Auftakt zum Superwahljahr 2026Darum ist die Landtagswahl in Baden-Württemberg so wichtig

Die Landtagswahl in Baden-Württemberg ist die erste seit Jahren ohne Kretschmann - und womöglich eine der engsten in der Geschichte des Südwestens. Warum sie auch für Bundeskanzler Friedrich Merz wichtig ist.
Landtagswahlen sind keine Bundestagswahlen, aber meist ein Stimmungstest für die Bundesregierung. Auch deshalb schaut man heute Abend nicht nur aus Freiburg oder Mannheim auf Stuttgart, sondern auch aus Berlin. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg ist der Start in das Superwahljahr 2026.
In einem der größten Länder der Republik endet eine politische Ära: Winfried Kretschmann tritt nicht mehr an - allein das macht diese Wahl historisch. Nach 15 Jahren als Ministerpräsident Baden-Württembergs steht sein Name nicht mehr auf dem Stimmzettel. Mit 77 Jahren zieht sich der Grünen-Politiker zurück. Seit 2016 regiert er mit der CDU, zuvor fünf Jahre mit der SPD.
Um seine Nachfolge bewerben sich Cem Özdemir von den Grünen und Manuel Hagel von der CDU. Beide treten damit in große Fußstapfen. Hagel hatte bereits vor geraumer Zeit erklärt, das Erbe Kretschmanns sei bei der CDU in guten Händen. Özdemir ließ sich wiederum im Wahlkampf großflächig mit Kretschmann plakatieren neben dem Slogan "Sie kennen ihn".
Viel zu verlieren für Grüne und CDU
Die Christdemokraten wittern nach vielen Jahren in der Opposition und als Juniorpartner endlich ihre Chance: Sie wollen wieder in die Villa Reitzenstein ziehen und den Regierungschef stellen - so, wie sie das viele Jahrzehnte im Ländle vor der Ära Kretschmann gemacht haben. Die Partei hofft auf die Wiederherstellung der aus ihrer Sicht "natürlichen Ordnung" im Land.
Auch für die Grünen geht es um viel. Sie stellen bislang in Baden-Württemberg den bundesweit ersten und einzigen Regierungschef. Lange Zeit schien es, als bliebe Kretschmann auch der einzige grüne Ministerpräsident. In den Umfragen lagen die Grünen mit Spitzenkandidat Özdemir über Monate deutlich hinter der CDU - scheinbar uneinholbar.
Doch wenige Tage vor der Wahl holten die Grünen in mehreren Umfragen deutlich auf. Je nach Erhebung rückten sie bis auf ein, zwei oder drei Prozentpunkte an die CDU heran. In einer letzten Umfrage lagen beide Parteien sogar gleichauf bei 28 Prozent. Politikwissenschaftler erklärten den Trend unter anderem mit der Popularität Özdemirs.
Parallel zu dieser Aufholjagd wurde der Ton im Wahlkampf spürbar schärfer. Über Monate waren Grüne und CDU vergleichsweise zurückhaltend miteinander umgegangen. Vor knapp zwei Wochen veröffentlichte dann eine grüne Bundestagsabgeordnete ein Video von Hagel aus dem Jahr 2018. Darin äußert sich der damals 29-Jährige schwärmerisch über das Aussehen einer Schülerin. Der Clip verbreitete sich rasch und löste heftige Kritik aus.
Die CDU wirft den Grünen nun eine Schmutzkampagne aus der untersten Schublade vor. Unabhängig vom Wahlausgang müssen sich Özdemir und Hagel vermutlich wieder an einen Tisch setzen. Denn eine Koalition aus Grünen und CDU – in welcher Reihenfolge auch immer – ist laut Umfragen die wahrscheinlichste Regierungsoption.
Auch bei den kleineren Parteien bleibt es spannend. Die Fünf-Prozent-Hürde bekommt besondere Bedeutung: Die FDP könnte erstmals in ihrer Geschichte aus dem Landtag fliegen – ausgerechnet in Baden-Württemberg, ihrem Stammland, in dem sie seit mehr als 70 Jahren vertreten ist. In den Umfragen lag die FDP zuletzt bei sechs Prozent.
Die Linke wiederum könnte erstmals überhaupt den Sprung in den baden-württembergischen Landtag schaffen, muss aktuellen Umfragen zufolge aber zittern. Die AfD dürfte stärkste Oppositionskraft werden – eine Zusammenarbeit mit ihr schließen alle anderen Parteien aus. Auch die SPD steht unter Druck: In den Umfragen blieb sie zuletzt konstant einstellig, das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte im Südwesten droht.
Hinzu kommen neue Regeln für die Mandatsverteilung: Die Wählerinnen und Wähler haben nun zwei Stimmen - ähnlich wie bei der Bundestagswahl. Mit der Erststimme wird ein Wahlkreiskandidat oder eine Wahlkreiskandidatin direkt gewählt. Mit der Zweitstimme entscheiden die Bürger über eine Partei. Sie ist maßgeblich für die Kräfteverhältnisse im Landtag. Die Parteien stellen dafür Landeslisten auf, über die Kandidatinnen und Kandidaten ins Parlament einziehen können.
Kampf um die Autoindustrie
Die wirtschaftliche Lage verleiht der Wahl zusätzliche Brisanz: Baden-Württemberg ist das industrielle Herz Deutschlands – und ist stark von der Autoindustrie abhängig. Der tiefgreifende Strukturwandel trifft das Land daher besonders hart. Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, ganze Regionen blicken mit Sorge in die Zukunft.
Entsprechend rückte Wirtschaftspolitik ins Zentrum des Wahlkampfes: Es ging um Standortfragen, um den Erhalt von Arbeitsplätzen, um Bürokratieabbau. CDU-Spitzenkandidat Hagel tourte unermüdlich von Mittelständler zu Mittelständler. "Wir können Auto", sagte sein grüner Rivale Özdemir – und zeigte sich offen für eine Verschiebung des Verbrennerverbots. Die CDU wirft den Grünen nun vor, plötzlich ihre Liebe zum Auto entdeckt zu haben.
Nicht zuletzt hat der Sonntagabend noch eine bundespolitische Strahlkraft. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg ist die erste von fünf in einem dichten Superwahljahr 2026 - damit kann sie Signalwirkung entfalten, die weit über die Landesgrenzen hinausreicht. Die Strategen in den Parteizentralen in Berlin schauen genau hin, was im Südwesten passiert.
Sollte es für Hagel am Ende nicht reichen, könnte das auch Kanzler Friedrich Merz schwächen. Der kam extra zum Wahlkampfabschluss nach Ravensburg – und sagte dort, die Landtagswahl erfahre nicht nur in Baden-Württemberg oder Deutschland große Aufmerksamkeit, sondern in der ganzen EU.
Die FDP könnte bundespolitisch weiter an Bedeutung verlieren, sollte sie aus dem Landtag fliegen. Linke und AfD hingegen könnten gestärkt aus der Wahl hervorgehen.