Politik

An einem Tisch mit Peer Steinbrück Herr Tur Tur trifft die Bürger

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Peer Steinbrück im Gespräch mit Peter Kloeppel (l.), Theaterbesitzer Corny Littmann (r.) und Henrike Köber, die eine Wohnanlage für Senioren leitet.

(Foto: dpa)

Im RTL-Studio diskutiert SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück mit Wählern, die ihm mäßige Noten ausstellen: Eine Unternehmerin sagt gar, sie habe Steinbrück "für einen katastrophalen, arroganten alten Sack" gehalten. Das Unfassbare geschieht: Aus der Nähe wirkt der Politiker gar nicht so furchtbar.

Das Private ist politisch, in diesem Wahlkampf gilt der alte Slogan linksalternativer Aktivisten mehr denn je. Nicht wie früher, wo Fotos aus dem Familienurlaub oder ganze Homestorys in bunten Zeitschriften Privatheit vermitteln sollten.

Diese Art der Inszenierung hat ausgedient. Das liegt an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Keine Auftritte mit ihrem Ehemann im Wahlkampf, keine Einladungen an die Präsidenten befreundeter Staaten in ihre Berliner Wohnung oder in ihr Wochenendhaus in der Uckermark. Stattdessen Wagner in Bayreuth, Podiumsdiskussion mit der "Brigitte", zuletzt Geschichtsunterricht an einem Berliner Gymnasium. Merkel menschelt mit Kalkül, aber ihr Privatleben stellt sie nicht zur Schau.

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Peer und Gertrud Steinbrück lesen "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer".

(Foto: dpa)

Für Peer Steinbrück ist das ein Problem. Mit der Kanzlerin verbindet ihn diese gewisse Unbeholfenheit im Umgang mit dem sogenannten Bürger, die fast schon zu Merkels Markenzeichen geworden ist. Steinbrücks spröde Art dagegen zündet beim Wähler bislang nicht. Für Homestorys eignet auch er sich nicht - und seine Frau hat im Urlaub vermutlich lieber ihre Ruhe.

Doch es ist Wahlkampf, und so liest Gertrud Steinbrück auf dem Deutschlandfest der SPD gemeinsam mit ihrem Mann Auszüge aus dem Buch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" vor. Rund zwei Dutzend Kinder sind gekommen, dazu deutlich mehr Erwachsene. Die beiden lesen unter anderem die Stelle, als Jim und Lukas in der Wüste auf Herrn Tur Tur, den Scheinriesen, treffen. "Bitte, bitte, ihr Fremden, lauft doch nicht fort", ruft der ihnen zu. "Ich will euch gewiss nichts tun." Ob er auch schon mal einem Scheinriesen begegnet sei, fragt die Moderatorin nach der Lesung den Kanzlerkandidaten. Sehr vielen sogar, antwortet dieser. "Das heißt, man muss gar keine Angst vor ihnen haben?", fragt sie darauf. Steinbrück fühlt sich angesprochen. Amüsiert antwortet er: "Das unterstellt ja, ich könnte auch ein Scheinriese sein!"

Später an diesem Sonntag trifft Steinbrück im RTL-Studio auf Wähler, die zwar keine Angst vor ihm haben, deren Urteil über ihn sich aber nur im Grad der Ablehnung unterscheidet. "An einem Tisch mit Peer Steinbrück" heißt die Sendung und genau darum geht es: Steinbrück sitzt mit RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel und sieben mehr oder weniger normalen Bürgern an einem Tisch. Die gehen nicht gerade zimperlich mit dem Politiker um. Kloeppel bittet seine Gäste, sich zu überlegen, was für ein Tier Steinbrück darstellen könnte. Eine Schildkröte, sagt der 18-jährige Gymnasiast Mamdouh Butt aus Heidelberg, denn das sei "ein gefühlskaltes Tier". Außerdem sei Steinbrück "zu lahm, um ans Ziel zu kommen".

Als Kloeppel Steinbrück fragt, ob er sich getroffen fühle, sagt der nur "natürlich", bleibt aber erstaunlich locker und freundlich. Es ist nicht der einzige heikle Moment für Steinbrück. Die Unternehmerin Sina Trinkwalder spricht ihn darauf an, dass er bei einem Besuch in ihrer Näherei kürzlich kein Wort mit ihren Mitarbeiterinnen gewechselt, keiner der Frauen die Hand gegeben habe. Steinbrück wirke "nicht menschlich genug", schließt sie.

Auch jetzt bleibt Steinbrück entspannt. "Manchmal stimmen Images, die verteilt werden, ... nicht überein mit der Person, über die wir reden."

Das Konzept der Sendung passt gut in diesen Wahlkampf, in dem die Charaktere von Kanzlerin und Herausforderer ebenso häufig thematisiert werden wie ihre politischen Ziele. "Wir wollen den Zuschauern die Möglichkeit bieten, sowohl die politische als auch die persönliche Seite der Kanzlerin beziehungsweise des Kanzlerkandidaten der SPD kennenzulernen", hatte Kloeppel vor der Sendung gesagt, und dies gelingt. Die Runde ist eine angenehme Abwechslung zum oft akademischen Stil der üblichen Polit-Talkshows.

"Wieso nehme ich's Ihnen noch nicht ab?"

Natürlich geht es auch um Politik. Steinbrück weist Berichte zurück, die SPD könne bei ihrer Forderung nach Steuererhöhungen für Spitzenverdiener einen Rückzieher machen, er kritisiert die Politik der schwarz-gelben Koalition bei der Pflege als "vier verlorene Jahre". Und er riskiert einen Tabubruch in der Bildungspolitik: "Für meinen Hinweis, dass der größte Hinderungsgrund einer umfassenden Bildungsreform in Deutschland der Föderalismus ist, kriege ich Beifall. Aber das kommt einer Revolution gleich, dagegen ist der 9. November 1918 ein müder Abklatsch."

Die Schlüsselszene für die Verbindung von Person und Programm ist, als Sina Trinkwalder Steinbrück fragt, warum die SPD den gesetzlichen Mindestlohn nicht schon vor acht Jahren eingeführt habe. Sie sieht den Mindestlohn als Schutz von Arbeitgebern vor Dumping-Konkurrenz. Obwohl Steinbrück ihr beipflichtet, bleibt sie skeptisch: "Wieso nehme ich's Ihnen noch nicht ab?", fragt sie.

Zum Ende der Sendung geben die Teilnehmer der Runde Steinbrück eine Note. Die meisten hatten ihm vorher eine 4 gegeben und erteilen ihm nun eine 3. Nicht Sina Trinkwalder. Ihre erste Note für ihn war eine 4 minus. "Eigentlich wäre es eine 6 gewesen, hätten wir uns nicht schon früher kennengelernt", sagte sie, denn ursprünglich habe sie Steinbrück "für einen katastrophalen, arroganten alten Sack" gehalten. Jetzt sieht sie in ihm "einen charakterstarken Mann, dem es ziemlich egal ist, wie viele Fettnäpfchen auf ihn reintrommeln". Als Einzige am Tisch gibt Trinkwalder Steinbrück eine 1. Wie Herr Tur Tur immer weniger bedrohlich wirkte, je näher Jim Knopf und Lukas ihm kamen, umso weniger arrogant und "gefühlskalt" wirkt Peer Steinbrück, je länger man mit zusammensitzt. Der Scheinriese ist kleiner geworden, und das heißt in diesem Fall: freundlich, nahbar glaubwürdig.

Nach der Sendung diskutiert die Runde noch ein wenig weiter, der Heidelberger Gymnasiast bittet Steinbrück um ein gemeinsames Foto. In einer Woche wird Merkel an diesem Tisch Platz nehmen.

Programmhinweis:

n-tv zeigt Ausschnitte aus der Sendung "An einem Tisch mit Peer Steinbrück" an diesem Montag im Wahl-Spezial "Kampf ums Kanzleramt" um 12.30, 13.30 und 14.30 Uhr.

Quelle: ntv.de

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