Pauken hinter StacheldrahtWie sich US-Schulen schützen
Mit bewaffnetem Schutzpersonal und Sicherheitsschleusen samt Metalldetektoren nehmen sich manche Schulen in den USA aus wie befestigte Wehrburgen. Eine Serie tödlicher Amokläufe an US-Schulen hat den Lehrbetrieb in den vergangenen Jahren tiefgreifend verändert.
Pauken hinterm Stacheldraht: Mit bewaffnetem Schutzpersonal und Sicherheitsschleusen samt Metalldetektoren nehmen sich manche Schulen in den USA aus wie befestigte Wehrburgen. Eine Serie tödlicher Amokläufe an US-Schulen hat den Lehrbetrieb in den vergangenen Jahren tiefgreifend verändert. Absoluten Schutz bietet aber auch die aufwändigste Sicherheitstechnologie nicht. Als wirksamstes Mittel empfehlen Experten, potenzielle Täter rechtzeitig zu identifizieren und zu betreuen.
In erschreckend vielen Fällen haben Schulen in den USA beim Schutz ihrer Schüler versagt. Seit 1992 starben 451 Menschen in US-Schulen eines gewaltsamen Todes, wie das regierungsnahe Nationale Zentrum für Schulsicherheit (NCSS) errechnet hat. Lehrerverbände berichten, dass Sorgen um die Sicherheit der Kinder inzwischen der häufigste Grund für Elternanfragen seien.
Metalldetektoren und Verriegelung der Türen
Als Sinnbild für die offene Gesellschaft haben die Schulen in den USA ausgedient. 85 Prozent der Lehranstalten haben Zugangskontrollen, die von Metalldetektoren über Magnetkartensysteme hin zur Verriegelung der Türen während des Unterrichts reichen. 43 Prozent lassen Gänge und Schulhof von Videokameras überwachen. In einer Umfrage unter Rektoren gaben erschreckende 78 Prozent an, schon einmal Waffen bei Schülern gefunden zu haben.
Sicherheitsschleusen können freilich wenig ausrichten, wenn ein Täter zum Äußersten entschlossen ist - wie etwa der 16-jährige Jeffrey Weise, der vor vier Jahren erst den Wachmann neben dem Metalldetektor am Eingang der Schule von Red Lake erschoss und dann fünf weitere Schüler und einen Lehrer umbrachte.
Experten für Schulgewalt wie der Kriminologieprofessor James Alan Fox von der Northeastern University in Boston stehen den martialischen Sicherheitsmaßnahmen skeptisch gegenüber. "Anstatt die Schulen sicherer zu machen, schaffen wir ein ungerechtfertigtes und ungesundes Klima der Angst", kritisiert Fox in einem Meinungsbeitrag für die "New York Times". "Viele Schulen haben einfach überreagiert, indem sie Sicherheitsvorkehrungen von zweifelhafter Effektivität einführten."
Sensibilisierung notwendig
Fox empfiehlt, den Blick dorthin zu richten, wo die Strahlen von Metalldetektoren eben nicht eindringen können: in die Gedankenwelt möglicher Attentäter. Vor allem der blutige Amoklauf des psychisch angeschlagenen Studenten Cho Seung-Hui an der Universität Virginia Tech 2007, dem eine Fülle von weithin ignorierten Warnsignalen vorangegangen war, hat ein Umdenken in Gang gesetzt. Etwa ein Drittel der Hochschulen in den USA haben seither ihre Angebote für psychische Beratung und Krisenprävention ausgebaut.
Die Psychologen des Nationalen Zentrums für Schulsicherheit (NCSS) haben einen Katalog mit 20 Persönlichkeitsmerkmalen ausgearbeitet, die in der Regel auf Amokläufer an Schulen zutreffen. Dazu zählt eine auffällige Faszination für Waffen und Gewalt in Musik, Film oder Büchern. Viele spätere Amokläufer stehen am Rande der Klassengemeinschaft und fühlen sich isoliert. In Schulaufsätzen und Wortbeiträgen lassen sie Frustration, Aggressivität und düstere Stimmung erkennen.
Staatliche und private Berater reisen inzwischen zu Vorträgen durch die Schulen der USA, um Lehrer und Schüler für solche Warnsignale zu sensibilisieren. Denn zu den Erkenntnissen der vergangenen Jahre zählt, dass verzweifelte Amokläufer ihre Taten zuvor mehr oder weniger offen ankündigen - wie etwa auch der Attentäter im schwäbischen Winnenden.
"Untersuchungen dieser tragischen Zwischenfälle zeigen, dass die Jugendlichen in den meisten Fällen über Isolation, Wut, Depression und Frustration gesprochen haben", heißt es in einem Leitfaden der NCSS-Experten - die ihren Kriterienkatalog gleichzeitig mit einer Einschränkung versehen: "Ein absolut sicheres System, wie man potenziell gefährliche Schüler identifiziert, gibt es einfach nicht.