Panorama

Missbrauch am Canisius-Kolleg Weitere Opfer in St. Blasien?

Im Skandal um den jahrelangen sexuellen Missbrauch von Schülern am Berliner Canisius-Kolleg bestätigt einer der beschuldigten Priester die Vorwürfe. Der nun in Chile lebende 65-Jährige soll sich im Januar in einem Brief an die Opfer gewandt und Reue gezeigt haben. Derweil gibt es Hinweise, dass eine weitere Schule betroffen ist.

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Das Canisius-Kolleg in Berlin.

(Foto: APN)

Der Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg weitet sich aus - möglicherweise ist auch eine Jesuitenschule im Schwarzwald betroffen. Ein früherer Pater, der in Berlin Taten gestanden hat, unterrichtete in den 80er Jahren auch an einer Ordensschule in St. Blasien (Baden-Württemberg). "Ich muss davon ausgehen und gehe davon aus, dass es durch ihn auch am Kolleg St. Blasien Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben hat", sagte Direktor Pater Johannes Siebner. Im Berliner Kolleg wird an diesem Montag der deutsche Ordenschef Stefan Dartmann erwartet. An der katholischen Eliteschule sollen zwischen 1975 und 1982 mindestens 22 Kinder und Jugendliche missbraucht worden sein.

Der ehemalige Pater der Berliner Privatschule, habe bereits 1991 Taten eingeräumt, berichtete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Der nun in Chile lebende 65-Jährige soll sich im Januar in einem Brief an die Opfer gewandt und Reue gezeigt haben. Es sei "eine traurige Tatsache, dass ich jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt habe", zitierte der "Spiegel" aus dem Schreiben des früheren Sportlehrers an seine Opfer. Der Vatikan in Rom war dem ehemaligen Pater zufolge frühzeitig über Verfehlungen im Bilde. Der Provinzial der Jesuiten in Deutschland, Dartmann, bestätigte dies.

Der Geistliche hatte demnach 1991 seinen damaligen deutschen Provinzialoberen eingehend über seine verbrecherische Vergangenheit informiert. Danach trat er aus dem Orden aus. Zuvor lehrte er von 1979 bis 1982 auch an der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule, wie das Erzbistum bestätigte. Bislang gebe es aber keine Hinweise, dass es dort ebenfalls zu sexuellen Übergriffen gekommen sei, sagte ein Sprecher. "Wir bemühen uns um Aufklärung."

Delikte sind eventuell verjährt

Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) zeigte sich "tief betroffen". Die DBK habe 2002 Richtlinien erlassen, sagte Sprecher Matthias Kopp. Diese seien "unmissverständlich und nach wie vor die Grundlage unseres Handelns."

Es gehe darum, welches Wissen es um die Vorfälle bei Verantwortlichen gegeben habe, erklärte Dartmann. Auch müsse geklärt werden, welche Konsequenzen dies für die Täter hatte. Die Jesuiten sind der größte katholische Orden. Die Berliner Staatsanwaltschaft prüft, ob die Delikte verjährt sind. Ein zweiter Verdächtiger soll laut Medienberichten Taten bestreiten.

Der Kolleg-Direktor in St. Blasien, Siebner, sagte, ihn habe das Geständnis des Paters wie "aus heiterem Himmel" getroffen. Er kenne den 65-Jährigen, weil er selbst zur betreffenden Zeit Schüler am Berliner Kolleg gewesen sei. "Ich war selbst nicht betroffen, kenne aber einige Opfer - von denen ich aber bisher selbst nicht wusste, dass sie Opfer waren." Er empfinde jetzt "Trauer, Zorn und Scham".

Opfer: "Es kam nie eine Reaktion"

Unterdessen berichteten ehemalige Schüler des Canisius-Kollegs über ihr Leid. Die "Berliner Zeitung" zitierte einen Hartmut Walter (Name geändert), der zwischen 1975 und 1979 von einem der beschuldigten Patres mehrfach im Schulkeller misshandelt wurde. 1981 hätten er und sieben Mitschüler einen Brief an ihre Schule und das bischöfliche Ordinariat geschrieben. "Es kam nie eine Reaktion", sagte Walter der Zeitung. In der "Berliner Morgenpost" berichtete ein Opfer, dass es bis heute unter den Taten leide. Kritik an katholischer Kirche

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Der Rektor des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Vorfälle in Berlin kamen ans Licht, als Rektor Klaus Mertes sich in einem Brief an ehemalige Schüler wandte. Er kritisierte erneut die katholische Kirche. "Die Kirche leidet an Homophobie. Homosexualität wird verschwiegen. Kleriker mit dieser Neigung sind unsicher, ob sie bei einem ehrlichen Umgang mit ihrer Sexualität noch akzeptiert werden", sagte Mertes dem "Tagesspiegel am Sonntag". Der Direktor an der Schule in St. Blasien sprach von einem Versagen des Jesuitenordens. Zu Recht beklagten Pater "eine Kultur des Wegschauens und Nicht-Wissen-Wollens", sagte Siebner der dpa.

Wie am Freitag bekanntwurde, ermittelt das Erzbistum Berlin auch gegen einen Priester der Gemeinde Heilig Kreuz in Hohenschönhausen. Das Erzbistum kennt den Verdachtsfall seit 2009 und machte ihn wegen der Vorgänge am Canisius-Kolleg öffentlich. Auch im Bistum Essen wird ein Geistlicher des Missbrauchs verdächtigt.

 

Quelle: ntv.de, AFP