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Genitalverstümmelung auch in Deutschland "Ich bin noch immer traumatisiert"

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Beschneidung ohne Narkose: Wie diesem Mädchen aus Somalia ergeht es weltweit rund drei Millionen Mädchen im Jahr.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Im Alter von sechs Jahren wurde Havilatou Bah Opfer einer Beschneidung. Die Folgen quälen sie noch immer. Mit Entsetzen musste die gebürtige Guineerin feststellen, dass die Genitalverstümmelung auch in ihrer neuen Heimat ein Thema ist. Mit n-tv.de sprach die heute 20-Jährige über folgenschweres Traditionsbewusstsein in ihrer Berliner Community und gefährliche Schlupflöcher im deutschen Recht. Mit einem Gesetzentwurf wollen die Grünen den Missstand jetzt bekämpfen.

n-tv.de: Sie sind in Guinea aufgewachsen. Schon im Alter von sechs Jahren ließen Ihre Eltern Sie beschneiden. Haben Sie den Eingriff damals als Unrecht empfunden?

Havilatou Bah: Nein. In Guinea werden fast alle Mädchen beschnitten, das ist ein üblicher Brauch. Als ich die Operation überstanden hatte, gab es ein Fest bei uns zu Hause. Familie und Freunde tanzten. Ich durfte mir ein Mittagessen wünschen. Meine Eltern waren stolz auf mich.

Waren auch Sie stolz auf sich?

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Havilatou Bah lebt seit 2008 in Deutschland. In Guinea ist sie als sechsjähriges Mädchen selbst Opfer einer Beschneidung geworden.

Die Beschneidung war wie eine Prüfung. Ich bekam keine Betäubung. Trotzdem durfte ich nicht weinen. Denn wenn ein Mädchen dabei weint, bringt es Schande über seine Familie. Das Mädchen muss stark sein. Ja, als ich die Beschneidung überstanden hatte, war auch ich stolz auf mich. Außerdem war ich danach frei. Ein unbeschnittenes Mädchen gilt in Guinea als nicht sauber. Es darf nicht mit anderen Kindern spielen oder Essen für seinen Papa kochen.

Wann haben Sie begriffen, was Ihre Familie hnen angetan hat?

Als ich das erste Mal mit einem Mann geschlafen habe. Ich spürte nichts. Darunter leide ich bis heute.

Nehmen Sie Ihrer Familie das heute übel?

Manchmal bin ich ihnen böse. Aber ich kann sie auch verstehen. Bei meiner Großmutter war es schon so. Bei meiner Mutter. Man kann seine Traditionen nicht einfach vergessen.

Laut der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" droht rund 5000 Töchtern von Zuwanderern eine Beschneidung. Was haben Sie für Erfahrungen in der guineischen Community in Berlin gemacht?

Viele Männer aus Guinea, die hier leben, bringen ihre traditionelle Denkweise mit. Sie wollen keine unbeschnittene Frau. Auch im Gespräch mit Müttern spüre ich, dass viele den Brauch befürworten. Sie sagen: "Wenn du nicht beschnitten bist, bist du nicht sauber. Wenn du nicht beschnitten bist, bist du eine Hure." Die meisten Zuwanderer aus Guinea haben die Erfahrung gemacht, dass eine unbeschnittene Frau kein gutes Leben führen kann. Niemand will sie heiraten, ihr Umfeld meidet sie. Das hat sich bei ihnen eingeprägt.

Haben Zuwanderer aus Guinea ihre Kinder, die sie in Deutschland zur Welt gebracht haben, beschneiden lassen?

Viele haben das gemacht. Und viele wollen es noch tun.

Die Grünen setzen auf mehr Abschreckung. Wer seine Tochter in Deutschland beschneiden lässt, soll für eine schwere, nicht mehr nur eine gefährliche Körperverletzung angeklagt werden. Zudem soll die Genitalverstümmelung in den Katalog der Auslandsstraftaten kommen. Mitunter können Eltern derzeit noch auf Straffreiheit hoffen, wenn sie ihr Kind in ihrer alten Heimat beschneiden lassen. Was halten Sie davon?

Die Idee ist gut, aber das Gesetz allein reicht nicht aus. Schon heute verrät niemand aus der Community, wenn er bei seinem Urlaub in der Heimat seine Tochter beschneiden lässt. Auch die Opfer schweigen. Jugendämter sollten regelmäßig bei Kindern nachfragen. Zudem müssen Kinderärzte bei ihren Routineuntersuchungen auch überprüfen, ob ein Mädchen beschnitten worden ist.

Sie leben seit 2008 in Deutschland. Sie lernen die Sprache, bereiten sich auf eine Ausbildung vor. Welche Rolle spielt das Thema Genitalverstümmelung heute noch für Sie?

Ich muss jeden Tag an meine Beschneidung denken. Ich erinnere mich an die roten Gewänder der Frauen, die mich beschnitten. Ich erinnere mich an die Schmerzen. Ich bin noch immer traumatisiert. Darum will ich verhindern, dass es anderen Frauen ergeht wie mir. Eines Tages möchte ich nach Guinea zurückkehren und gegen diesen Brauch kämpfen.

Mit Havilatou Bah sprach Issio Ehrich

Quelle: n-tv.de

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