlebt.

Zwischen 30 und 70 Metern breit und bis zu fünf Metern tief gilt "El Canalazzo" seit eh und je als das Rückgrat der Lagune. Schlangenförmig durchzieht der einstige Fluss die Stadt und war schon zu Zeiten der Republik Venedig (bis 1797) berüchtigt für seinen starken Verkehr. "Unsere Stadt, die dank Gottes Gnaden sehr gewachsen ist, lässt auch die Anzahl der Boote, Schiffe und Gondeln ständig steigen, so dass der Kanal davon ganz verstopft", schreibt ein Lokalpolitiker um 1550. Der Mann war beauftragt, einen Verkehrsunfall auf dem "Canal grande" aufzuklären.

Quelle: Katie Kahle, dpa