Politik

Vor 26 Jahren Die Ausbürgerung Wolf Biermanns

Wolf Biermann hatte einen Traum. Der "Troubadour der deutschen Zerrissenheit" wird von der Stasi aus seiner Wohnung in der Berliner Chausseestraße 131 abgeholt, nach West-Berlin verfrachtet und am Kurfürstendamm zusammen mit seinen Möbeln auf die Straße gekippt.

Diese "Ballade vom Traum" schrieb der Liedermacher 1969 auf. Vor nunmehr fast 26 Jahren, am 16. November 1976, war es soweit, oder wenigstens so ähnlich. Die DDR ließ den rebellischen Poeten und Sänger nach einem Konzert in Köln nicht mehr zurück, erstmals seit dem Dritten Reich wurde ein Deutscher wieder ausgebürgert - zudem einer, dessen Vater, kommunistischer Widerstandskämpfer, in Auschwitz ermordet wurde. Für Stefan Heym war das ein Menetekel.

"Die zuständigen Behörden der DDR haben Wolf Biermann, der 1953 aus Hamburg in die DDR übersiedelte, das Recht auf weiteren Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik entzogen", tickerte aus heiterem Himmel die amtliche DDR-Nachrichtenagentur ADN an einem Novembernachmittag. "Mit seinem feindseligen Auftreten gegenüber der DDR hat er sich selbst den Boden für die weitere Gewährung der Staatsbürgerschaft der DDR entzogen. Sein persönliches Eigentum wird ihm - soweit es sich in der DDR befindet - zugestellt." Biermann hatte in Köln auch von dem "Ghetto Wandlitz" gesungen, "eingezäunt von Stacheldraht und Mauern, umzingelt von Kasernen".

Damit begann eine der folgenschwersten Episoden in der Geschichte der nur 40 Jahre existierenden DDR. Ein Sturm der Entrüstung selbst unter den prominentesten Schriftstellern und populärsten Künstlern, von Christa Wolf über Armin Mueller-Stahl bis Manfred Krug brach los. "Wir sagten plötzlich: Nee, erinnert sich die Schauspielerin Jutta Hoffmann.

Die Folgen dieser Ausbürgerung nach 13-jährigem Berufsverbot, ein beispielloser Exodus von Künstlern aus der DDR in den folgenden Jahren, ein geistiges Ausbluten noch vor dem staatlichen Ende, konnte niemand voraussehen. "Honecker nicht, ich nicht und die Schriftsteller auch nicht", meinte Biermann später. Sein engster Freund Robert Havemann war überzeugt davon, dass sie es nicht wagen würden, der Preis wäre zu hoch, meinte er. "Im Nachhinein ist jeder Dummkopf schlauer, aber sie haben sich tatsächlich furchtbar verhauen."

Nur für Biermann selbst sah das zunächst ganz anders aus: "Das Komische an der Tragödie war damals - ich erlebte diese Ausbürgerung als das Ende von Wolf Biermann", erinnert sich Biermann. "Ich habe es tief missverstanden als ein Unglück, eine groteske Fehleinschätzung." Und hätte er vorher nur eine leiseste Ahnung von der Absicht des SED-Politbüros gehabt, wäre er nicht gefahren, meint er heute rückblickend.

Und hätte sich wohl auch damit vermutlich keinen Gefallen getan. Biermann sinniert heute in Hamburg darüber nach, ob die weiteren dreizehn Jahre bis zum Mauerfall ihn nicht doch noch "weich gekocht" hätten. Bis zu seinem Rausschmiss jedenfalls hat er "die staatstragenden Tabus am Nasenring durch die Landschaft geführt und sie lachend nach seiner Gitarre tanzen lassen", wie es ein Mitstreiter formulierte.

Dafür flog er schon einmal raus - 1963 aus der SED, wegen "Klassenverrats und Obszönität". Dabei sei er nie ein "wasserdichter Held" gewesen, meint Biermann auch selbstkritisch. Die Frage sei nur: "Habe ich die Angst oder hat die Angst mich?"

Aber auch im Westen, wo ihm schließlich der Nationalpreis der Deutschen Nationalstiftung zuteil wurde, hat sich Biermann nicht nur Freunde gemacht. Als er Stefan Heym 1994 einen "aufsässigen Feigling" nannte, schlug der österreichische Bildhauer Alfred Hrdlicka zurück und nannte Biermann einen "Angeber, Opportunisten und Trottel, der die Fresse aufreißt".

Mit alten Feinden rechnete Biermann spektakulär schon 1991 bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preises ab. Die Verleihung nutzte er zur Abrechnung mit den Stasi-Zuträgern in der Ost-Berliner Literatenszene vom Prenzlauer Berg, der Fall Sascha Anderson stand am Anfang einer Stasi-Enttarnungslawine in der Literaturszene, von denen auch Heiner Müller und Christa Wolf nicht verschont blieben.

Dabei sah sich Biermann nie als "Rächer der Enterbten". Er stehe nur auf Seiten der Opfer, weil er selbst eines sei, und hasse "diese aggressive Herumlügerei" der "Karrierekünstler und davongekommenen Täter ", wozu er unter anderem Manfred Stolpe, Gregor Gysi und Markus Wolf gleichermaßen rechnete.

Bei allen politischen Auseinandersetzungen wird oft der begnadete Liedermacher und Lyriker übersehen mit zahlreichen Buch- und Plattenveröffentlichungen ("Die Drahtharfe", "Der Dra-Dra", "Chausseestraße 131", "Warte nicht auf bessere Zeiten", "Nur wer sich ändert bleibt sich treu"). Biermann und andere Autoren erinnern sich jetzt in dem von Fritz Pleitgen herausgegebenen Band "Die Ausbürgerung - Anfang vom Ende der DDR" (Ullstein Berlin).

Wilfried Mommert, dpa

Quelle: n-tv.de