Panorama

Erinnerung an eine DirigentenlegendeVor 20 Jahren starb Karajan

16.07.2009, 07:15 Uhr

Er war unbestritten einer der besten Dirigenten des 20. Jahrhunderts: Herbert von Karajan. Der langjährige Orchesterleiter der Berliner Philharmoniker ist vor 20 Jahren, am 16. Juli 1989, gestorben.

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Dirigentenlegende: Herbert von Karajan. (Foto: picture-alliance/ dpa)

"Brand Management" steht auf der Internetseite des Salzburger Herbert von Karajan Centrums. Die Markenpflege, ist dort zu lesen, gilt einer Persönlichkeit, die "die Attribute des Reichen und Schönen" verkörperte, "als Trend- und Jetsetter internationale Maßstäbe setzte" und sich somit ausgezeichnet als Werbeträger eigne. Tatsächlich ist Herbert von Karajan 20 Jahre nach seinem Tod am 16. Juli 1989 noch Inbegriff der Klassik. Seine CDs füllen die Regale der Plattenläden, mehr als 800 Aufnahmen haben die Musikkonzerne in ihren Katalogen. Karajan bleibt ein gutes Geschäft.

Aus der Distanz von zwei Jahrzehnten mutet der Dirigent wie der Besucher aus einer anderen Ära an - und Vorbote einer neuen Zeit. Karajan setzte sehr früh auf die bildmächtige Wirksamkeit seiner Auftritte und öffnete das Fernsehen für die klassische Musik. Geschlossene Augen, leuchtend graue Frisur, Rollkragenpullover - mit ausholender Hand zog der Maestro alle Blicke auf sich. Er begründete damit den multimedialen Starkult, um den sich heute die Verwertung von Mozart und Mahler, Bach und Beethoven dreht.

Wenn Anna Netrebko im Fernsehen auftritt oder die Berliner Philharmoniker in der "Digital Concert Hall" ihre Auftritte weltweit im Internet live zugänglich machen - die Möglichkeiten der Präsenz auf allen Kanälen hatte der Technik-Liebhaber sehr früh geahnt. Eine Probeaufnahme der "Walküre" mit den Berlinern verhalf der CD zum Durchbruch. Zum Experiment hatte der legendäre Sony-Chef Akio Morita seinen Freund Karajan nicht lange überreden müssen.

Der Klang als Glaube

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Karajan wurde am 5. April 1908 als Heribert Ritter von Karajan in Salzburg geboren. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Als Inbegriff des mächtigen Orchesterpatrons hat das Karajan-Image etwas Angestaubtes. Wenn heute etwa Sir Simon Rattle als Chefdirigent vor die Berliner Philharmoniker tritt, dann ist das eine Begegnung unter Gleichberechtigten - der einstige "Zirkus Karajani" mit dem Dirigenten als Dompteur ist nur noch eine skurrile Erinnerung. Das Erbe wirkt eher nach in der Orchesterakademie der Philharmoniker, in der Karajan erstmals jungen Musikern die Chance bot, von ihren erfahrenen Kollegen in einem Weltklasseensemble ausgebildet zu werden.

Auch wenn die Kritiker viele Karajan-Aufnahmen, etwa von Brahms oder Bruckner, noch immer als Grundausstattung eines jeden Klassik-Fans empfehlen - der "Breitwandsound" entspricht dem Klangideal einer verblichenen Epoche, der den Philosophen Theodor W. Adorno dazu verleitete, Karajan als "Genius des Wirtschaftswunders" zu bezeichnen. Der Glaube, es gebe ein Klangideal jenseits der Interpretation des Einzelwerks, habe damals bei den Hörern einen Nerv getroffen, schrieb der Musikwissenschaftler Peter Uehling. Die Karajan-Enkel pflegen im 21. Jahrhundert die historische Aufführungspraxis und eben einen schlanken Klang. "Parteigenosse" aus "reiner Formalität"

Der Maestro und die Nazis

Und dann ist da noch die Mitgliedschaft in der NSDAP, die erst nach Karajans Tod von einer großen Öffentlichkeit wahrgenommen wurde und das Glanzbild des Dirigenten eintrübt. Karajan war in die Partei eingetreten, als er mit 26 Jahren in Aachen zu Deutschlands jüngstem Generalmusikdirektor aufstieg. Seine Nähe zu den Nazis diente seiner Karriere. 1937 debütierte er mit "Tristan und Isolde" in Wien, ein Jahr später leitete er den "Fidelio" in Berlin. Schon damals sprachen die Zeitungen vom "Wunder Karajan".

Die Nationalsozialisten bauten ihn als Gegenfigur zu Wilhelm Furtwängler auf, an dessen Loyalität sie zweifelten. "Reichsmarschall" Hermann Göring nahm ihn unter seine Fittiche, Propagandaminister Joseph Goebbels hielt derweil zu Furtwängler, der an der Spitze der Berliner Philharmoniker stand.

Das "Dritte Reich", das Dirigenten wie Erich Kleiber, Fritz Busch oder Otto Klemperer ins Exil trieb, bot Karajan große Entfaltungsmöglichkeiten. Als "reine Formalität" und Bedingung für seinen Aachener Posten spielte er später seinen Eintritt in die NSDAP herunter. Wegen seiner NS-Beziehungen wurde Karajan nach dem Krieg von den Alliierten für ein Jahr mit Berufsverbot belegt.

"Europas Generalmusikdirektor"

So wich Karajan ins Ausland aus, zunächst nach Italien, später nach London. Mit dem Produzenten Walter Legge, der das Philharmonia Orchestra eigens für Plattenaufnahmen gegründet hatte, feilte Karajan am "internationalen Klang". Als er 1955 "mit tausend Freuden" die Nachfolge Furtwänglers an der Spitze der Berliner Philharmoniker antritt, war der zweite Teil des "Wunders" in vollem Gang. Fast bis zu seinem Tod blieb er den Berlinern treu.

Karajan war ständig unterwegs als "Generalmusikdirektor Europas". In Wien, Paris oder Mailand zog an den Strippen und arbeitete unermüdlich am Klassik-Klang der Nachkriegsgesellschaft. Mit seiner Frau Eliette war er ständig in der Klatschpresse. Auf dem Gipfel seiner Macht kam es zum Streit mit den Philharmonikern. Gegen den Willen des Orchesters wollte er die Klarinettistin Sabine Meyer verpflichten, die Musiker rebellierten. Nach langem Hin und Her erklärte der Maestro seinen Rücktritt. Karajan zog sich nach Anif bei Salzburg zurück, wo er im Alter von 81 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts starb.

Quelle: Esteban Engel, dpa