Politik
(Foto: picture-alliance/ dpa)
Mittwoch, 08. Dezember 2010

"Operation Payback" rächt Wikileaks: Kreditkarten-Firmen gehackt

Das Netz schlägt zurück: Mit massiven Angriffen attackieren Hacker Firmen, die wie Paypal alle Zahlungen an Wikileaks gestoppt haben. Die Internetseiten von Mastercard und Visa sind lahmgelegt. Die "Anonymus"-Bewegung kündigt an, ihre Angriffe gegen Gegner von Wikileaks fortzusetzen. Visa und Paypal werden zudem verklagt.

Nach der Verhaftung von Wikileaks-Chef Julian Assange gehen Hacker-Gruppen massiv gegen seine Gegner vor. Cyber-Angriffe legten die Website des schwedischen Anwalts im Strafverfahren gegen Assange sowie Websites von Firmen lahm, die der Enthüllungsplattform die Zusammenarbeit aufgekündigt hatten. Derweil kündigte eine isländische Computerfirma Klage gegen das Kreditkarteninstitut Visa an.

Assange hatte sich am Dienstag der Polizei in London gestellt, nachdem die schwedische Justiz ihn per europäischen Haftbefehl wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung von zwei Frauen in Schweden gesucht hatte. Die Website der Kanzlei ihres Rechtsvertreters wurde nun Ziel von Hacker-Angriffen, wie der Anwalt der Frauen, Claes Borgström, in Stockholm sagte. Er beteuerte, das Vergewaltigungsverfahren gegen Assange habe mit den Wikileaks-Enthüllungen nichts zu tun. Zuvor war bereits die Website der schwedischen Staatanwaltschaft attackiert worden.

Hacker bekennen sich

Derzeit nicht erreichbar: Die Website von Mastercard.
Derzeit nicht erreichbar: Die Website von Mastercard.(Foto: AP)

Weiteres Ziel von Cyber-Attacken waren die Schweizer Postbank Postfinance, die Assanges Konto gesperrt hatte, sowie das US-Internet-Bezahlsystem Paypal, das nach der Veröffentlichung von Dokumenten des US-Außenministeriums durch Wikileaks dem Enthüllungsportal seine Dienste verwehrt hatte. Eine Gruppe von Aktivisten teilte mit, sie habe auch die Website des Kreditkarteninstituts Mastercard lahmgelegt. Es folgte die Seite von Konkurrent Visa. Mastercard und Visa hatten ebenfalls alle Zahlungen an Wikileaks eingestellt. Wegen der Zahlungsblockade will die isländische Computerfirma DataCell jetzt den Kreditkartenriesen Visa verklagen, wie sie in einer Erklärung mitteilte. Auch die zu den wichtigsten Spendensammlern von Wikileaks zählende Wau-Holland-Stiftung kündigte rechtliche Schritte gegen die unangekündigte Sperrung ihres Kontos beim Online-Zahlungsdienst PayPal an. "Durch diese willkürliche Entscheidung der Firma PayPal" habe die Stiftung keinen Zugriff mehr auf eingegangene Spenden über rund 10000 Euro, teilte die Organisation mit.

Zu den Hacker-Angriffen auf Mastercard und Visa bekannte sich die "Anonymous"-Bewegung, die 2008 mit Protestaktionen gegen die Organisation Scientology bekannt wurde. Sie bezeichnete die Aktion als "Operation Payback" (Operation Heimzahlung) und sprach von einer andauernden Kampagne gegen "freiheitsfeindliche Organisationen". Anonymous kündigte die Fortsetzung ihrer Offensive an. Jeder mit einer "Anti-Wikileaks-Agenda ist in unserem Angriffsbereich", erklärte sie. Die Gruppe zähle rund 4000 Unterstützer und gehe weiterhin gegen Institutionen wie PayPal, Mastercard, Postfinance und die schwedische Staatsanwaltschaft vor. WikiLeaks-Chef Assange steht nach eigener Aussage nicht hinter den weltweiten Hacker-Angriffen auf Unternehmensserver. Sein Mandant habe keine Anweisungen zu Attacken gegeben, sagte der Londoner Anwalt des Australiers.

Ku Klux Klan bleibt

Mastercard hatte am Montag ein Konto geschlossen, über das bislang Spenden für Wikileaks liefen. Zur Begründung hieß es, Assange habe bei der Kontoeröffnung falsche Angaben zu seinem Wohnort gemacht. Auch der Kreditkartenkonzern VISA stellte alle Zahlungen an Wikileaks ein. Das Unternehmen will nach eigenen Angaben zunächst prüfen, "ob die Tätigkeit von Wikileaks den Geschäftsbedingungen von Visa zuwiderläuft". Visa habe die Entscheidung ohne "jeglichen Druck einer Regierung" getroffen.

Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, haben die Kreditkartenunternehmen mit anderen umstrittenen Kunden offenbar kein Problem. So heiße es auf der Internetseite der Knights Party (The Knights of the Ku Klux Klan): "Spenden Sie online mit Ihrer Visa/Mastercard". Einzige Voraussetzung der Extremisten: Der Geldgeber möge "weiß und nicht von gemischtrassiger Abstammung sein." Auch ein "nicht weißer" Ehepartner ist ein Ausschlussgrund. Die Kreditkartenunternehmen verteidigten diese Unterscheidung mit dem Hinweis auf illegale Aktionen: Die Knights Party ist in den USA nicht verboten.

Auslieferung könnte anstehen

Ungeachtet der Verhaftung von Assange publizierte Wikileaks weitere geheime US-Dokumente. Wikileaks-Sprecher Kristinn Hrafnsson bekräftigte die Standfestigkeit des Enthüllungsportals. "Wir lassen uns keinen Maulkorb verpassen, weder durch rechtliche Schritte noch durch gemeinschaftliche Zensur." Assange bekam seinerseits Unterstützung durch den britisch-australischen Staranwalt Geoffrey Robertson, der ihn vertreten will.

Assange hatte sich in London der Polizei gestellt.
Assange hatte sich in London der Polizei gestellt.(Foto: REUTERS)

Als unklar gilt, ob und wann der durch die Wikileaks-Enthüllungen geheimer US-Dokumente berühmt gewordene Assange von Großbritannien an Schweden ausgeliefert werden könnte. Er weist alle Vorwürfe zurück und bezeichnet sie als Teil einer aus Washington gesteuerten Verschwörung gegen ihn.

Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich derweil unbeeindruckt zu den Beurteilungen deutscher Spitzenpolitiker in den US-Depeschen. Sie sagte, dass ein großer Teil dessen, "das wir hier über uns in Deutschland erfahren haben, Bestandteil einer jeden besseren Party" sei.

FDP kritisiert US-Politik

Das US-Verteidigungsministerium wollte sich derweil nicht zu Berichten äußern, dass Regierungsstellen ihrerseits hinter jüngsten Angriffen auf die Wikileaks-Website stehen könnten. Das Pentagon wisse nicht, was hinter den Problemen der Enthüllungswebsite stecke, sagte ein Sprecher. Die US-Regierung hatte die Veröffentlichung der Dokumente des US-Außenministeriums heftig kritisiert und sucht derzeit nach juristischen Möglichkeiten, Assange wegen Spionage anzuklagen.

Kritik am Vorgehen der USA kam von der FDP: "Es ist falsch, Wikileaks mundtot zu machen", sagte der Rechtsexperte der FDP-Bundestagsfraktion, Christian Ahrendt, der "Financial Times Deutschland" und sprach von "massiven Angriffen auf die Pressefreiheit". Australiens Außenminister Kevin Rudd warf den USA vor, durch unzureichende Sicherung selbst Schuld an der Veröffentlichung geheimer Diplomaten-Depeschen zu sein.

Bilderserie
Video

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen