Bescheiden und koscherZwei Zimmer für Maria und Josef

Die Familie von Nazareth lebten möglicherweise in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung. Es war damals übliche, Grabhöhlen zu bewohnen, die gleichzeitig als Fluchtwege dienten.
Die Familie von Nazareth, Maria, ihr Ehegatte Josef und der im fernen Bethlehem geborene Sohn Jesus, lebten möglicherweise in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung mit Innenhof und samt einer in den Felsen gehauenen Zisterne, in der sie im Winter das Regenwasser leitete. Sie verwendeten zudem aus Kalkstein gemeißeltes Essgeschirr, wie es damals nur Juden benutzten, weil Steingefäße „koscher“ blieben. Zu diesen Schlüssen kam die Archäologin Yardenna Alexandre von der israelischen Antikenbehörde.
Alexandre leitete Ausgrabungen auf einem kleinen Areal in unmittelbarer Nähe der katholischen Verkündungsbasilika. Die wurde mitten in Nazareth 1956 an der traditionellen Stelle der „Wohnung Marias“ errichtet. Die moderne Kirche steht allerdings über den Ruinen älterer Kirchen, wobei die erste im vierten Jahrhundert in der byzantinischen Zeit über Höhlen gebaut worden war.
Nazareth war tatsächlich ein jüdisches Dorf
Das gefundene Zwei-Zimmer-Haus beweise nach Meinung der Forscher, dass Nazareth zu Lebzeiten Jesu tatsächlich ein jüdisches Dorf gewesen sei. Bisher habe man nur einige Gräber aus jener Periode gefunden. Im Keller des benachbarten französischen Klosters St. Josef kann man in der Tat eine in den Fels gehauene Nekropole besichtigen, darunter auch Grabhöhlen, die mit einem Rollstein verschlossen werden konnten. Eine Nonne erklärt dazu, dass es damals üblich gewesen sei, über solchen Grabhöhlen zu wohnen. „Das talmudische Verbot, Tote unter dem eigenen Haus zu begraben ist ein Hinweis darauf, dass das damals eine verbreitete Sitte war“, sagt die Schwester. Doch die gewaltigen Strukturen über den 2000 Jahre alten Grabanlagen stammten einwandfrei aus jüngerer Zeit.
So bestätigt sich, dass das jetzt entdeckte Wohnhaus der erste archäologische Nachweis für die Existenz eines Dorfes im Tal von Nazareth vor 2000 Jahren ist. Bei dem Haus wurde auch ein in den Fels gehauenes Versteck gefunden, mitsamt Tonscherben aus der römischen Zeit. Nach Angaben von Alexandre hätten Juden nicht nur in der Gegend von Nazareth versteckte Höhlen und unterirdische Gänge um das Jahr 67 herum als Fluchtwege zu Beginn des jüdischen Aufstandes gegen die Römer ausgehoben. Unter der Altstadt von Nazareth gibt es viele große Höhlen, in die die arabische Bevölkerung der Stadt während des Unabhängigkeitskrieges von Israel flüchtete.
Der Nahe Osten ist sein Metier. Ulrich W. Sahm berichtet seit Mitte der 1970er Jahre aus der Region. Er ist immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der Nachricht.