Politik

Falsche Strategie Der Fachkräftemangel ist ein Mythos

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(Foto: REUTERS)

Schon jetzt entgehen deutschen Unternehmen Milliarden, weil ihre Innovationskraft unter zu wenig gut ausgebildetem Personal leidet. Doch so müsste es nicht sein. Arbeitgebernahe Fachleute sind sich sicher: Mit den richtigen Maßnahmen könnten Politik und Wirtschaft die Lücken füllen.

Alle kennen das Wort. Erklingt es, löst es oft Stirnrunzeln aus. Vor allem bei Unternehmern und Politikern in Deutschland. Das Wort heißt: "Fachkräftemangel". Elektrotechnik, Luftfahrt, Informatik - in einer ganzen Reihe von Branchen gibt es schon jetzt doppelt so viele offene Stellen wie Arbeitssuchende. Allein in den sogenannten Mint-Berufen (also Berufen mit den Schwerpunkten Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) fehlen nach Angaben der arbeitgebernahen Denkfabrik Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) rund 100.000 qualifizierte Kräfte. Und der demografische Wandel, das Schrumpfen und Altern der deutschen Gesellschaft, hat noch nicht einmal durchgeschlagen. Bis 2020 steigt die Zahl dem IW zufolge deshalb auf 1,4 Millionen fehlende Fachkräfte.

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Experten von arbeitgebernahen Einrichtungen empfehlen den Blick nach Asien.

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Das Drama erscheint unausweichlich: Mit dem wachsenden Mangel an Personal sinkt die Innovationskraft deutscher Unternehmen, dann erlahmt die Nachfrage an deutschen Produkten. Ein Desaster für den Exportprimus Bundesrepublik.

Doch sind die Aussichten wirklich so düster? Tatsächlich ist der Fachkräftemangel ein Mythos. Zumindest in gewisser Weise. Mit qualifizierten Arbeitnehmern verhält es sich wie mit Lebensmitteln. Eigentlich sind auf dieser Welt genug für alle da - nur hapert es an einer sinnvollen Verteilung. "Wir haben in einigen Ländern eine hohe Arbeitslosigkeit und viele junge Menschen, die bei einer entsprechenden Qualifizierung zur Deckung der Bedarfe führen würden", sagt Alex Plünnecke vom IW. Stefanie Koenig von der deutschen Außenhandelskammer sagt: "Es gibt Länder, die demografisch ganz anders aufgestellt sind. Da gibt es durchaus Fachkräftepotenziale." Das eigentliche Dilemma ist: Was so banal klingt, scheint in Wirtschaft und Politik, ja womöglich auch in der Gesellschaft in Deutschland noch nicht restlos durchgedrungen zu sein.

Die Wirtschaft verlässt sich auf die Politik

60 Prozent der Personalleiter in deutschen Firmen rechnen mit einem Fachkräfteengpass im eigenen Betrieb. So das Ergebnis einer Befragung des Bundesarbeitsministeriums und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Doch statt alles in Bewegung zu setzen, um sich darauf einzustellen, versuchen nur die wenigsten Firmen Fachkräfte im Ausland auszubilden, anzuwerben oder sich in irgendeiner anderen Form ernsthaft auf den Mangel im eigenen Betrieb vorzubereiten. Die Personalplanung von knapp 80 Prozent der Unternehmen reicht laut der Studie nicht über die nächsten drei Jahre hinaus. Die Untersuchung spricht dafür, dass sich die Mehrzahl der Unternehmen darauf verlässt, dass die Politik die Sache mittel- und langfristig schon irgendwie regeln wird. Doch danach sieht es derzeit nicht aus.

In ihrem Koalitionsvertrag pochen Union und SPD darauf, den Bedarf an Fachkräften zunächst durch Deutsche zu decken, durch Qualifizierung im eigenen Land. Investitionen in die Ausbildung an Universitäten und ein Werben für bestimmte Studiengänge gelten auch unter Arbeitsmarktexperten als sinnvoller Schritt. Als sicher gilt aber zugleich, dass diese Maßnahmen angesichts des demografischen Wandels allein das Problem nicht lösen. Das ist auch der Bundesregierung bewusst. Sie will "insbesondere auf dem europäischen Arbeitsmarkt qualifizierte Fachkräfte gewinnen". Erste Maßnahmen wie die "Blue Card", die es erleichtert in Deutschland zu arbeiten, aber auch Informationsportale wie Make it in Germany laufen bereits. Nur geht auch das nicht weit genug. Die Bundesregierung setzt mit ihrem Fokus auf Europa nach Angaben von Fachleuten wie Plünnecke oder Koenig langfristig genau den falschen Schwerpunkt.

Ein begrenzter Horizont

Zurzeit profitieren noch alle davon, dass Deutschland Fachkräfte aus EU-Staaten anwirbt. Für Staaten wie Spanien, Portugal und Griechenland ist das angesichts der Eurokrise die einzige Möglichkeit, ihrer gut ausgebildeten Jugend kurzfristig Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt zu eröffnen. Auch aus den wirtschaftlich noch eher schwachen osteuropäischen Staaten kommen viele Arbeitnehmer in die Bundesrepublik. Längerfristig droht diesen Ländern allerdings eine ähnliche demografische Entwicklung wie Deutschland. Die Gesamtfruchtbarkeitsrate in Spanien übersteigt mit 1,46 Kindern pro Frau nur unwesentlich die Deutschlands, die bei 1,38 liegt. In Griechenland und Portugal bekommen Frauen sogar noch seltener Kinder. Im EU-Durchschnitt sind es nach Angaben von Eurostat kaum 1,6. Dem statistischen Institut zufolge sichert aber erst eine Fruchtbarkeitsrate von 2,1 Kindern pro Frau den Erhalt der Bevölkerung in Industriestaaten.

Hält die Bundesregierung langfristig an ihrem Kurs fest, schadet sie irgendwann ihren Nachbarn und zerstört für sich die so wichtigen Absatzmärkte. Koenig von der Deutschen Außenhandelskammer sagt: "Das ist kein Modell, das dauerhaft funktionieren wird."

Dort, wo es tatsächlich Potenzial gibt, wagt es die Bundesregierung dagegen noch nicht, allzu offensiv zu werben - sei es aus ideologischen oder wahltaktischen Gründen. Sätze wie "Wir nehmen an erster Stelle die Menschen im Inland in den Blick", ein Auszug aus dem Koalitionsvertrag, erscheinen offenbar erfolgsträchtiger. Fachleute fordern daher ein schnelles und vor allem beherztes Umdenken.

"Wir müssen zum Beispiel noch mehr in den asiatischen Raum gucken", sagt Koenig. Ihr Kollege Plünnecke vom IW pflichtet bei: "Es wird umso wichtiger, auch Zuwanderer aus den demografiestarken Regionen Südostasiens zu gewinnen." Dafür sollten Bundesregierung und Wirtschaft verstärkt darauf setzen, die Bildungssysteme in diesen Regionen zu fördern und geeignete junge Menschen gezielt zu qualifizieren. Die Arbeitsmarktexperten denken dabei vor allem an Länder wie Indien und Indonesien.

Indiens Bevölkerung wächst derzeit um 15 Millionen Menschen pro Jahr. Und schon jetzt gibt es etliche begabte und interessierte Inder, die vergeblich auf einen Job oder eine Ausbildung warten. An den sieben Indian Instituts of Technology (IIT) etwa bewerben sich jährlich 300.000 hochqualifizierte junge Menschen. Studienplätze gibt es für 5000.

Quelle: n-tv.de

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