Politik

Umstrittenes Ritual Grüne kämpfen für Beschneidung

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Juden beschneiden Jungen in der Regel in den ersten acht Tagen nach der Geburt.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Das Kölner Beschneidungsverbot verunsichert die Religionsgemeinschaften. Der Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner sieht darin einen Teil eines antisemitischen Trends in Europa, der auch schon die deutsche Bevölkerung erfasst hat. Die Grünen wollen diesem Eindruck nun entgegentreten.

Nachdem das Landgericht Köln als erstes Gericht in Deutschland im vergangenen Monat die Beschneidungen sind strafbar , herrscht unter Juden und Muslimen Verunsicherung. Denn für andere Gerichte ist das Urteil nicht bindend. Die Grünen wollen nun für Rechtssicherheit sorgen - im Sinne der Religionsfreiheit.

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Goldschmidt: "Sollte das Urteil Bestand haben, sehe ich für die Juden in Deutschland keine Zukunft."

(Foto: dpa)

In einem Gastbeitrag für die "Berliner Zeitung" schreiben der parlamentarische Geschäftsführer Volker Beck und die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast: "Nach unserer Überzeugung ist der körperliche Eingriff einer Vorhautbeschneidung bei Jungen mit Einwilligung und vorliegender Einvernehmlichkeit der Eltern bei Einhaltung hygienischer und medizinisch-fachlicher Standards keine Straftat." Die Politiker vergleichen die Beschneidung angesichts der geringen Folgen mit dem Stechen von Ohrlöchern und machen deutlich, dass sie den Eingriff für etwas gänzlich Anderes als die brutale "Ich bin noch immer traumatisiert" halten.

Beck und Künast heben zudem hervor: "Zur Bundesrepublik Deutschland gehört das Judentum und der Islam ebenso wie das Christentum." Zusammen mit anderen grünen Abgeordneten wollen sie die Bescheidung von Jungen darum zum Thema im Bundestag machen. Sie hoffen auch auf eine höchstrichterliche Entscheidung durch den Bundesgerichtshof oder das Bundesverfassungsgericht.

"Existenz der Jüdischen Gemeinschaft in Frage gestellt"

Wie sehr das Kölner Urteil die Religionsgemeinschaften besorgt, zeigte die Reaktion der Konferenz Europäischer Rabbiner. "Ein Verbot der Beschneidung stellt die Existenz der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland infrage", sagte der Präsident des Verbandes, der Moskauer Rabbiner Pinchas Goldschmidt. "Sollte das Urteil Bestand haben, sehe ich für die Juden in Deutschland keine Zukunft." Das Schächtverbot der Nationalsozialisten sei ein Zeichen für viele Juden gewesen, "wir müssen weg aus Deutschland", sagte Goldschmidt. Ein Beschneidungsverbot wäre angesichts der Bedeutung dieses Brauchs ein viel stärkeres Zeichen.

Goldschmidt zeichnete ein düsteres Bild, sah in dem Urteil nicht nur die Einzelentscheidung eines Gerichts, sondern einen europaweiten Trend. Das Urteil sei Teil einer Folge von Angriffen auf religiöse Minderheiten auf dem Kontinent, sagte Goldschmidt. Dazu gehörten die Einschränkungen für den Minarettbau in der Schweiz, das Burkaverbot in Frankreich sowie das Schächtverbot in den Niederlanden.

"Wir können nicht auf Karlsruhe warten"

Es sei erschreckend, dass nach Umfragen eine Mehrheit der Bevölkerung das Kölner Urteil begrüße, sagte Goldschmidt. Nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid von Anfang Juli trifft das auf 56 Prozent der Deutschen zu. Das weise daraufhin, dass Muslime und Juden in Europa nicht mehr "salonfähig" seien. Im 19. Jahrhundert sei der Antisemitismus noch religiös definiert worden. "Die neue Sprache des Antisemitismus ist die Sprache der Menschenrechte", sagte Goldschmidt.

Das Landgericht Köln sprach sich für das Verbot aus, weil die Beschneidung das Selbstbestimmungsrecht des Kindes verletzte.

Goldschmidt geht trotzdem davon aus, dass die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen künftig gesetzlich in der Bundesrepublik verankert wird. Doch ein Dilemma bleibt. Was tun bis es soweit ist. Die rechtlichen Überlieferungen des Judentums (Halacha) schreiben die Bescheidung binnen acht Tagen nach der Geburt eines Jungen vor. In dieser Frage gebe es absolute Einigkeit zwischen orthodoxen und liberalen Juden, sagte Goldschmidt. "Keiner von uns kann warten, bis Karlsruhe entscheidet", hieß es bei der Rabbinerkonferenz.

Quelle: n-tv.de, ieh/dpa

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