Panorama

Aus der Schmoll-EckeWie wäre es mit einem Social-Media-Verbot ab 16 Jahren?

01.03.2026, 07:07 Uhr schmollEine Kolumne von Thomas Schmoll
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Manchmal ziert die Mona Lisa auch das Telefon. (Foto: IMAGO/Zoonar)

Jungen und Mädchen unter 16 Jahre soll der Zugang zu Tiktok und Co. gesperrt werden. Unser Kolumnist würde noch weiter gehen und auch Erwachsene einbeziehen, auch wenn das hart für die wird. Denn wohin sollen sie dann mit ihren alternativen Fakten, Selfies, Hunde- und Katzenfotos?

Neulich war ich beruflich in Wien, hatte aber zum Glück genug Zeit, zwei Museen, das Belvedere und das Leopold, zu besuchen, um endlich mal wieder all die berühmten Werke zu bewundern und mir neue Gedanken über alte Kunst zu machen. Etwa über die grandiosen Versuche von Egon Schiele, die menschliche Seele zu erfassen. Die Themen seiner Werke sind so aktuell wie eh und je, als stünde die Zeit still: Vergänglichkeit und Tod. Gebrochene Existenz, zerbrochene Liebe. Städtische Anonymität und ländliche Identität. Frauen als Projektionsfläche von Männern. Die Krise des modernen Menschen, das unrettbare Ich. Es wundert mich nicht, dass die Psychoanalyse in Wien erfunden worden ist.

Große Freude, vor den Bildern von Gustav Klimt zu verweilen - das Leben kann tatsächlich sehr schön sein. Wie die Frauen, die Klimt malte, ob braunes oder blondes Haar, rehbraune oder blaue Augen. Ich darf das schreiben, denn ich will nicht mehr Ministerpräsident werden. Im Belvedere hängen mehrere Frauenporträts von Klimt. Alles Meisterwerke. Hier wäre viel zu erzählen über sein Verhältnis zum Weib - er hatte sieben Kinder von vier Frauen. Mir fiel der Satz der österreichischen Schriftstellerin Rosa Mayreder ein, eine Zeitgenossin Klimts: "Man wird erst wissen, was die Frauen sind, wenn ihnen nicht mehr vorgeschrieben wird, was sie sein sollen."

Gegenüber den Frauenporträts hängt "Der Kuss". Direkt vor ihm offenbarte sich, dass sich Frauen, ob vorgeschrieben oder nicht, alle Mühe geben, so zu sein, wie es von ihnen erwartet wird. Vor dem wohl berühmtesten Gemälde Klimts bauten sich Frauen, meist (sehr) junge, auf, um sich fotografieren zu lassen. Ihre immer gleichen Posen haben bereits universellen Charakter. Ich gehe gern sehr nah an Gemälde, um den Pinselstrich zu sichten, weshalb ich ab und an Alarmanlagen in Gang setze. Vor dem Kuss musste ich mich geschlagen geben. Noch irrer ist es mit der "Mona Lisa" von Leonardo im Louvre. Jeder Versuch, das Bild zu betrachten, ist zum Scheitern verurteilt. Es ist stets von einer Traube Smartphone-Besitzern umgeben und sowieso gut bewacht, anders als die Kronjuwelen in dem Pariser Museum, die sich recht leicht klauen lassen.

Egomanen und drei Wünsche

Oh Gott, das verdammte Internet hat so viele Selbstdarsteller und Egomanen produziert. Guckt mal, wo ich bin: in Wien. In New York. In Taka-Tuka-Land. In Disneyland. In Bullerbü. In der Provence. Vor der Mona Lisa. Vor dem Kuss. Vor dem Abgrund. Vor dem Nichts. Ich kenne noch die Zeit ohne Internet. Als junger Kerl traf ich mich mit Freunden jeden Tag in unserem Stammcafé. Käme die gute Fee und erklärte mir, dass ich drei Wünsche frei hätte, wären es: einige Millionen Euro auf meinem Konto, damit ich nicht mehr arbeiten muss. Weltfrieden, damit sich die Menschheit um ihr Überleben kümmern kann. Und das Internet abschaffen, damit wir nicht noch einsamer, egozentrischer und dümmer werden. Exakt in der Reihenfolge, falls die Fee nach dem ersten Wunsch verschwindet. Sie sehen, selbst ein Sehr-Gutmensch wie ich mäandert bisweilen zwischen Egoismus und Gemeinwohl.

Jawoll, ich bin aus Gewöhnung Pessimist. Ich bin aber keiner, der sagt, früher war alles besser. Ich nutze das Internet jeden Tag, bin froh, dass es existiert. Es ist eher die Sehnsucht nach der Zeit meiner Jugend, als die Welt in Ost und West gespalten und deshalb viel einfacher war. Das Alter macht melancholisch. Immerhin: Nun höre und lese ich, dass das Internet zwar nicht abgeschafft werden soll, aber Jungen und Mädchen unter 14 oder 16 Jahren der Zugang zu a-sozialen Medien gesperrt oder erschwert werden soll. Auch wenn es bisher immer hieß, dass die Schulen den jungen Leuten "Medienkompetenz" beibringen sollen. Die Schulen sind auch so schon ziemlich überfordert. Egal. Mann kann darüber nachdenken, obwohl klar ist, dass die Jugendlichen das Verbot umgehen werden, da es in dem Alter Spaß macht, Regeln zu brechen, ohne ins Gefängnis zu müssen.

Trotzdem können wir hier gerne ansetzen und weitergehen: das Verbot auf Leute über 16 Jahre erweitern. Ich weiß, das wird für viele Männer und Frauen hart. Wo sollen sie mit ihrem Infantilismus, ihren Kommentaren, ihren Parolen, ihrem Realitätsverlust, ihren Fake News, ihren alternativen Fakten und ihren Selfies hin, wenn sie nicht mehr auf Tiktok und Co. dürfen? Wohin mit den vielen Hunde- und Katzenbildern? Wohin mit dem Zynismus über ertrinkende Flüchtlinge? Wohin mit der Wut auf Sportler, die unter ferner liefen ins Ziel kommen? Was wird aus den Männern (und wenigen Frauen), die ihren Hass, ihre Hetze gegen was und wen auch immer nicht mehr hinaus in die Welt schleudern dürfen? Was wird aus Gaga-Mutproben wie Würge-Challenges? Wie und wo sollen sich all die Leute ihr Selbstwertgefühl holen, wenn es keine Likes mehr gibt?

Und was machen dann Eltern, die ihre Ruhe haben wollen, wenn das Kind nicht mehr stundenlang aufs Handy glotzen darf? Waldspaziergänge? Gemeinsam spielen? Gar reden? Hilfe, das hält doch niemand aus. Dann doch lieber weiter die Sprachlosigkeit zwischen Vätern und Müttern auf der einen und ihren pubertierenden Kindern auf der anderen Seite einbetonieren. Für was ist denn das Internet erfunden worden, wenn nicht für Peppa Wutz und Freundschaftspflege auf Instagram, Snapchat etc.?! Soll doch der Staat richten, was das Elternhaus nicht hinbekommt.

Schon mal von Digital Detox und Brainrot gehört?

Ich selbst habe gut reden, das gebe ich zu. Ich nutze die a-sozialen Medien nur und sehr selten zu Recherchen, sonst zu gar nichts. Es fehlt mir an der Zeit. Mir reicht Whatsapp. Auf dem Flieger von Berlin nach Wien saß neben mir ein ungefähr 30-Jähriger, der in atemberaubender Geschwindigkeit sein Smartphone durchpflügte, scrollte und scrollte, nichts wirklich ansah, anhörte oder gar las. Dass der Bursche in diesen irren Zeiten nicht durchdreht, ist ein Wunder. Oder eine Frage der Zeit. Lustigerweise saßen auf dem Rückflug vier Leute in meiner unmittelbaren Umgebung, die Bücher in den Händen hielten. Tatsächlich diese Dinger mit viel Inhalt, gedruckt auf zahlreichen Seiten, die man lesen muss. Da reicht kein Klick. Anstrengend. Macht allerdings schlau(er).

Na gut, vielleicht kein Verbot, aber freiwilliger Verzicht, Abstinenz von den a-sozialen Medien, das wäre ein Anfang. Und Vorbild für Kinder. Man muss auch nicht alles über sich preisgeben, glaube ich. Es ist lustig, dass die Warner vor einer Abschaffung des Bargelds bei Amazon bestellen, alles Mögliche in öffentlichen Foren kommentieren und googeln, als gäbe es kein Morgen mehr. Noch einfacher kann man es den IT-Konzernen nicht machen. Schon mal was von Digital Detox und Brainrot gehört? Brainrot - meist mit Gehirnfäule ins Deutsche übersetzt - meint die allgemeine Verblödung durch extremen Konsum idiotischer Inhalte, den Verlust der Fähigkeit, komplexe Dinge zu verstehen, sich konzentrieren zu können. Gaga macht eben gaga. Kein Wunder, dass junge Leute nicht mehr lesen und rechnen können.

Da sind wir wieder bei den jungen Leuten. Ab 16 Jahren darf man an der Europawahl teilnehmen, je nach Bundesland an Kommunal- und neuerdings sogar Landtagswahlen. Wenn eine Wahl also im September ist, darf sich ein junger Mensch, der im Januar 16 Jahre alt geworden ist, ein halbes Jahr lang auf Tiktok über Parteien informieren. Ein anderer, der Ende August seinen 16. Geburtstag feiert, hat Pech und nur wenige Tage Zeit dafür. Und wer kontrolliert das Alter? Tiktok und Zuckerberg? Na dann wird ja alles gut!

Quelle: ntv.de