Politik

Reisners Blick auf die Front"Der Krieg im Iran ist ein strategisches Geschenk für Russland und China"

02.03.2026, 19:56 Uhr
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"Vier Jahre nach Beginn des Krieges kontrolliert die russische Armee derzeit 92.092 Quadratkilometer, was 15,25 Prozent der Ukraine entspricht", sagt Reisner. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Mit sechs operativen Manövergruppen halten die Russen den Druck auf die Ukrainer aufrecht. Ergebnisse sehe der Kreml vor allem westlich von Siwersk und Huljajpole, sagt Oberst Reisner. Durch den Krieg im Nahen Osten würde der Druck erhöht - weil Ressourcen knapp werden.

ntv.de: Beim Krieg im Nahen Osten werden massenweise Raketen eingesetzt, die von der Ukraine dringend benötigt werden - etwa für Patriot-Systeme. Haben die US-Angriffe im Iran für Kiew weitere negative Folgen?

Markus Reisner: Trump hat nun gemeinsam mit Israel eine weitere große Militäroperation mit dem erklärten Ziel eines iranischen Regimewechsels gestartet. Das wird die weltweiten Verbündeten und Gegner der USA weiter polarisieren. Einige werden darin eine wiedergewonnene Entschlossenheit der USA sehen, andere strategische Leichtsinnigkeit und eine weitere Marginalisierung des Völkerrechts. Ein von den USA und Israel geführter Krieg, der die Aufmerksamkeit und Ressourcen im Nahen Osten auf sich zieht, ist ein strategisches Geschenk für Russland und China.

Warum?

Russland kann seine militärischen und energiepolitischen Beziehungen zu einem geschwächten Iran vertiefen und die Ablenkung des Westens in seinem Krieg gegen die Ukraine ausnutzen. China kann sich hingegen als verantwortungsbewusster Stabilisator beziehungsweise Mediator positionieren, weiterhin Energie zu günstigen Preisen kaufen und die USA als Hauptursache für die globale Instabilität darstellen. Die Ukraine könnte somit zur Nebenfront degradiert werden. Dies bedeutet im schlimmsten Fall noch weniger Ressourcen wie konkret Patriot-Flugabwehrraketen.

Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Oesterreichischen-Bundesheer-und-Leiter-des-Institutes-fuer-Offiziersgrundausbildung-an-der-Theresianischen-Militaerakademie-Wissenschaftlich-arbeitet-er-u-a-zum-Einsatz-von-Drohnen-in-der-modernen-Kriegsfuehrung-Jeden-Montag-bewertet-er-fuer-ntv-de-die-Lage-an-der-Ukraine-Front
Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat das Ende des vierten Kriegswinters eingeläutet. Was bedeutet das für den Kriegsverlauf?

Selenskyj versucht, Zuversicht zu vermitteln. Vier Jahre nach Beginn des Krieges kontrolliert die russische Armee derzeit 92.092 Quadratkilometer, was 15,25 Prozent der Ukraine entspricht (19,73 Prozent einschließlich der Halbinsel Krim). Hinzu kommen fast 1,2 Millionen tote, vermisste und verwundete russische Soldaten. Das ist eindeutig eine russische Niederlage und kann niemals das Ziel von Putin gewesen sein.

Kann die Ukraine eine positivere Bilanz ziehen?

Auch die Ukraine ist unter hohem Druck. In den drei Wintermonaten von Dezember 2025 bis Februar 2026 hat Russland mit fast 19.000 Kampfdrohnen, mehr als 14.670 Gleitbomben und 738 Raketen angegriffen. Dies verursachte enorme Zerstörungen. Hinzu kommen ebenfalls hunderttausende Tote, vermisste und verwundete ukrainische Soldaten - und die Verwüstungen auf ukrainischem Territorium. Der Abnützungskrieg in der Ukraine geht in sein fünftes Jahr. Die Ukraine muss nun abwägen: Ob sie in der Lage ist, den Krieg weiterzuführen, ob die Unterstützung der USA und Europa ausreicht und ob man weiterhin in der Lage ist, die Front zu halten.

Welche Anteile der ukrainischen Energieinfrastruktur sind noch immer nicht repariert nach den russischen Angriffen?

Nehmen wir als Beispiel Kiew. In wiederholten Angriffen gelang es den Russen die kritische Infrastruktur schwer zu treffen. Die Heizkraftwerke TTP-4, TTP-5 und TTP-6 sowie die KVA-Umspannwerke "Vinnitska 550" and "Kyivska 750," sind schwer beschädigt beziehungsweise zerstört. Dies führt zu einem enormen Druck auf die Bevölkerung der Stadt. Stundenlange Blackouts und Stromabschaltungen sowie die Kälte zermürben. Ähnlich auch die Situation in Städten wie Sumy oder Charkiw. Es wird Jahre dauern, um die Schäden zu reparieren. Das bedeutet, dass sich die Situation im aktuellen Winter noch mehr verschärfen wird.

Ungarn und die Slowakei werfen der Ukraine vor, die Reparaturen an der Druschba-Pipeline zu verzögern, damit kein russisches Öl mehr nach Ungarn geliefert werden kann. Die Ukraine wirft Russland den Angriff auf die Pipeline vor. Warum wurde die Pipeline noch nicht repariert?

Für die ukrainische Staatsführung hat dieses Thema keine Priorität. Aufgrund der eingeschränkten Ressourcen gilt das Schwergewicht der Maßnahmen der Verbesserung der Situation der eigenen Bevölkerung. Zudem möchte man nicht, dass Öl und Gas aus Russland nach Europa fließt und damit Sanktionen umgangen werden. Hinzu kommt die angespannte Situation zwischen den Nachbarländern selbst. Es ist an dieser Stelle bemerkenswert, dass Russland derzeit in Ungarn ein Atomkraftwerk errichtet. Über den russischen Staatskonzern Rosatom werden zwei neue Reaktoren am bestehenden Atomkraftwerkstandort Paks in Ungarn errichtet. Trotz des Ukraine-Krieges und der Kritik vonseiten der EU wird das Projekt mit russischen Krediten weiterverfolgt. Zudem stehen in Ungarn im April Wahlen an, das heißt, Orban versucht, innenpolitisch zu punkten.

Die Ukraine erhöht den Druck auf Russland durch Drohnenangriffe in der russischen Hafenstadt und Flottenbasis Noworossijsk. Hat Kiew nach Ende des Kriegswinters mehr Spielraum für solche Attacken?

Die Ukraine versucht den Krieg nach Russland zu tragen. Sie tut dies mit weitreichenden Angriffen von Drohnen und Marschflugkörpern. So wie Russland täglich die Ukraine mit einem Hagel aus Drohnen, Gleitbomben, Marschflugkörpern und Raketen überzieht. In den letzten Wochen konnten von der Ukraine Ziele in Russland in über 1400 Kilometer Entfernung getroffen werden. Der Grund ist die Verfügbarkeit des neunen "Flamingo"-Marschflugkörpers. Er dürfte nun erstmals in höherer Stückzahl verfügbar sein. Letztes Jahr war es den Russen gelungen, das "Flamingo"-Produktionswerk zu zerstören. Dies war ein schmerzlicher Rückschlag für die Ukraine. Es dauerte, bis man mit der Produktion wieder beginnen konnte. Das Ergebnis sehen wir jetzt.

Die nächste Runde der von den USA vermittelten Gespräche zwischen der Ukraine und Russland wird Anfang März in Abu Dhabi erwartet. Könnte der Kreml militärisch so unter Druck geraten, dass er ernsthaft über Frieden verhandeln will?

Das hängt vor allem von den USA und Europa ab. Die Ukraine kämpft nach wie vor um ihr Überleben. Jede Hilfe aus den USA und Europa ist entscheidend. Die USA haben in ihrer neuen nationalen Sicherheitsstrategie und in der daraus begleiteten nationalen Verteidigungsstrategie festgelegt, dass Russland das "Problem" Europas ist. Europa müsse hier die Führungsrolle übernehmen. Der neue Krieg mit dem Iran wird weitere amerikanischen Ressourcen binden - Ressourcen, die nicht in die Ukraine geliefert werden können oder für ihre Operationsplanungen verfügbar sind. Das Schwergewicht der US-Satellitenaufklärung gilt derzeit dem Iran. Es gibt im Moment jedoch nur einen Staat, der Russland militärisch unter Druck setzen kann - und das ist die USA.

Der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte hat Angaben zur Effektivität von technischen Sperren an der Front gemacht - und spricht von einer "effektiven Bekämpfung des Feindes". Wie genau funktionieren diese Sperren?

Das Anlegen von Sperren verfolgt den Zweck, die Bewegung des Gegners zu verlangsamen und ihn gleichzeitig vor den Sperren abzunützen. Das Kalkül ist, dass der Angreifer in den Sperren seinen Angriffsschwung verliert und sich schließlich wieder zurückzieht. Dazu kommt ein ausgeklügeltes System an unterschiedlichen, sich immer wieder abwechselnden, Sperren zum Einsatz. Eine Kombination aus Minenfeldern, Panzergräben, Drachenzähnen, Panzerigeln, Stacheldraht, Schützengräben, befestigten Stützpunkten, Bunkern sowie Stellungen von schweren und weitreichenden Waffen. Dazwischen immer wieder Reserven, Angriffsdrohnentrupps, Panzerabwehrwaffen und beweglichen Sperrelementen. Gemeinsam bilden diese pioniertechnischen Maßnahmen über viele Kilometer verlaufende tiefe Verteidigungslinien.

Wo können die Russen momentan überhaupt noch vorstoßen?

Die circa 1300 Kilometer lange Front in der Ostukraine lässt sich grob in den Nord-, Mittel- und Südabschnitt unterteilen. Die russischen Truppen setzen hier insgesamt sechs operative Manövergruppen ein. Es sind dies in der Region Sumy und Charkiw Nord die Gruppierungen "Sever", in der Region Charkiw Ost und Luhansk die Gruppierungen "Zapad" und "Centr", in der Region Donezk die Gruppierungen "Yug" und "Vostok" und in der Region Zaporizhzhya die Gruppierungen "Dnepr". Die größten Erfolge erzielen im Moment die Gruppierungen "Centr" westlich von Siwersk und "Vostok" westlich von Huljajpole. Die Gruppierung "Vostok" steht jedoch an ihrer nördlichen beziehungsweise linken Flanke unter starkem Druck ukrainischer Angriffe südlich von Pokrowsk.

Wo toben zurzeit die heftigsten Kämpfe?

Am heftigsten wird auf der operativen Ebene derzeit an drei Stellen gekämpft. Im Nordbereich des Mittelabschnitts westlich von Siwersk bis Lyman. Hier versuchen die Russen bei Dibrowa durch ein großes Waldgebiet in Richtung Slawjansk vorzustoßen. Bei Kostjantiniwka im Zentrum des Mittelabschnitts versuchen die Russen von drei Seiten den Süden der Stadt einzunehmen. Und schließlich der Angriff der Russen im Südabschnitt von Huljajpole in Richtung Westen. Der Druck wurde hier do groß, dass die Ukrainer seit Anfang März versuchen in die Flanke der angreifenden Russen vorzustoßen.

Mit Markus Reisner sprach Lea Verstl

Quelle: ntv.de