Politik

HintergrundFischers alte Militanz: 1973 und 1976

08.01.2001, 18:36 Uhr

Bundesaußenminister Joschka Fischer hat sich nach eigenen Angaben "im deutschen Herbst 1977" von der Gewalt abgewandt. Der Herbst des Jahres 1977 gilt als Höhepunkt des Terrorismus in Deutschland. Im September 1977 wurde Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von einem RAF-Kommando entführt und schließlich getötet.

Die Vorwürfe gegen Fischer beruhen auf Vorfällen im Frankfurt der Jahre 1973 und 1976. Der Fotograf Lutz Kleinhans hielt am 7. April 1973 am Rande einer Demonstration eine Attacke auf einen einzelnen Polizisten fest, an der Fischer offenbar maßgeblich beteiligt war.

Fischer und die anderen Schläger wurden seinerzeit von einem zweiten Polizisten vertrieben, der mit gezogener Pistole dazueilte. Die "FAZ", in der die Bilder damals erschienen, fühlt sich heute "an den verheerenden Angriff deutscher Hooligans auf den französischen Polizisten Daniel Nivel" während der letzten Fußball-Weltmeisterschaft erinnert.

Den Angriff auf den Polizisten bestreitet Fischer nicht. Der Mann, der damals wohl sein Opfer war, hat ihm ohnehin längst verziehen. Der "Bild am Sonntag" sagte er: "Es bekommt ja nicht jeder was vom Außenminister auf die Mütze."

Ein zweiter Vorwurf ist weniger leicht aus der Welt zu schaffen. Die Journalistin Bettina Röhl hat angekündigt, Strafanzeige gegen Fischer wegen versuchten Mordes zu erstatten. Ihre Recherchen lassen für sie "keinen Zweifel aufkommen, dass ein Anfangsverdacht wegen versuchten Mordes gegen Josef Martin Fischer eröffnet ist", so Röhl.

Röhl, Tochter der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof, bezieht sich auf einen Angriff mit einem Molotow-Cocktail im Jahre 1976. Im "Spiegel" räumte Fischer zwar ein, im Frankfurter Straßenkampf der 70er Jahre eine "wichtige, vielleicht sogar 'zentrale Rolle' " gespielt zu haben. Fischer bestreitet jedoch, jemals selbst Molotow-Cocktails eingesetzt zu haben.

Von anderer Seite wird Fischer allerdings vorgeworfen, für den Einsatz von Molotow-Cocktails zumindest mitverantwortlich zu sein. Sein Biograf Christian Schmidt, selbst ehemaliger Straßenkämpfer, sagte bei n-tv, Fischer habe im Mai 1976 eine Versammlung von Militanten geleitet, auf der über den Einsatz von Molotow-Cocktails diskutiert worden sei. Am 9. Mai war Ulrike Meinhof in ihrer Zelle erhängt aufgefunden worden; die linke Szene, zu der auch Fischer gehörte, glaubte allgemein an einen Mord.

Wegen des "Mordes an Ulrike" habe ein Mehrheit der Versammlung am 9. Mai 1976 für den Einsatz von Brandflaschen plädiert, so Schmidt. Fischer habe sich anfangs zurückgehalten. Als er gemerkt habe, dass die Mehrheit Gewalt befürworte, habe Fischer sich schließlich ebenfalls dafür ausgesprochen. Schmidt beruft sich auf einen Informanten, der bei der Versammlung anwesend gewesen sei.

Auf der Demonstration am folgenden Tag ging nach Würfen mit Molotow-Cocktails ein Polizeifahrzeug in Flammen auf. Ein Polizist erlitt dabei schwere Brandverletzungen. Laut "Welt " schrie der Polizist seinem Kollegen zu: "Erschieß mich, erschieß mich, ich halte die Schmerzen nicht aus." Das Brandopfer selbst will sich nicht öffentlich äußern, sein Kollege von damals richtet heute jedoch schwere Vorwürfe gegen den Außenminister: "Fischer ist moralisch verantwortlich für das, was mir und meinem Kollegen passierte."

Fischer bestreitet, etwas mit diesem Überfall zu tun zu haben. Er wurde vier Tage später als einer von 14 Tatverdächtigen festgenommen, blieb jedoch nur knapp zwei Tage in Haft. Anklage gegen ihn wurde nicht erhoben.

Das will Röhl nun nachholen lassen.