Politik
1968: Beate Klarsfeld beschimpft von der Zuschauertribüne des Bundestags aus Kanzler Kiesinger als "Nazi".
1968: Beate Klarsfeld beschimpft von der Zuschauertribüne des Bundestags aus Kanzler Kiesinger als "Nazi".(Foto: dpa)
Samstag, 17. März 2012

Beate Klarsfeld im Interview: "Anerkennung meiner Arbeit"

Beate Klarsfeld ist in den USA, Frankreich und Israel eine hochgeehrte Persönlichkeit. Deutschland verweigert ihr trotz ihres Engagements gegen Naziverbrecher das Bundesverdienstkreuz - was wohl daran liegt, dass sie 1968 dem Bundeskanzler eine Ohrfeige gab. Am Sonntag ist sie die Kandidatin der Linken für das Amt des Bundespräsidenten. "Dass man mich nicht in Deutschland ehrt, ist schon eine Schande. Wenn man mich heute in Deutschland mit der Kandidatur ehrt, ist das schon eine Satisfaktion."

n-tv.de: Sie treten als Kandidatin an, obwohl Sie wissen, dass Sie nicht gewählt werden. Warum?

Beate Klarsfeld: Der Vorschlag der Linken, dass ich für das Amt des Bundespräsidenten kandidiere, ist für mich eine große Ehre und eine Anerkennung meiner Arbeit. Die Linke hatte mich ja schon für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Herr Gysi und Herr Lafontaine hatten das Schreiben unterzeichnet, aber das ist von (Außenminister) Westerwelle abgelehnt worden. Die Linke ist eine Partei, die gegen den Faschismus kämpft und ständig an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Das sind die Dinge, in denen wir völlig übereinstimmen.

Beate Klarsfeld wird am 18. März gegen Joachim Gauck antreten. Sie ist chancenlos.
Beate Klarsfeld wird am 18. März gegen Joachim Gauck antreten. Sie ist chancenlos.(Foto: n-tv.de)

Bedeutet, Kandidatin der Linken in Deutschland zu sein, eine linke Kandidatin zu sein?

Durchaus nicht. Diejenigen, die mich wählen werden, kennen meinen Lebenslauf. Ich bin eine gute Deutsche, die historische und moralische Verpflichtungen erfüllt, sich dafür eingesetzt hat, dass in der Bundesrepublik keine ehemaligen Nazis wie (Kurt Georg) Kiesinger (Bundeskanzler von 1958 bis 1966) führende Positionen einnehmen. Ich habe versucht, die NS-Verbrecher, die in Frankreich verblieben waren, vor Gericht zu stellen. Ich gehöre einem Volk an, das sechs Millionen Juden umgebracht hat. Deshalb habe ich meine Solidarität mit Israel stets unter Beweis gestellt. Ich habe mich auch in arabischen Ländern, in denen die Juden verfolgt wurden, für deren Rechte eingesetzt. Wenn die Linke mich aufstellt, zeigt das, dass die Linke auch in dieser Frage mit mir übereinstimmt.

Was bezwecken Sie mit Ihrer Kandidatur?

Ich habe als gute Deutsche das Image Deutschlands in der Welt verändert. Israel hat mich zweimal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Menahem Begin (israelischer Ministerpräsident von 1977 bis 1983) sagte einmal zu mir, "Beate, du bist die erste Deutsche, der ich die Hand reiche".

Gehen wir zurück in die Geschichte, in Ihre Geschichte. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Kiesinger zu ohrfeigen?

Ausgangspunkt war meine Entlassung aus dem Deutsch-Französischen Jugendwerk. Ich hatte in einem Artikel in der Zeitung "Combat" geschrieben, dass die Kandidatur des Nazipropagandisten Kiesinger unannehmbar ist. Da haben mein Mann Serge und ich beschlossen, etwas zu unternehmen. Schließlich war der Vater von Serge in Auschwitz vergast worden. Er als Jude und Franzose, ich als Deutsche. Wir haben eine Dokumentation veröffentlicht, in der wir auf Kiesingers Vergangenheit aufmerksam gemacht haben. Die wurde in der DDR gedruckt. Die Presse und die Abgeordneten des Bundestages haben nicht reagiert. Niemand hat sich für die Vergangenheit von Kiesinger interessiert. Da haben wir uns entschlossen, anders vorzugehen. Man kann protestieren, oder man kann spektakuläre Aktionen durchführen. Die erste fand im Bundestag statt, als ich Kiesinger bei einer Rede mit den Worten "Nazi, abtreten!" unterbrach. Da kam die Presse nicht mehr umhin, über Kiesingers Vergangenheit zu berichten. Als die CDU dann im November 1968 in Westberlin unter dem Protest der Alliierten ihren Parteitag abhielt, habe ich mir gesagt, Beate, das ist die beste Gelegenheit, ihn zu ohrfeigen. Ich habe es dann geschafft, mich soweit an ihn heranzupirschen, dass ich ihn ohrfeigen konnte.

Nun hat es auch in der DDR und in Österreich ehemalige NSDAP-Mitglieder in hohen Funktionen gegeben. Waren Sie auf einem Auge blind? Warum sind Sie nicht auch dort aktiv geworden?

In Österreich habe ich mich 1986 von Anfang an gegen die Kandidatur von Kurt Waldheim für das Amt des Bundespräsidenten engagiert. Dabei wurde ich vom Jüdischen Weltkongress finanziell unterstützt. So konnte ich mit österreichischen jüdischen Organisationen eine Kampagne gegen Waldheim entfalten. Die Akten über seine Zeit als Wehrmachtsoffizier im griechischen Saloniki waren ja zuvor veröffentlicht worden. Ich war auf allen Wahlkundgebungen von Waldheim dabei. Die Österreicher haben gesagt, wir wählen, wen wir wollen. So wurde er schließlich Präsident. Ich habe dann aber seine öffentlichen Auftritte in Istanbul und Amman gestört. In der jordanischen Hauptstadt bin ich mit einem T-Shirt aufgetreten, auf dem stand "Waldheim, abtreten!".

Ihnen wird vorgeworfen, Sie hätten sich von der DDR instrumentalisieren lassen und Geld angenommen.

Wir haben aus Israel Geld bekommen, aus den USA. Überall, wo ich Unterstützung eingefordert habe, wurde sie mir auch gewährt. Die DDR war das erste Land, das mir geholfen hat. Die haben mir damals die Archive geöffnet und - wie gesagt - die Broschüre "Die Wahrheit über Kurt Georg Kiesinger" veröffentlicht. Es ist doch nicht skandalös, wenn man Geld von jemandem annimmt, der denselben Feind hat. Ich hatte ganz andere Beweggründe als die DDR. Aber in dem Punkt stimmten wir überein.

Würden Sie auch heute noch eine Ohrfeige austeilen, wenn dies aus Ihrer Sicht, gegen wen auch immer, erforderlich wäre?

Das war eine symbolische Aktion. So etwas kann man nicht wiederholen. Ich wurde für meine Aktionen in der Bundesrepublik sogar eingesperrt.

In den USA, Israel und Frankreich sind Sie eine hochgeehrte Persönlichkeit, in Deutschland wurden zwei Anträge auf Verleihung des Bundesverdienstkreuzes abgelehnt. Würde Ihnen das Bundesverdienstkreuz heute noch etwas bedeuten?

Ich bin in andern Ländern geehrt worden. Ich bin Deutsche. Dass man mich nicht in Deutschland ehrt, ist schon eine Schande. Wenn man mich heute in Deutschland mit der Kandidatur ehrt, ist das schon eine Satisfaktion.

Wie werden sich Ihre Beziehungen zur Linken nach der Kandidatur gestalten?

Wir haben vieles gemeinsam, und ich glaube, dass wir auch künftig zusammenarbeiten werden. Ich habe mich schon angesagt für die Anti-Nazi-Demo im Februar nächsten Jahres in Dresden. In Schleswig-Holstein werde im Mai auftreten. Ich habe mich mit den NPD-Leuten ja schon 1969 geschlagen, als ich Kandidatin für den Bundestag war. Damals war die Polizei übrigens mehr oder weniger auf der Seite der NPD. Ich bin dafür, die NPD zu verbieten. Gerade nach dieser schrecklichen Tatsache, dass es möglich war, dass diese Zwickauer Gruppe Menschen zehn Jahre lang mit derselben Waffe zu erschießen konnte. Die NPD ist ohne Zweifel eine Nachfolgepartei der Nazipartei.

Mit Beate Klarsfeld sprach Manfred Bleskin

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Quelle: n-tv.de