Panorama
Die Werke auf der "Ars Homo Erotica" in Warschau ...
Die Werke auf der "Ars Homo Erotica" in Warschau ...(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Donnerstag, 10. Juni 2010

Homoerotische Kunst: Warschauer Ausstellung provoziert

Seit Jahren kämpfen Schwule und Lesben in Polen für mehr Rechte. Eine Ausstellung in Warschau zeigt jetzt homoerotische Motive - und schockiert damit katholisch-nationale Kreise.

Der Direktor des Warschauer Nationalmuseums, Piotr Piotrowski, scheut keine Auseinandersetzung. Sein Museum solle kein "dogmatischer Tempel für Gläubige", sondern eine "Agora" (Forum) sein, wo kontroverse Themen öffentlich diskutiert werden, sagte Piotrowski in Warschau. Mit der Ausstellung "Ars Homo Erotica", die am 10. Juni startet, wird der 58-jährige Kunsthistoriker wohl mehr Diskussionen auslösen, als ihm lieb sein kann. Denn die Schau, die erstmals in einer staatlichen Einrichtung in solcher Breite Kunst mit homoerotischen Motiven zeigt, ist katholisch-nationalen Kreisen ein Dorn im Auge. Piotrowskis Ankündigung, er wolle eine Debatte über die Lage sexueller Minderheiten im postkommunistischen Osteuropa in Gang bringen, ist für viele seiner Landsleute eine Provokation.

... setzten sich mit gleichgeschlechtlicher Liebe auseinander.
... setzten sich mit gleichgeschlechtlicher Liebe auseinander.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Seit der ersten Ankündigung des Projekts vor neun Monaten gab es ständig Sticheleien und Proteste gegen Piotrowski, der seit anderthalb Jahren das Sagen in der wichtigsten Museumseinrichtung Polens hat. Piotrowski wolle "aus dem Kunsttempel einen Abort" machen, klagte der Abgeordnete der nationalkonservativen Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS), Stanislaw Pieta. Wenn schon solche "Homo-Werke" gezeigt werden sollten, warum nicht gleich Kunst über Nekrophilie oder Pädophilie ausstellen?, fragte der Parlamentarier aus Bielsko-Biala in Südpolen.

Politiker wollten Ausstellung verhindern

Mit einer parlamentarischen Anfrage versuchte Pieta die Ausstellung zu verhindern. Kulturminister Bogdan Zdrojewski blieb jedoch hart. Das Projekt sei im Einklang mit dem Auftrag des Museums als einer kritischen Einrichtung, sagte er im Sejm. In den vergangenen Jahren hatten radikale Nationalisten wiederholt Kunstwerke, etwa von Maurizio Cattelan, angegriffen, die sie als kirchen- und papstfeindlich einstuften.

Doch auch Politiker der konservativ-liberalen Regierungspartei Bürgerplattform (PO) äußerten Bedenken. Institutionen wie das Nationalmuseum sollten den Kanon der polnischen Kultur pflegen, meinte Po-Vizefraktionschef Jaroslaw Gowin.

Konservative Kreise befürchten, dass solche Kulturprojekte nur eine Etappe auf dem Weg zum eigentlich Ziel der Homosexuellen bilden: Homo-Ehe und Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Die große Mehrheit der Polen lehnt solche Regelungen ab.

EuroPride2010 erstmals in Polen

Was die Achtung für sexuelle Minderheiten angehe, bleibe Polen 30 Jahr hinter dem Westen zurück, klagt Agata Engel-Bernatowicz, Autorin des Buches "Wenn Frau Frau liebt". Aus dem Bericht des Instituts für Soziologie der Warschauer Universität geht hervor, dass zehn Prozent der Schwulen und Lesben körperliche Gewalt erfahren hätten, 47 Prozent fühlten sich psychich verfolgt. Vor allem in der polnischen Provinz wird das Leben der Homosexuellen oft zur Hölle.

Schwule und Lesben kämpfen in Polen für mehr Rechte.
Schwule und Lesben kämpfen in Polen für mehr Rechte.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Schwule und Lesben in Polen erhoffen sich nun vom EuroPride2010 neuen Schwung. Das europäische Homosexuellen-Festival findet am 17. Juli in Warschau statt, erstmals in einer osteuropäischen Stadt. Er erwarte bis zu 70.000 Teilnehmer, sagt Adam Biskupiak von der Stiftung Gleichheit. "Die Veranstaltung wird Polen verändern", sagte Der Aktivist. Vor einigen Jahren wollten nur 12 Prozent der Warschauer die Homo-Parade akzeptieren, inzwischen seien es bereits 48 Prozent.

Muss der Museums-Direktor zurücktreten?

Piotrowski erwartet eine sachliche Debatte über Probleme der Homosexuellen in Osteuropa - die Ausstellung bietet ein spannendes Begleitprogramm an. Ob der Direktor bis Ende der Schau am 5. September auf seinem Posten bleibt, ist offen. Mehrere Mitarbeiter des Museums forderten inzwischen seinen Rücktritt. Das Konzept des kritischen Museums gefalle nicht allen, sagte Piotrowski und versichert: Er werde nicht zurücktreten. Am 10. Juni kommt das Aufsichtsgremium des Museums zusammen. Die Entscheidung liege in der Hand dieses Gremiums, so Piotrowski.

Quelle: n-tv.de