Politik
Dienstag, 25. November 2008

Klar-Freilassung: Landshut-Copilot verbittert

Der ehemalige Copilot der 1977 entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" hat die angekündigte Freilassung des früheren RAF-Terroristen Christian Klar scharf kritisiert. "Dieser Mann hat mindestens neun Morde begangen, er war an elf Mordversuchen beteiligt", sagte Jürgen Vietor bei n-tv. "Er hat Unheil über zig Familien gebracht. Diesem Mann vergebe ich nicht, und wenn er zehn Mal sagt, er bereut es. Der Mann soll büßen."

Klar, der am längsten inhaftierte RAF-Terrorist, hat bislang keine Reue erkennen lassen. Auch sein Wissen über Details von Anschlägen gibt er nicht preis.

Als Betroffener urteile er vermutlich "etwas härter", sagte Vietor weiter. Vietor hatte nach der Ermordung des "Landshut"-Kapitäns Jürgen Schumann die Maschine mit 86 Passagieren und drei Stewardessen an Bord von Aden im Jemen zur somalischen Hauptstadt Mogadischu geflogen, wo die Geiseln von der Antiterroreinheit GSG 9 befreit wurden.

"Ich bin verbittert"

Juristisch sei die Entscheidung des Oberlandesgerichts Stuttgart "wohl gerechtfertigt". Dennoch werde er sein Bundesverdienstkreuz zurückgeben und damit ein Zeichen setzen: "Ich bin verbittert, ich bin enttäuscht und ich möchte mich solidarisch erklären für die vielen, vielen Opfer. Es sind Hunderte, die im Namen der RAF Opfer geworden sind."

Am Montag hatte das OLG Stuttgart entschieden, dass der 56-jährige Klar Anfang Januar vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird. Die Richter sahen keine Rückfallgefahr mehr. Klar war 1985 wegen neunfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er sitzt bereits seit 1982 im Gefängnis.

Zypries verteidigt Entlassung

Bundesjustizministerin Brigitte Zypris und weitere Rechtspolitiker verteidigten die Klar-Entlassung. "Rechtsstaatlich ist das ein ganz normaler Vorgang", sagte Zypries der "Passauer Neuen Presse". Klar habe schließlich 26 Jahre in Haft gesessen. Jetzt habe ein Gericht entschieden und den Rest der Strafe gegen Auflagen zur Bewährung ausgesetzt. Klar werde damit behandelt wie jeder andere Straftäter in Deutschland.

Zypries fügte hinzu, es wäre gut, wenn - vor allem im Interesse der betroffenen Familien - die Beteiligten ihren Beitrag leisten würden, damit die Taten der RAF endlich aufgeklärt werden können. "Das gilt für Herrn Klar genauso wie für alle anderen Mitglieder der RAF." "Einen Schlussstrich unter dieses Kapitel unserer Geschichte kann es so nicht geben."

Kritik an Berliner Ensemble

Die Deutsche Polizeigewerkschaft reagierte dagegen mit "Verbitterung". Rechtsstaatlich sei die Entscheidung korrekt, jedoch verletze sie zutiefst das Gerechtigkeitsempfinden von Polizisten wie auch von Angehörigen der Opfer. "Klar zeigt keinerlei Reueempfinden", sagte Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft, in Berlin. Er sei dem alten Denken verhaftet und verachte die Ordnung unseres Staates.

Wendt appellierte an die Stadt Berlin - wo Klar eine Praktikumsstelle am Berliner Ensemble antreten soll -, dem Ex-Terroristen "keine Bühne für offizielle Verlautbarungen zu bieten". Der Berliner CDU-Partei- und Fraktionsvorsitzende Frank Henkel wandte sich gegen das Praktikums-Angebot des Berliner Ensembles an Klar. "Das BE ist keine Besserungsanstalt für reuelose RAF-Terroristen", sagte er der "Berliner Zeitung".

Keine "Gefühle der Rache"

Hamburgs Justizsenator Till Steffen (Grüne) warnte davor, "an einem Einzelnen ein Exempel zu statuieren". Der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) sagte, unser Verhältnis zu Straftätern dürfe nicht von "Gefühlen der Rache" bestimmt werden.

Mit Blick auf Klars Schweigen bezeichnete Baum den Ex-Terroristen im Bayerischen Rundfunk als "Gefangenen der Ideologie" und "besondere Reizfigur". Das sei ärgerlich, doch auch für einen terroristischen Straftäter gelte das Grundgesetz. Steffen sagte der "Berliner Zeitung", es stehe Politikern nicht gut an, die Gerichtsentscheidung zu kommentieren. Die Gerichtsentscheidung sei zu trennen von der Frage, wie mit der Geschichte der RAF umzugehen sei.

Quelle: n-tv.de