Elfenbeinküste: Frankreich greift einEntscheidung in Abidjan naht

Der Machtkampf in der Elfenbeinküste steht vor einer Entscheidung. Truppen des anerkannten Wahlsiegers Ouattara stehen vor der Wirtschaftsmetropole Abidjan. Der Militärchef des abgewählten Präsidenten Gbagbo flieht in eine Botschaft. Auch andere Soldaten desertieren. Derweil patrouillieren französische Truppen in der Stadt.
Im westafrikanischen Staat Elfenbeinküste stehen die Truppen des international anerkannten Wahlsiegers Alassane Ouattara vor dem entscheidenden Schlag gegen die alte Machtelite. Die Einheiten des im November abgewählten Präsidenten Laurent Gbagbo erlitten nach wochenlangen Kämpfen schwere Niederlagen. Ouattaras Anhänger nahmen den weltweit größten Kakao-Exporthafen San Pedro ein und erreichten Vororte der Wirtschaftsmetropole Abidjan. Der Weltsicherheitsrat in New York verhängte derweil einen Katalog von Strafmaßnahmen gegen den alten Machthaber Gbagbo.
Ouattara sagte in einer von Radio und Fernsehen übertragenen Ansprache, seine Getreuen kämpften weiterhin dafür, "die Demokratie zu retten und dem Willen des Volks Gehör zu verschaffen". Sein Regierungschef Guillaume Soro erklärte dem französischen Fernsehsender France 24, Abidjan solle belagert werden, bis Gbagbo sich geschlagen gebe. In einem Viertel der Stadt marschierten nach Plünderungen französische Soldaten auf. Ouattara hat in Abidjan, der von der Wahlkommission zum Sieger der Präsidentenwahl im vergangenen November erklärt wurde, sein Hauptquartier. Gbagbo weigert sich trotz Sanktionen, die Macht zu übergeben.
Der Chef der Gbagbo-treuen Streitkräfte, Phillippe Mangou, flüchtete in Abidjan in die Residenz der südafrikanischen Botschaft. Dies bestätigte die südafrikanische Regierung in Pretoria. Der Armeechef war bis zuletzt loyal zum amtierenden Präsidenten Gbagbo gewesen. Der General sei am Mittwochabend mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in die Botschaft gekommen, hieß es. Nach Berichten französischer Medien sollen sich weitere Generäle zu den Südafrikanern geflüchtet haben. Der Chef der UN-Mission UNOCI, Choi Young Jin, sagte dem Fernsehsender France Info, 50.000 bewaffnete Polizisten und Gendarmen hätten Gbagbo "verlassen". Dieser habe nur noch um den Präsidentenpalast und seine Residenz herum postierte "Spezialkräfte" zur Verfügung.
In Abidjan herrscht Angst
"Die Kämpfer von (Ouattaras) FRCI haben die Kontrolle über die Stadt", sagte ein Augenzeuge in einem Telefongespräch aus San Pedro. Abgesehen von gelegentlichen Schusswechseln sei es ruhig. "Gbagbos Soldaten werfen ihre Uniformen und Waffen weg und fliehen", sagte der Mann, der im Hafen von San Pedro arbeitet und anonym bleiben wollte. Zuvor hatten Ouattaras Truppen bereits in einem überraschend schnellen Vormarsch die Hauptstadt Yamoussoukro unter ihre Kontrolle gebracht.
Auch französische Soldaten der 900 Mann starken Mission "Licorne" greifen Medienberichten zufolge in den Konflikt ein. Sie patrouillierten im Süden von Abidjan, wie die Korrespondentin des französischen TV-Senders BFM, Nadia Dellaire, aus der Stadt berichtete. In der Gegend leben viele Europäer, vor allem Franzosen. Der Einsatz weckt Erinnerungen an das Jahr 2004: Damals hatten ivorische Kampfflugzeuge französische Soldaten angegriffen und neun von ihnen getötet. Frankreich zerstörte die Kampfflieger, worauf gewaltsame Proteste folgten.
In Abidjan wächst die Furcht, zwischen die Fronten zu geraten. "Viele Menschen sind heute in Abidjan nicht zur Arbeit erschienen, die meisten Geschäfte sind geschlossen", berichtete ein französischer Journalist aus der Metropole. Es herrsche Angst in Abidjan. Wer könne, verlasse die Stadt. In Abidjan lebende Franzosen berichteten am Telefon, die Lage in der Stadt sei sehr angespannt. Es gebe viele Jugendliche, die Straßensperren errichteten. Die meisten Geschäfte seien geschlossen. In einer Gendarmerie-Kaserne seien Schüsse zu hören gewesen. Tausende Mitglieder von Gbagbos Bewegung der "Jungen Patrioten" hatten sich in den vergangenen Wochen zur Armee gemeldet. Sie machen nun Jagd auf Anhänger Ouattaras.
Sanktionen gegen Gbagbo
Der Weltsicherheitsrat in New York verhängte unterdessen am Mittwochabend einen Katalog von Strafmaßnahmen gegen Gbagbo, dessen Frau Simone und die engsten Vertrauten. Dazu gehören Reiseverbote, zudem sollen die Auslandskonten der Familie eingefroren werden. Gbagbo könne die Sanktionen noch abwenden, wenn er endlich sein Amt dem Wahlsieger Alassane Ouattara zur Verfügung stelle, hieß es in der Resolution.
Nach Schätzungen der Vereinten Nationen haben die Kämpfe zwischen den Anhängern von Gbagbo und Ouattara bisher etwa 500 Todesopfer gefordert. Etwa eine Million Menschen befänden sich auf der Flucht.