Politik
Endlich wieder im Rampenlicht: Gertrud Höhler feiert mit "Die Patin" eine furiose Rückkehr.
Endlich wieder im Rampenlicht: Gertrud Höhler feiert mit "Die Patin" eine furiose Rückkehr.(Foto: dpa)
Donnerstag, 23. August 2012

Höhlers Skandalbuch: Der Angela-Merkel-Komplex

Von Christian Rothenberg

In der Ära Kohl ist sie die Muse der Mächtigen, heute sieht Gertrud Höhler Deutschland auf dem Weg in die Diktatur. Schuld daran ist Angela Merkel, die Bundeskanzlerin mit den "DDR-Genen". Ihre verbitterte Abrechnung mit der "Patin" widmet Höhler jenen, die "die Faust noch in der Tasche haben".

Angela Merkel und Helmut Kohl im Dezember 1991 in Dresden. 14 Jahre später wird Merkel Kanzlerin.
Angela Merkel und Helmut Kohl im Dezember 1991 in Dresden. 14 Jahre später wird Merkel Kanzlerin.(Foto: picture-alliance / dpa)

Die Frau, die gerade das angriffslustigste Buch über die deutsche Bundeskanzlerin geschrieben hat, das jemals erschienen ist, räumt erst einmal die Flaschen beiseite. "Moment, ich will nicht hinter Flaschen verschwinden", sagt Gertrud Höhler. Dann grinst sie, die nun endlich wieder so gefragt ist wie in den alten Zeiten, in die klickenden Kameras. Doch die kleine Frau mit dem sonnengebräunten Gesicht und den Haaren, die früher mal blond waren, hat keine Zeit zu verlieren. "Wir wollen nicht zu lange machen", sagt sie den Fotografen. "Die anderen sitzen und wollen was erleben."

Und dann beginnt Höhler mit ihrer Buchvorstellung: "Angela Merkel ist eine sehr sympathische und disziplinierte Persönlichkeit." Ihr Bekenntnis überrascht. Sie hat gerade ein neues Buch geschrieben. Das ist eigentlich nichts Besonderes. Denn sie hat schon über 20 verfasst. Doch dieses ist speziell. Ihr heftigstes, lautestes Werk, mit der größten Schlagseite. Es gilt Angela Merkel, "der Patin", so heißt das Buch. Und es ist nicht wohlwollend.

Höhler, die Literaturprofessorin ist, widmet sich Merkel in all ihren Facetten. Sie erzählt von der deutschen Einheit, vom plötzlichen Aufstieg der Ostdeutschen zur Chefin der CDU. Ihren Schwerpunkt setzt die Autorin aber auf Merkels Regierungszeit seit 2005. Höhler nennt bekannte und nicht unberechtigte Kritik am Stil der Kanzlerin: Ihre Beliebigkeit im Umgang mit konservativen Werten, die fehlende Linie, das vergebliche Suche nach ihren Visionen, Ideen-Klau bei anderen Parteien, die mangelnde Moderation ihrer Entscheidungen.

Im Garten von Templin

Höhler nimmt den ganzen Politikbetrieb in den Fokus. Sie beklagt die gesichtslosen Parteien, die verschwimmenden Parteigrenzen. Aber Protagonistin ist eindeutig Merkel und ihr "System": Treibt die Chefin das voran? Oder schwimmt Merkel mit und die Kauders und Pofallas machen die Politik? "Das ist nicht mein Eindruck", folgert Höhler. "Die Patin" könnte als kritische Biografie Merkels durchgehen. Wenn sich Höhler nicht so heftig im Ton vergreifen würde.

Umstritten ist Merkel vor allem im Ausland. In Deutschland sind einer Umfrage zufolge 75 Prozent der Menschen zufrieden mit ihr.
Umstritten ist Merkel vor allem im Ausland. In Deutschland sind einer Umfrage zufolge 75 Prozent der Menschen zufrieden mit ihr.(Foto: dpa)

Sie mutmaßt: Ob Merkels Kollegen die zwei deutschen Diktaturen im 20. Jahrhundert vergessen hätten, dass sie die Kanzlerin so gewähren ließen. Es gehe ihr nur um Machtzuwachs. Oppositionelle Lager und Konkurrenten würden rücksichtlos beiseite geräumt. Merkel wage den Ausstieg aus "unserem" Grundwertekonsens. Sie habe längst begonnen: mit dem Aufbau ihres autokratischen Systems, mit der Gleichschaltung der CDU. "Der Frau mit der Tarnkappe" sei alles zuzutrauen. Sie verfolge ein Geheimprojekt: den Zerfall der Demokratie. "Merkel hat ihren Weg zur Zentralmacht in Europa mit schwer lesbaren Zeichen markiert", schreibt Höhler in der ihr eigenen Sprache.

Sie dekliniert in ihrem Buch politische Systemtypen. Diktaturen zeichneten sich aus durch einen Themenmix enteigneter Kernbotschaften anderer Lager in der Hand der Regenten, ihre Nonchalance im Umgang mit Parlament und Rechtsnormen. "Übergangsregime, die auf eine Diktatur zusteuern, kündigen sich an", sagt Höhler und fragt, "spüren wir es früh genug?". Ist Merkel eine Demokratin oder eine Antidemokratin? "Wissen wir das?", fragt Höhler.

Merkel, diese kalte Frau aus der Uckermark. "Wir werden nie erfahren, ob sie als Kind im Garten in Templin genauso war", sagt Höhler, für die Merkels "DDR-Gene" überhaupt erst den Nährboden bieten für ihren verschwiegenen Charakter. Für ihre große Verschwörungstheorie strickt sich Höhler ihre ganz eigenen Legenden.

Omnipräsente Literatin

Höhler hat sich bei den Beschreibungen des "Systems M", wie sie es nennt, gekonnt bedient bei einem der sich auskennt im kalkulierten Skandal: bei den Methoden Thilo Sarrazins. Bissige Übertreibungen versehen mit einem dezenten Streifen des Nationalsozialismus. Das sichert ihr die besten Voraussetzungen für gute Verkaufszahlen: Aufmerksamkeit, Empörung, Aufschrei. Nur warum so heftig und so bösartig? Was treibt Höhler, die Pastorentochter aus Wuppertal? Ist das nur die zugespitzte Dramaturgie einer Literatin?

Gertrud Höhler im Jahr 1982.
Gertrud Höhler im Jahr 1982.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Gertrud Höhler ist kein unbekanntes Gesicht in der deutschen Politik. In den 80ern und 90ern ist die Professorin eine gefragte Frau. Sie berät etliche Unternehmen und Verbände. Sie sucht und findet die Aufmerksamkeit der ganz Großen: Alfred Herrhausen und Mark Wössner, die Vorstandschefs der Deutschen Bank beziehungsweise der Bertelsmann AG, und Merkels Vorvorgänger Helmut Kohl. Auch andere Politiker wie Dieter Althaus und Johannes Rau sollen große Stücke auf sie gehalten haben. Höhler, die Vertraute und Muse der Mächtigen.

Sie, die eigentlich an der Universität Paderborn Seminare hält, tummelt sich fortan immer stärker in TV-Gesprächsrunden. In wechselnder Funktion pilgert sie wortgewandt und omnipräsent durch das Land: als Professorin, Beraterin, Zeitgeist-Spezialistin und CDU-Expertin. Es sind die großen Zeiten der Gertrud Höhler. Immer wieder wird sie sogar für CDU-Ministerämter gehandelt. Die ehrgeizige Wissenschaftlerin ist Mutter, aber nicht verheiratet. Sie glaubt, dass sie deshalb nie Ministerin wird.

Doch seitdem Höhler auf der Bildfläche erscheint, ist sie auch umstritten. Ende der 80er will VW-Chef Carl Hahn sie als Impulsgeberin einstellen. Jahressalär: 500.000 DM. Doch viele Vorstandsmitglieder und Betriebsräte machen Front gegen die neue Beraterin, bis Hahn schließlich aufgibt. An ihrer Uni vermisst man das Engagement, das die Literaturprofessorin außerhalb der Hochschule zeigt. Für eine Werbekampagne will Höhler eines Tages für ein Foto in einen Hörsaal reiten. Auf Druck von Kollegen legt sie 1993 ihre Professur nieder.

"Stillstand ist der Tod"

Während der anderen Pastorentochter der Aufstieg gelingt, verschwindet Höhler, spätestens nach dem Ende der Ära Kohl, weitgehend von der großen Bühne. 2007 feiert sie ein ungewolltes Comeback. Eine Zeitung recherchiert, dass sie privat ein Zimmer an einen NPD-Politiker vermietet. Zunächst leugnet Höhler, später verweist sie darauf, die NPD sei eine zugelassene Partei. Schließlich entzieht ihr der Hochschulrat der Paderborner Uni das Mandat. Höhler wittert Mobbing, man wolle sie vernichten.

In der alten Bundesrepublik hat Höhler noch die Könige beraten. In der neuen ist sie nicht mehr verankert. An Merkel ist sie nie rangekommen. Man habe sich oft unterhalten, erzählt sie. Doch in den Kreis der Vertrauten der Kanzlerin schafft sie es nicht. Merkel, die "Königsmörderin", sucht ihren Rat nicht bei Höhler, einer ehemaligen Beraterin des Königs. Höhler frustriert das. Es passt nicht zu ihrem Motto: "Stillstand ist der Tod, nur Entwicklung Lebensgesetz."

Ein Buch aus verletzter Eitelkeit? Höhler gibt andere Beweggründe vor, warum sie "Die Patin" geschrieben hat. Sie ist natürlich völlig selbstlos und aufklärerisch, will warnen und aufmerksam machen auf die Methode Merkel, das System der Gesetzesbrüche und Regelverletzungen: "Wir können wählen", sagt sie, "ist das unser Kurs?" Höhler will mehr erfahren als Merkels Satz: Wenn der Euro scheitert, scheitert Europa. Sie will Bekenntnisse, Verlässlichkeit, Werte, die alte CDU. Bei Kohl sei das natürlich ganz anders gewesen: christliche Prägung, Ethos, Werteempfinden und nicht der Machterhalt über allem anderen. Höhler widmet ihr Werk ausdrücklich denen, "die die Faust noch in der Tasche haben".

Höhler hat ihr Tabuthema, seitdem sie mit ihrem Buch auf Werbereise geht. Von dem Hasskomplex, von einer Abrechnung mit Merkel, von einem Kampf zwischen den beiden Mädchen Kohls, will sie nichts wissen, zum Sturz aufrufen natürlich auch nicht. "Das ist kein Krawallbuch, es gibt keine Fehde", sagt sie. Doch Höhler duldet auch keine Einwände, unterbricht Interviews oder sagt sie sogar kurzfristig ab, wenn sie auf einen vermeintlichen Rachefeldzug gegen Merkel angesprochen werden soll. Kein Kommentar, keine Rechenschaft. In diesen Momenten ähnelt Höhler plötzlich auffallend einer Person, die es in der Realität so gar nicht gibt. Es ist die Frau, die sie in ihrem neuen Buch beschreibt.

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Quelle: n-tv.de