Politik

Wut nach Bergwerksunglück Erdogan erzürnt die Massen

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Auch wie hier in Soma kippten andernorts die Proteste schnell in Gewalt.

(Foto: AP)

Die schwerste Bergwerk-Katastrophe in der Geschichte der Türkei mit bislang 274 Toten löst Proteste gegen die Regierung aus. Die Polizei geht gewaltsam gegen die Demonstranten vor. Regierungschef Erdogan hatte die Katastrophe als "normalen Unfall" abgetan.

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In den vergangenen Stunden wurde niemand mehr lebend aus der Mine geborgen.

(Foto: dpa)

Nach dem verheerenden Grubenunglück in der Türkei brechen sich Trauer und Wut gegen die Regierung Bahn. In Ankara und Istanbul demonstrierten am Abend Tausende Menschen gegen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Die Demonstranten marschierten von der Einkaufsmeile Istiklal Caddesi in Richtung des Taksim-Platzes in Istanbul. In Sprechchören forderten sie den Rücktritt der Regierung.

Die Zahl der Toten bei dem Grubenunglück in Soma stieg nach Angaben von Energieminister Taner Yildiz vom späten Abend auf 274. Damit ist die Katastrophe von Soma schon jetzt das schwerste Grubenunglück in der Geschichte des Landes. Allerdings werden noch immer Dutzende Kumpel vermisst. Für sie besteht kaum noch Hoffnung. Beim bisher schwersten Unglück in der Türkei waren 1992 in einem Bergwerk in Zonguldak nach einer Gasexplosion 263 Kumpel gestorben.

Die Demonstranten hielten Plakate in die Höhe, auf denen in Anspielung auf die zahlreichen Toten stand: "Kein Unfall - Mord". Auch Gewerkschaften hatten von "Massenmord" in der Zeche gesprochen. Als die Demonstranten Feuerwerkskörper und Steine auf die Polizisten warfen, ging die Polizei mit Tränengas, Wasserwerfern und Gummigeschossen gegen die Menge vor. Es soll zahlreiche Festnahmen gegeben haben. Spontane Kundgebungen gab es auch andernorts.

Erdogan relativiert die Katastrophe

Erdogan hatte am Nachmittag in Soma die Demonstranten erzürnt, als er bei der Katastrophe von einem "Betriebsunfall" sprach, der "immer und überall auf der Welt passieren" könne. Dutzende aufgebrachte Einwohner demonstrierten nahe dem Gebäude, in dem der Regierungschef seine Pressekonferenz hielt. Sie versetzten seinem Auto Fußtritte und forderten den Rücktritt der Regierung.

Erdogan wies Kritik an den technischen Anlagen in der Grube zurück. Das Bergwerk sei auf dem neuesten Stand der Technik gewesen. Auch habe es aus Sicht der Gesundheit für die Arbeiter dort keine Beanstandungen gegeben. Dafür gebe es hinreichende Beweise, denn das Bergwerk habe einer ständigen Kontrolle unterlegen.

Erdogan verwies in seiner Pressekonferenz darauf, dass es zwar ein trauriger Tag für die Türkei sei und er in diesen Stunden mit den Angehörigen der toten, verletzten und immer vermissten Kumpel sei. Er verwahrte sich gegen mögliche Versuche der Opposition, das Unglück jetzt als "Symbol eines maroden Staates" zu missbrauchen. Erdogan bemühte die Geschichte und zählte eine schier endlos lange Reihe von Bergwerkunglücken aus der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die frühen 1960er Jahr auf, die "überall in den Bergbauregionen der Welt" geschahen. "Sogar in Amerika, in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dieses Unglück, so traurig es uns stimmt, ist in erster Linie ein Betriebsunfall, wie er auch anderen Betrieben passieren kann."

Gewerkschaft spricht von "Massaker"

Die Oppositionspartei CHP war erst vor wenigen Wochen im Parlament mit dem Versuch gescheitert, Zwischenfälle in der Grube von Soma untersuchen zu lassen: Erdogans Partei AKP bügelte den Antrag ab. Der Chef der Betreiberfirma von Soma soll der AKP nahestehen.

Für den linken Gewerkschaftsbund DISK ist das Unglück von Soma deshalb ein "Massaker", wie der Vorsitzende Kani Beko sagt. In Gruben wie in der von Soma seien ganze Ketten von Subunternehmern am Werk, die nicht vernünftig kontrolliert würden. Sicherheitsvorschriften würden außer Acht gelassen: "Es geht nur um den Gewinn."

Die Regierung in Ankara rief wegen des Unglücks eine dreitägige Staatstrauer aus. Im ganzen Land und an den Vertretungen im Ausland wurden die Flaggen auf halbmast gesetzt. Ursache der Katastrophe war eine Explosion der Stromanlage, die ein Feuer auslöste. Wegen des Stromausfalls konnten die Bergleute nicht über die Aufzüge an die Oberfläche gelangen.

Fauxpas vom "süßen Tod"

Die Grube in Soma ist einer der größten Arbeitgeber der Region in der Provinz Manisa. Rund 6500 Kumpel arbeiten hier. Beim Schichtwechsel am Dienstagnachmittag befanden sich mehrere Hundert von ihnen in der Grube, als rund 400 Meter unter Tage ein Transformator explodierte und in Brand geriet. Der Strom in der Grube fiel aus, die Aufzüge und die Luftzufuhr für die Arbeiter funktionierten nicht mehr. Tödliches Kohlenmonoxid breitete sich in der Grube aus.

Noch immer schicken die Behörden Rettungsteams in die Grube, die versuchen sollen, den Brand unter Tage zu löschen und die eingeschlossenen Bergarbeiter mit Frischluft zu versorgen. Das ganze Land fiebert mit und hofft auf gute Nachrichten. Im Fernsehen sorgte derweil ein Experte für wütende Reaktionen der Zuschauer, als er die Folgen einer Monoxid-Vergiftung unter Tage als "süßen Tod" bezeichnete, bei dem der Betroffene keinerlei Schmerzen spüre.

Quelle: ntv.de, ppo/dpa/AFP

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