Panorama

Lerchen, Eulen, KapitalismusWas 5-Uhr-Influencer mit Mönchen verbindet

29.03.2026, 08:14 Uhr Foto-AutorenboxVon Torsten Landsberg
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Frühaufstehen ist noch heute mit Fleiß und Disziplin verbunden. (Foto: picture alliance / Visually)

Einst war das Aufwachen gleichbedeutend mit der Rettung vor Dämonen, heute ist es für viele eine fremdbestimmte Qual. Warum wir alle bewusster in den Tag starten sollten, hat der Amerikanist Christoph Ribbat aufgeschrieben.

Inzwischen ist es auch zu den Letzten durchgedrungen: Erholsamer Schlaf ist wichtig. Körper und Geist regenerieren, er ist sogar ein Grundpfeiler fürs gesunde Altern. Es braucht dafür nicht viel, und wer möchte, kann zum erfolgreichen Einschlafen aus verschiedenen Atemtechniken wählen, wiederkehrende Rituale festlegen oder Schlaf-Apps installieren. Allen Instrumenten zum Trotz ist das Aufwachen für viele von uns jeden Morgen aufs neue eine Qual: Der Wecker reißt uns aus den Träumen, schnell muss es gehen, sich selbst und vielleicht den Nachwuchs fertig machen und los zur Arbeit. Aufwachen ist unmittelbar mit Pflichten verbunden. Ein Ablauf, an dem sich über die Jahrhunderte hinweg überraschend wenig verändert hat.

"Besonders spannend ist die Schlafträgheit", sagt Christoph Ribbat, Amerikanist an der Uni Paderborn und Autor von "In den Tag - Eine kurze Geschichte des Aufwachens", im Gespräch mit ntv.de. "Die ersten 15 bis 30 Minuten ist man zwar offiziell wach, aber noch gar nicht richtig da." Wie diese Phase abläuft, könne darüber entscheiden, ob es ein guter oder ein schlechter Tag wird. Viele familiäre Auseinandersetzungen am Morgen ließen sich vermeiden, wenn sich alle Beteiligten der Ausnahmesituation bewusst seien: "Das Gehirn hat die Betriebstemperatur noch nicht erreicht, das sollte allen klar sein."

Schlafträgheit beschreibt den feinen Unterschied zwischen dem Erlangen des Bewusstseins und dem endgültigen Wachsein. In seinem Buch zitiert Ribbat einen Arzt aus dem Jahr 1803: In den ersten Minuten des Erwachens spüre der Mensch eine "unangenehme Empfindung von Düsterheit, von Trägheit und Ungefügigkeit in den Gliedern". Man kennt das ja, unsanft aus der Nachtruhe gerissen, schlurft man schlaftrunken um die Ecke, wo schon ein gut gelaunter Frühaufsteher oder eine viel zu früh, viel zu mitteilungsbereite Frühaufsteherin wartet. Auch wenn unfreiwillige Frühaufsteher aufeinandertreffen, sorgt das morgens selten für ein Feuerwerk der guten Laune. Ganz anders sei das im Mittelalter gewesen, beschreibt Ribbat. Für gottesfürchtige Menschen war das Aufwachen nichts weniger als ein Segen. "Die Leute sind erfreut aufgewacht, weil sie festgestellt haben: Heute hat kein Dämon meine Seele geklaut!" Die Nacht habe damals als gottlose Zeit gegolten, Dunkelheit und Schauergeschichten sorgten für eine tiefe Ehrfurcht, über die wir heute nur milde lächeln können.

Die Aristokratie Spaniens und Frankreichs trinkt nach dem Aufwachen im Bett Schokolade, um die Libido anzuregen. Der Gründervater der Vereinigten Staaten, Benjamin Franklin, verlangt 1776 als Diplomat in Paris, frühmorgens die Kirchenglocken zu läuten und Kanonen abzuschießen, damit die Bevölkerung zeitiger aufsteht. Er kennt es nicht anders, denn in seiner Heimatstadt Philadelphia schuften Kinder schon in den frühen Morgenstunden in den Textilfabriken - und werden von den Vorarbeitern geschlagen, wenn sie einschlafen. Vergnüglicher geht es in Portugal zu, wo Paul McCartney im Urlaub eine Melodie zu einem Welthit veredelt. Die Idee, die ihn nicht loslässt, ereilt ihn beim Aufwachen.

Wer aufwacht, wird zum Teil der Welt

Den Moment des Aufwachens, so individuell er auch ablaufen mag, beschreibt der Autor als sozialen Prozess: Man werde wieder "Teil der Welt". Manche von uns haben deshalb schon keine Lust mehr: Diese Welt tickt womöglich anders als man selbst. Wovon hing es historisch ab, wie man in den Tag startete? "Es kam darauf an, in welcher sozialen Situation sich die Menschen befanden", sagt Ribbat. "In erster Linie konnten es sich Adelige und Bürgertum erlauben, ihr Aufwachen schön zu gestalten. Die hatten Zeit, die konnten es sich leisten." Fabrikarbeiter zur Hochzeit der Industrialisierung oder gar Sklaven hätten dagegen unter permanentem Schlafdefizit gelitten.

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Aufwachen war und ist mitunter bis heute eine Frage des gesellschaftlichen Status. "Das Bürgertum im 19. Jahrhundert hat relativ lange geschlafen, die Chefs fingen erst um neun Uhr morgens an, behaupteten aber immer, die Arbeiter würden zu lange schlafen." Tatsächlich hätten die aber schon lange vor Tagesanbruch in den ersten Schichten geschuftet. "Es ist ein Grundprinzip des Kapitalismus', den 'unteren Klassen' zu unterstellen, nicht früh genug aus dem Bett zu kommen", sagt Ribbat. "Das erkennt man heute noch an den Ideen des CDU-Wirtschaftsflügels."

Ein Wort, das im Buch besonders häufig vorkommt, lautet: "früh". Frühes Aufstehen ist stets mit Fleiß und Disziplin verbunden gewesen - eine Idealisierung, die sich bis heute halten konnte, von Wirtschaftskreisen bis hin zu Influencern. Der Motivationstrainer Robin Sharma löste vor ein paar Jahren mit seinem Buch "Der 5-Uhr-Club" einen eigenwilligen Trend aus: Wer morgens um fünf Uhr aufsteht und vor Sonnenaufgang bereits Sport macht oder die ersten E-Mails abarbeitet, so das Versprechen, strukturiere seinen Tag optimal und führe ein besseres Leben.

Tatsächlich widerspricht der Mythos des eisernen Frühaufstehens allen über Jahrhunderte hinweg gewonnenen Erkenntnissen. Lerchen und Eulen sind als Chronotypen längst wissenschaftlich belegt: Nicht Schweinehund und Disziplin, sondern Gene und Hormone beeinflussen, zu welcher Tageszeit ein Mensch leistungsfähig ist. Wer als Eule besonders früh aufsteht, kann sich also für beinharte Disziplin feiern, verstößt aber sehr wahrscheinlich gegen die Bedürfnisse des eigenen Körpers.

"Es ist im Grunde absurd, dass Teenager, die morgens um acht für nichts zu gebrauchen sind, trotzdem so früh in der Schule sitzen müssen", sagt Ribbat. Obwohl erwiesen sei, dass die Gehirne von Jugendlichen um diese Zeit nicht funktionierten, werde an der Praxis festgehalten. "Würde die Schule erst um zehn Uhr anfangen, wäre das, moralisch gesehen, wahrscheinlich ganz schlimm." Tatsächlich ist erwiesen, dass sich der biologische Schlafrhythmus in der Pubertät nach hinten verschiebt.

Moment des Aufwachens bewusst gestalten

Wie bei so vielen Trends ist auch der 5-Uhr-Club, historisch betrachtet, ein alter Hut. Wer heute auf Likes hofft, wenn er oder sie schon vor Sonnenaufgang Reels aus dem Gym postet, wäre früher wohl im Kloster gut aufgehoben gewesen. Schon im Mittelalter gab es Mönche, die für ihr frühes Aufwachen und Aufstehen bewundert werden wollten. "Man kann nachts nicht beten, man ist eben nur Körper", sagt Ribbat. Das Aufwachen ermöglichte, wieder mit Gott ins Gespräch zu treten. "Je früher ich aufstehe, desto früher kann ich mein Leben Gott widmen. Das hat sich vom Kloster in die Welt hinaus verbreitet." Als die Religion an Bedeutung verlor, sei das Prinzip als Ideal in die Arbeitsethik übergegangen.

Für dogmatische Lebensoptimierung ist Ribbat auch nach seinen Recherchen nicht zu begeistern. Er sei sich den Erkenntnissen der Schlafforschung bewusst, doch würden sich die Empfehlungen für ein gesundes und glückliches Leben oft widersprechen. "Einerseits soll man früh aufstehen, andererseits ein erfüllendes Sozialleben haben", sagt er. "Wenn ich mit Freunden abends zusammensitze, dann muss ich für guten Schlaf schon um halb zehn nach Hause gehen, obwohl es doch viel schöner wäre, bis ein Uhr morgens mit denen zusammenzusitzen. Ich glaube, die sture Konsequenz ist es, vor der man sich hüten sollte."

Ganz ohne Ratschlag, wie wir alle besser "In den Tag" starten können, kommt das Buch dann aber doch nicht aus. Es sei empfehlenswert und uns allen möglich, die ersten Momente nach dem Aufwachen bewusster zu gestalten, sagt Ribbat - etwa mit dem Führen eines Traumtagebuchs. "Die Träume aufzuschreiben, ist wirklich einfach", sagt er. Das Ritual könne Menschen vom Gefühl befreien, wie eine Maschine in den Tag starten zu müssen. Nötig seien nur ein paar Minuten. "So lernt man sich besser kennen. Das kann nützlich sein, um sich mehr wertzuschätzen als Person."

Quelle: ntv.de

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