Politik

Nase voll von Deutschland Fachkräfte wandern ab

Hunderttausende gut ausgebildete Fachkräfte haben Deutschland in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt. Migrationsforscher schlagen Alarm und warnen vor den gravierenden Folgen. Für qualifizierte Zuwanderer ist Deutschland nicht attraktiv genug - sie machen einen Bogen um unser Land.

weg.jpgMigrationsforscher schlagen Alarm und warnen vor den gravierenden Folgen einer Abwanderung von Fachkräften. Nach einer Studie des Sachverständigenrats für Integration und Migration verlassen jährlich zehntausende Fachkräfte im besten Erwerbsalter Deutschland. Nur wenige kehrten zurück. "Die "Firma" Deutschland hat Personalprobleme", sagte Klaus J. Bade, Vorsitzender des im Oktober 2008 gegründeten Rats, am Dienstag in Berlin.

Deutschland müsse attraktiver für qualifizierte Zuwanderer werden. Wenn es jetzt in der Wirtschaftskrise nicht gelinge, die negative Wanderungsbilanz zu verbessern, werde der ohnehin harte Weg aus der Krise weiter erschwert. Die Auswanderer seien deutlich besser qualifiziert als die Erwerbsbevölkerung in Deutschland. Die Qualifikation der ausländischen Zuwanderer liege unter diesem Niveau. Die Politik habe die Entwicklung lange verschlafen.

Seit 2003 sind laut Studie fast 180.000 Fachkräfte - nach Abzug der Rückkehrer - in andere Industriestaaten ausgewandert. "Die Fortzüge deutscher Staatsangehöriger sind in den letzten Jahren rasant gestiegen." Seit über 15 Jahren übersteige die Zahl der Fortzüge diejenige deutscher Rückwanderer. 2007 lag den Angaben zufolge der negative Wanderungssaldo bei 55.000. Beliebte Auswanderungsziele sind nach wie vor Skandinavien, die Schweiz, Australien und Neuseeland.

Ausgebildete Ärzte gehen

Ein besonderes Problem seien Mediziner. Allein 2008 seien 3065 vorwiegend in Deutschland ausgebildete Ärzte gegangen. Insgesamt praktizierten derzeit rund 19.000 deutsche Ärzte im Ausland, während in den neuen Ländern der Ärztemangel dramatische Dimensionen annehme. Nach Berechnungen des Münchner ifo-Instituts liegen die fiskalischen Folgekosten pro Arzt bei einer Million Euro. Auch wenn nur ein Drittel der Ärzte im Ausland bleibe, entgingen dem deutschen Staat allein für die 2008 abgewanderten Ärzte und ohne Berücksichtigung der Ausbildungskosten knapp 1,1 Milliarden Euro.

arzt.jpgDer Sachverständigenrat forderte ein flexibles, am Arbeitsmarkt orientiertes Zuwanderungssystem, das die benötigten Fachkräfte nach einem Punktesystem auswählt. Deutschland müsse um hoch qualifizierte Fachkräfte werben. "Wir haben keine Willkommenskultur", sagte Bade. Ausländische Bildungsabschlüsse müssten einfacher anerkannt werden. Wenn ein Feststoffphysiker Taxi fahre, sei das eine Verschleuderung von Humankapital, kritisierte Bade. Deutschland müsse auch darum werben, dass ausländische Absolventen deutscher Hochschulen hier blieben.

Der Sachverständigenrat, dem neun Wissenschaftler angehören, ist von acht führenden Stiftungen gegründet worden. Er ist von staatlichen Zuwendungen unabhängig und will die Politik kritisch begleiten.

Quelle: ntv.de, dpa