Politik

Mueller, Manafort und Trump Die große Russland-Show beginnt

d357815eaf9e6e326399ec0f34d49148.jpg

Paul Manafort ist eine Schlüsselfigur in der Russland-Affäre um Donald Trump.

(Foto: REUTERS)

Woher kam das Geld für Manafort und warum schleuste er es an den Behörden vorbei? Heute beginnt der erste Prozess gegen Trumps Ex-Wahlkampfmanager. Sie könnten Sonderermittler Mueller Beweise gegen den Präsidenten liefern.

Cleveland, Juli 2016. Die republikanischen Delegierten haben Donald Trump zum Präsidentschaftskandidaten ihrer Partei gekürt. Der Unternehmer steht am Pult und probt Gesten für seine Abschlussrede, daneben seine Tochter Ivanka, ganz in Rot. Dahinter, die Augen überall, läuft sein Wahlkampfmanager Paul Manafort hin und her. Irgendwann geht er ganz nah an Trumps Tochter heran und sagt ihr eindringlich etwas. Jedes Detail soll perfekt sein, denn sein größtes Werk ist nur noch den Schlussakkord entfernt: bei der Wahl im November einen Präsidentschaftskandidaten ins Weiße Haus zu bringen. Es ist das, was Manafort kann: Er komponiert Macht.

Schon einen Monat später ist alles vorbei - für ihn. Am 19. August tritt er als Trumps Wahlkampfmanager zurück. Details über seine beruflichen Verbindungen zu Ukraines Ex-Präsident Viktor Janukowitsch waren bekannt geworden. Janukowitsch, der auf dem Maidan Scharfschützen auf Demonstranten schießen ließ und nach Russland floh.

Trump lässt Manafort fallen. Für den erfolgsverwöhnten Lobbyisten ist es der Auftakt zu bislang zwei Jahre andauernden Ermittlungen gegen ihn, erfolglosen Ausweichmanövern und verzweifelten Rettungsversuchen. Manafort hatte mehrere Häuser, Millionen Dollar, ein über Jahrzehnte gepflegtes Netzwerk in Washingtons höchsten republikanischen Kreisen. Nun steht der Diktatorenflüsterer vor Gericht. Am heutigen Dienstag beginnt gegen ihn im US-Bundesstaat Virginia der erste Prozess. Angeklagt wurde der Lobbyist von Robert Mueller, dem Sonderermittler in der Russland-Affäre. Mueller hat ein Interesse an Manafort, weil er bei ihm Informationen vermutet, die US-Präsident Donald Trump belasten können: Hat der Präsident Absprachen mit der russischen Führung getroffen, die ihn ins Weiße Haus brachten? Das ist die Grundfrage.

Korruptionsliste aus Kiew

Unter der Lupe sind zunächst Manaforts Finanzen. Der Lobbyist soll auch mit Hilfe von Offshore-Konten 75 Millionen US-Dollar an den US-Behörden vorbeigeschleust haben und muss sich deshalb unter anderem wegen Steuerhinterziehung und Bankbetrug verantworten. Viel Geld soll auch vom prorussischen Janukowitsch geflossen sein - als Gegenleistung für Manaforts erfolgreiche Hilfe bei der ukrainischen Präsidentschaftswahl 2014.

Eine in Kiew aufgefundene handschriftliche Liste über Schwarzgeldzahlungen brachte die Ermittler auf ihre Spur. Manafort behauptet, das Schriftstück sei gefälscht und er habe die dort aufgeführten 12,7 Millionen Dollar nie erhalten. Auf dem Dokument sind rund 20.000 Einträge zu finden, denen zufolge auch Millionen Dollar Schmiergelder an ukrainische Medien, Gerichte und die nationale Wahlkommission gingen. Janukowitsch widerspricht derweil allen Korruptionsvorwürfen.

Im ersten Prozess will die Anklage innerhalb von drei Wochen angesetzter Verhandlungsdauer rund 30 Zeugen aufrufen. Fünf davon arbeiten US-Medien zufolge im Finanzsektor, ihnen wurde im Gegenzug für ihre Aussagen Immunität zugesichert. Der prominenteste Zeuge ist Manaforts ehemaliger Partner Rick Gates. Die beiden arbeiteten gemeinsam für Janukowitsch. Gates hatte sich bereits vor einiger Zeit mit Mueller geeinigt. Wird der 69-jährige Manafort in allen Punkten schuldig gesprochen, erwarten Juristen im ersten Prozess eine Strafe von etwa 15 Jahren Haft.

Diese Zahl kann sich mehr als verdoppeln, denn im September folgt in Washington der zweite, brisantere Prozess. Die Vorwürfe, die dann in der Hauptstadt verhandelt werden, lauten im Zusammenhang mit seiner Arbeit in der Ukraine: Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten, Verschwörung zur Geldwäsche, unregistrierte Aktivität als Vertreter einer ausländischen Regierung, Falschaussagen, Justizbehinderung und Verschwörung zur Justizbehinderung. Bei einem Urteil gegen Manafort erwarten Juristen weitere 20 Jahre Haft.

Kein Deal mit Mueller

In den vergangenen zwei Jahren versuchte Manafort, Muellers Ermittlungen zu entgehen: Er ging zum juristischen Gegenangriff über und warf dem Ermittler Kompetenzüberschreitung vor. Er beeinflusste Zeugen, damit sie nicht gegen ihn aussagen, wurde dabei erwischt und verhaftet. Manafort erklärte sich trotzdem für unschuldig und verweigerte einen Deal mit Mueller. Aus welchem Kalkül, ist unklar. Hat Trumps ehemaliger Wahlkampfmanager plötzlich seine Nibelungentreue entdeckt? Übt jemand so viel Druck auf Manafort aus, dass der es vorzieht, ins Gefängnis zu gehen? Ist es Putin? Trump selbst? Sind es russische Oligarchen? Womöglich auch andere Geister der Vergangenheit, von seinen umstrittenen Engagements bei Militärherrschern und Diktatoren in Somalia, im damaligen Zaire, auf den Philippinen oder beim angolanischen Rebellenführer Savini?

Für Mueller ist der erste Prozess die Ouvertüre für den entscheidenden zweiten: Wenn über den Weg des Geldes juristische Klarheit herrscht, schließen sich womöglich auch andere Beweisketten. Eine davon könnte ins Weiße Haus reichen und Manafort könnte dafür die entscheidenden Bindeglieder liefern. Deshalb ist er eine, wenn nicht die Schlüsselfigur in den Nachforschungen zur Russland-Affäre. Der Lobbyist hat deutlich sichtbare Verbindungen in Richtung Moskau, er ist zugleich in Washington gut vernetzt und kennt Trump seit Jahrzehnten.

Manafort war im Juni 2016 beim Treffen von Trump Junior mit Russen im New Yorker Trump Tower dabei, über das der Präsident erst im Nachhinein informiert worden sein will. Dort wurden dem Trump-Team Informationen der russischen Regierung angeboten, welche angeblich die Präsidentschaftskandidatin der US-Demokraten, Hillary Clinton, belasteten.

Bemerkenswerterweise zahlte Trump offiziell nie etwas für Manafort, der seine Dienste gratis geleistet haben soll. Warum? Wollte der Lobbyist seine Karriere krönen und einen Job in einer möglichen Regierung? Wurde er aus dem Ausland bezahlt? Möglicherweise für zukünftigen Einfluss an höchster Stelle? Dann könnten Manaforts Millionen auf Offshore-Konten aufschlussreich sein. Vor zwei Jahren, wenige Tage nach Trumps Wahl zum republikanischen Kandidaten, äußerte er sich beim TV-Sender CBS dazu. Die Journalistin fragt ganz direkt: "Mister Trump hat keine finanziellen Beziehungen zu russischen Oligarchen?" Manafort wirkte nervös und rang sich eine haspelige Antwort ab: "Das hat er gesagt. Das habe ich gesagt. Das ist offenbar die Lage."

Wer weiß, welche Strategie er und seine Anwälte für die beiden anstehenden Prozesse ausgearbeitet haben. Manafort könnte den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen. Er könnte auch Trump mit in den Abgrund reißen. Der sagte bereits, er schließe nicht aus, Manafort unter Umständen per präsidentiellem Erlass zu begnadigen. Ist das ein Angebot im Gegenzug für Loyalität? Wie dem auch sei, selbst hinter Gittern kann Wissen viel wert sein.

Quelle: ntv.de