Streit um "Turbo-Abitur"Hintergrund
Zwölf Jahre bis zum Abitur waren zu DDR-Zeiten normal. Nach der Einheit blieben Thüringen und Sachsen bei dieser Regelung. Neben Brandenburg (1991) und Mecklenburg-Vorpommern (1996) stellte auch Sachsen-Anhalt 1997 das Schulsystem auf 13 Jahre bis zum Abitur um. Seitdem gibt es auch in diesem Land Streit um Sinn und Unsinn von 12 oder 13 Schuljahren.
Nun können Gymnasiasten in Sachsen-Anhalt sich möglicherweise bald aussuchen, wann sie ihre Abiturprüfung ablegen wollen - nach zwölf, zwölfeinhalb oder auch nach dreizehn Jahren. Landeskultusminister Gerd Harms hat angekündigt, im Herbst Einzelheiten dazu vorzulegen. Bis dahin geht der alte Streit um die Gymnasialzeit weiter, und Einigung ist nicht in Sicht. Im neuen Schuljahr, das in der kommenden Woche beginnt, besuchen erstmals etwa 9100 Gymnasiasten die 13. Klasse. Damit wird ein Beschluss von SPD und PDS von 1997 umgesetzt, die sich gegen den erbitterten CDU-Widerstand durchgesetzt hatten.
Die Entscheidung fiel nach einer Empfehlung der Konferenz der Kultusminister. Darin war festgelegt, dass von der 5. Klasse bis zum Abitur insgesamt 265 Wochenstunden geleistet werden sollten. In Sachsen-Anhalt betrug die Stundenzahl bis zum Abschluss nach der 12. Klasse damals 240 Wochenstunden. Das Parlament entschied, die zusätzlichen Stunden nicht auf die zwölf Jahre zu verteilen, sondern einfach ein weiteres Schuljahr anzuhängen.
Die CDU startete unter dem Motto "12 vor 13" eine Kampagne, mit der sie die 13. Klasse am Gymnasium wieder abschaffen wollte. "Während viele andere Länder jetzt endlich von 13 auf 12 Jahre reduzieren, holt Sachsen-Anhalt den Ladenhüter 13. Klasse wieder 'raus", schimpfte der CDU-Landesvorsitzende Wolfgang Böhmer. Im neuen Schuljahr tritt außerdem der erste Jahrgang des Modellversuchs "13 Kompakt" in die Endphase. Die Schüler haben einen Teil der 11. Klasse übersprungen und eher mit dem Kurssystem begonnen. Nach dieser Regelung können etwa tausend Schüler an 15 Gymnasien bereits nach gut zwölfeinhalb Abitur machen. Der Vorteil: Die Schüler beenden die Schule im Frühjahr und können noch im Sommersemester das Studium aufnehmen.
Nach Ansicht der SPD sollte dieses Modell, wenn es sich bewährt hat, flächendeckend eingeführt werden. Auch die PDS, die in Sachsen- Anhalt die SPD-Minderheitsregierung toleriert, zeigte sich aufgeschlossen, zu den in der DDR üblichen zwölf Jahren bis zum Abitur zurückzukehren. "12 oder 13 - das ist nicht das Hauptproblem", sagte Harms kurz vor Schuljahresbeginn.
In diesem Jahr werden sich etwa 64 000 Schüler auf die 118 Gymnasien verteilen. "Mein Ziel ist es, dem einzelnen Schüler je nach seiner Leistungsfähigkeit die Möglichkeit zu geben, schneller oder langsamer zum Abitur zu kommen." Die CDU ist jedoch auch mit diesem Vorschlag nicht einverstanden. Die Regierung von Ministerpräsident Reinhard Höppner (SPD) fahre in der Bildungspolitik einen Zick-Zack-Kurs, lautet der Vorwurf. Böhmer hält fest: "Die CDU geht in den Landtagswahlkampf mit der klaren Aussage, nach einer kurzen Übergangszeit allen Schülern wieder ein Abitur nach zwölf Jahren zu ermöglichen."