Pietätlosigkeit nach SelbstmordWitwe soll Strick ihres toten Mannes abholen
Wenn sich ein Familienmitglied das Leben nimmt, quälen sich Angehörige häufig mit Fragen und Vorwürfen. Die belgische Justiz macht es einer Witwe noch schwerer: Sie wollen der Frau das Tatwerkzeug ihres toten Mannes übergeben.
Eine belgische Behörde hat eine Witwe dazu eingeladen, den für den Selbstmord ihres Mannes benutzten Strick abzuholen. "Ich begann gerade, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen, als dieses Schreiben kam", sagte die Frau aus dem wallonischen Jurbise der Zeitung "La Province". In dem Brief wurde sie von der für die Betreuung von Opfern zuständige Behördenstelle aufgefordert, Kontakt mit dieser aufzunehmen.
Es gehe um "von den Justizbehörden sichergestellte Gegenstände" im Zusammenhang mit dem Suizid ihres Mannes sieben Monate zuvor, zitierte die Zeitung aus dem Schreiben. "Ich habe das zunächst nicht ganz verstanden", sagte die Frau. Ihre Cousine habe dann schließlich bei der Stelle angerufen. "Sie hat mir erklärt, dass ich den Strick abholen könnte", sagte die Witwe.
Die Frau zeigte sich empört. "Ich habe schon genug mit dem Gedanken zu tun, dass ich die Verzweiflung meines Mannes nicht gesehen habe. Und das kommt jetzt noch zu dem hinzu, was ich erdulden muss."
Die Bürgermeisterin des Ortes, Jacqueline Galant, ist der Zeitung zufolge "verwirrt". Belgiens Justizministerin Annemie Turtelboom habe ihr jedoch die Rechtmäßigkeit des Vorgehens versichert. Der Staatsanwalt von Mons, Christian Henry, verteidigte den Schritt demnach ebenfalls. Die Justiz dürfe über sichergestellte Gegenstände eben nicht ohne den Eigentümer oder seine Rechtsnachfolger entscheiden - nicht einmal über den Strick eines Erhängten.