Politik

Komplikationen brisanter als bekannt Beschnittener war in Narkose

Die Debatte, ob Beschneidungen Körperverletzung sind, ist in vollem Gange, da wird mehr über den auslösenden Fall bekannt. Laut einem Medienbericht muss der vierjährige Junge zehn Tage in einer Klinik behandelt werden, mehrmals ist er in Narkose. Derweil formieren sich weiter Gegner und Befürworter des Kölner Urteils.

DI30093-20120713.jpg7723133094347058578.jpg

Ein Kind während einer jüdischen Beschneidungszeremonie in San Francisco.

(Foto: dapd)

Der Fall des beschnittenen vierjährigen Jungen, der die breite Debatte über die Rechtslage für religiös begründete Beschneidungen ausgelöst hat, war medizinisch offenbar brisanter als bisher bekannt. Der Junge sei zwei Tage nach seiner Beschneidung mit Nachblutungen in eine Kindernotaufnahme eingeliefert worden, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS), die sich auf einen Arztbrief über die dann erfolgte Behandlung beruft. Daraus gehe hervor, dass eine "urologisch-chirurgische Revision" der Beschneidung "in Vollnarkose" erfolgte.

Nach dem neuerlichen chirurgischen Eingriff sei der Junge für mehrere Tage auf eine Kinderstation gekommen, heißt es in dem Bericht weiter. Drei Verbandswechsel hätten "in Narkose" stattgefunden. In dem Arztbrief stehe weiter, dass die freiliegende Penisoberfläche und die Eichel "uneben, zerfressen und fibrinös belegt" gewesen seien. Der Junge sei zehn Tage in klinischer Behandlung gewesen.

Die medizinischen Details seien dem Kölner Landgericht bekannt gewesen, bislang aber nicht der Öffentlichkeit, heißt es in der FAS. Ein Gutachter, der vom Landgericht Köln beauftragt worden war, habe dem Arzt, der die Beschneidung vornahm, bescheinigt, dass der Eingriff "nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt" worden sei. Die Nachblutungen, so der Gutachter, seien mögliche Komplikationen nach Beschneidungen.

Nur Straffreiheit reicht nicht aus

DI30097-20120713.jpg6953004123818397786.jpg

Eine Beschneidung im bulgarischen Ribnovo.

(Foto: dapd)

Nach Ansicht des Vorsitzenden der Allgemeinen Rabbinerkonferenz in Deutschland, Henry Brandt, müssen religiös motivierte Beschneidungen gesetzlich abgesichert werden. "Verantwortungsbewusste Beschneidungen müssen weitergehen dürfen - vollkommen legal und gesetzlich abgesichert", schrieb Brandt in einem Gastbeitrag für die "Bild am Sonntag". "Es reicht nicht, Beschneidung lediglich straffrei zu stellen. Nur so kann Religionsfreiheit in Deutschland glaubwürdig Bestand haben." Weiter schrieb Brandt: "Ich möchte den Kölner Richtern keinerlei niedrige Motive unterstellen. Es gibt eben auch schlechte und falsche Urteile. Recht ist beileibe nicht immer auch Gerechtigkeit."

Das Landgericht Köln hatte entschieden, die mit der Beschneidung einhergehende körperliche Veränderung des Kindes laufe dessen Interesse zuwider, "später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können". Die Beschneidung wurde damit als strafbare Körperverletzung gewertet. Weiter heißt es in dem Urteil zu dem muslimischen Jungen, auch sei das Erziehungsrecht der Eltern "nicht unzumutbar beeinträchtigt", wenn sie abwarten müssten, ob sich das Kind später für eine Beschneidung als "sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zum Islam" entscheide.

"Schwerer Eingriff" in körperliche Unversehrtheit

In der Linkspartei stößt das Kölner Urteil auf Zustimmung. Der religionspolitische Sprecher Raju Sharma sagte der FAS, eine Beschneidung sei ein "schwerer Eingriff" in die körperliche Unversehrtheit eines Kindes. Diese habe der Staat zu schützen. Dagegen müssten die auf religiösen Traditionen begründeten Wünsche der Eltern zurückstehen. Insofern sei das Kölner Urteil "im Kern eine zutreffende Güterabwägung".

Auch der rechtspolitische Sprecher der Partei, Jens Petermann, gab den Kölner Richtern "grundsätzlich recht". Bisher sei die Beschneidung stillschweigend hingenommen worden, das Urteil eröffne jetzt die Chance zur Diskussion über das Thema. Dabei müssten auch die Positionen der Religionsgemeinschaften ernst genommen werden, sagte Petermann.

Regierungssprecher Steffen Seibert hatte am Freitag in Berlin gesagt, nach der Debatte über das Kölner Beschneidungsurteil strebe die Regierung nun schnell "Rechtsfrieden" für muslimisches und jüdisches Leben in Deutschland an. "Verantwortungsvoll durchgeführte Beschneidungen" müssten in Deutschland straffrei möglich sein, fügte der Regierungssprecher hinzu. Sowohl im Judentum als auch im Islam hat das Ritual der Beschneidung eine lange Tradition.

Allerdings sprach sich die Deutsche Kinderhilfe gegen Pläne der Regierung aus, religiöse Beschneidungen von Jungen zu legalisieren. Der Verein verteidigte in einer Stellungnahme die Rechtsauffassung des Kölner Landgerichts. Der Protest von Religionsvertretern dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, "dass die Mehrheit der Bevölkerung die Problematik erkannt hat und in der Beschneidung einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit von Kindern sieht", heißt es bei der Kinderhilfe.

Quelle: n-tv.de, AFP/dpa

Mehr zum Thema