Panorama

"Infektion in Kauf nehmen" Wie schlimm wird die Sommerwelle?

282610120.jpg

Alles nicht so schlimm wie einst? Experten sind vorsichtig optimistisch, was eine mögliche neue Corona-Welle betrifft.

(Foto: picture alliance / CHROMORANGE)

Erneut verlässt die Corona-Pandemie bekannt Pfade: Anders als in den Vorjahren zeichnet sich eine Sommerwelle ab. Die Inzidenz zieht an, gleichzeitig existieren kaum noch Vorsichtsmaßnahmen. Experten erklären jedoch, warum die Lage dennoch weniger dramatisch ist als früher.

Das Coronavirus scheint der Menschheit immer einen Schritt voraus zu sein. Hatte man sich schon an die Pandemie-Faustregel gewöhnt, dass das Virus in den Sommermonaten eine Pause einlegt, gilt dies nun offenbar nicht mehr: Anders als in den Jahren 2020 und 2021 zeichnet sich eine Sommerwelle in Deutschland ab. "Ich gehe davon aus, dass wir dieses Mal eine echte Sommerwelle bekommen werden", sagte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach ntv.

Wie sieht es derzeit konkret aus? Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner steigt zuletzt auf 472,4, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) mitteilte. Am Vortag hatte der Wert noch bei 447,3 gelegen und vor einer Woche deutlich niedriger bei 238,1. Einen Monat davor war er mit 452,4 zwar ähnlich hoch, damals war der Trend jedoch rückläufig. Dazu kommt, dass die aktuelle Inzidenz in Wirklichkeit wohl noch höher ist: Experten gehen seit einiger Zeit von einer hohen Zahl nicht vom RKI erfasster Fälle aus - vor allem, weil bei Weitem nicht alle Infizierten einen PCR-Test machen lassen. Aber nur positive PCR-Tests fließen in die Statistik ein.

Doch warum geht es mit den Zahlen wieder nach oben - und das ausgerechnet im Sommer? Es sind derzeit drei Omikron-Untervarianten, die das Geschehen bestimmen, erklärt Virologe Hendrik Streeck im Gespräch mit ntv: BA.4, BA.5 und die Variante BA.2.12.1. "Alle drei haben gemeinsam, dass sie eine leicht erhöhte Übertragbarkeit haben, aber vor allem eine Immunflucht. Was bedeutet, dass Geimpfte oder Genesene das Virus mit ihren Immunantworten nicht mehr ganz so gut erkennen." Auch Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin sieht den Omikron-Subtyp BA.5 als derzeit treibende Kraft: "Die Untervariante BA.5 ist noch ansteckungsfähiger als alle Varianten zuvor, kann sich also auch unter den für das Virus widrigen Bedingungen im Sommer verbreiten."

CoronavirusSituation in Deutschland

Untervarianten bereits dominant

Der Verband Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM) geht davon aus, dass die Untervarianten BA.5 derzeit 40 bis 50 Prozent des Infektionsgeschehens ausmacht. Die Omikron-Sublinien BA.4 liegt demnach bei etwa 15 bis 16 Prozent. Der ALM-Vorsitzende Michael Müller nimmt allerdings an, dass sich BA.4 in den nächsten Wochen noch gegen BA.5 durchsetzen könnte. Laut den jüngsten vom RKI veröffentlichten Daten zu Virusvarianten lag der Anteil von BA.5 zwar lediglich bei zehn Prozent, diese Daten beziehen sich aber auf einen Zeitraum vor zwei Wochen.

Wie weit wird es mit der Inzidenz noch nach oben gehen? Lauterbach sagte ntv, dass er "vierstellige Inzidenz-Zahlen für möglich" halte. Zwar gebe es keinen Grund zur Panik, allerdings würden nach steigenden Zahlen künftig auch die der Todesfälle wieder zunehmen. Die Entwicklung der Infektionszahlen sei sehr schwer vorherzusagen, weil "mehrere Faktoren zusammenkommen", sagte hingegen Streeck: "Auf der einen Seite die sich ausbreitenden Omikron-Subvariante BA.5, auf der anderen Seite unser anderes Verhalten im Vergleich zu den ersten Wellen." Zusätzlich kämen die Schulferien hinzu, was wiederum einen Effekt auf das Infektionsgeschehen haben könnte.

Die einstelligen Inzidenzen der vergangenen Sommer wird es dieses Jahr nicht mehr geben, ist der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, überzeugt. "Die Inzidenzen werden - wie aktuell zu sehen - bei einigen Hundert liegen. Dafür ist Omikron zu ansteckend." Watzl geht davon aus, dass sich rund die Hälfte der Bevölkerung noch nicht mit Omikron infiziert hat. "Da die Impfung nicht so gut vor der reinen Ansteckung schützt, hat das Virus also noch ausreichend Potenzial, Menschen zu infizieren."

Auf und Ab der Infektionszahlen?

Auch der Jenaer Infektiologe Mathias Pletz rechnet mit einem weiteren Anstieg der Zahlen: "Es kann gut sein, dass eine neue Welle kommt", sagte er der "Bild"-Zeitung. Intensivmediziner Stefan Kluge vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf spricht von einem aktuell "moderaten" Anstieg der Infektionszahlen. Ein Auf und Ab der Infektionszahlen in den kommenden Wochen erwartet Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen.

Wie schlimm wird die Sommerwelle? Infektiologe Pletz verweist auf Daten aus andere Länder mit einem hohen Anteil von BA.5-Infektionen, laut denen die Omikron-Untervarianten keine Überlastung der Gesundheitssysteme zur Folge hätten. In Portugal oder Südafrika gingen etwa die Inzidenzen deutlich nach oben, die Zahl der Todesfälle bliebe aber niedrig. "Es gibt momentan keine Hinweise darauf, dass die Infektionen schwerer verlaufen als bei den Varianten BA.1 oder BA.2", so Pletz.

Derzeit liegt die Zahl der Intensivpatienten mit Covid-19 in Deutschland noch unter 700, zeigt aber einen leichten Aufwärtstrend. Noch im vergangenen Dezember lagen an manchen Tagen fast 5000 Patienten zeitgleich auf den Intensivstationen. Beatmet werden müssen derzeit 245 Corona-Patienten in deutschen Kliniken. Die Zahl der Todesfälle in Deutschland liegt in den vergangenen sieben Tagen im Schnitt bei 70. Zum Höhepunkt der Delta-Welle im Dezember waren es im Schnitt fast 400.

Keine Überlastung der Krankenhäuser erwartet

Sollten die Infektionszahlen nun deutlich ansteigen, rechnet Epidemiologe Zeeb mit einem leichten Anstieg bei den Hospitalisierungen und Todesfällen. Da aber BA.5 nach aktuellem Kenntnisstand klinisch ähnlich verlaufe wie vorherige Omikron-Varianten, dürfte es meist bei milden Verläufen bleiben. Eine Überlastung des Gesundheitswesens steht aus seiner Sicht nicht bevor. "Es muss in der aktuellen Lage darum gehen, Erkrankung und nicht so sehr die reine Infektion zu verhindern. Daher ist eine Sommerwelle zunächst auch erst mal nicht besorgniserregend", sagte Watzl.

Auch Kluge glaubt mit Blick auf Normal- und Intensivstationen, dass wegen der wohl eher milden Verläufe durch Omikron-Sublinien eine deutliche Belastung des Gesundheitssystems durch sie im Sommer eher unwahrscheinlich sei. Dennoch bedeute eine hohe Anzahl von Corona-positiven Patientinnen und Patienten auch für Normalstationen eine deutliche Mehrbelastung - insbesondere für die Pflegenden. Watzl verweist auch auf mögliche Ausfälle bei Firmen durch viele leichte Infektionen.

Wie sollte man mit der Sommerwelle umgehen? "Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass jeder sich immer noch infizieren kann", sagte Streeck. Aber wenn man geboostert, also dreifach geimpft sei, könne man "diese Infektion zur Not in Kauf nehmen". Bei allen derzeit dominanten Varianten wie BA.5 und BA.4 gebe es durch die Impfung zwar keinen Schutz vor einer Infektion, aber einen Schutz vor einem schweren Verlauf. Anders sei es jedoch für jene, die nicht geimpft seien sowie auch für Risikogruppen. In Alten- und Pflegeheimen sei daher zum Schutz das Tragen von Masken und vermehrtes Testen angeraten, so der Virologe.

Impf-Appell an Ältere und Vorerkrankte

Gesundheitsminister Lauterbach empfiehlt Älteren und Vorerkrankten dringend, sich nochmal impfen zu lassen. Bereits am Dienstag hatte er dazu aufgerufen, wegen der sprunghaft steigenden Corona-Zahlen in Innenräumen wieder Schutzmasken zu tragen. Dies und eine vierte Impfung seien die wirksamsten Gegenmittel. In Deutschland haben laut Bundesgesundheitsministerium bisher 5,3 Millionen Menschen eine zweite Auffrischungsimpfung erhalten - das sind 6,4 Prozent der Bevölkerung.

Es müsse klar sein, "dass Corona unter uns ist, es gibt da keine Sicherheit", betont Zeeb. Da umfassende Regulierungen weitgehend wegfielen, müsse nun jede und jeder selbst in Situationen mit vielen Menschen, vor allem in Innenräumen und in öffentlichen Verkehrsmitteln, an Schutz mit Masken denken und auch den Impfschutz aktuell halten. Ulrichs rät: "Ein bisschen mehr Vorsicht wäre hilfreich."

Lauterbach sagte gegenüber ntv zwar, dass dies keine Sommerwelle sei, die "uns den Urlaub verderben muss oder sollte", allerdings werde dieser Sommer nicht so entspannt, wie der vergangene: "Wir werden mehr Fälle haben und damit muss man leben." Und Virologe Streeck richtet seinen Blick bereits auf Großveranstaltungen wie das Münchner Oktoberfest und die Fußball-WM: "Ich glaube, wir sollten uns nicht so sehr vom Sommer ablenken lassen und uns vielmehr auf den Herbst und Winter konzentrieren."

Hier finden sie aktuelle Daten zur Entwicklung der Corona-Pandemie in Deutschland.

Quelle: ntv.de, mit dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen